Bischof Wolfgang Ipolt, Görlitz

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Auf der Flucht

Fast täglich berichtet in den letzten Wochen die Sächsische Zeitung davon, dass Flüchtlinge aus Belarus und anderen Ländern in unserer Stadt aufgegriffen werden. Wie wir inzwischen wissen, verdienen auch Schleuser an ihnen Geld. Der belarussische Präsident Lukaschenko legt es derzeit direkt darauf an, Menschen über Polen in die EU abzuschieben. Viele von ihnen sind zu Fuß unterwegs, andere verstecken sich in Autos, um möglichst nach Deutschland zu gelangen.

Bei uns bekommen die meisten von ihnen ein geordnetes Asylverfahren. Wir wissen, dass Millionen Menschen auf dieser Erde auf diese oder ähnliche Weise unterwegs sind, um in Sicherheit leben zu können oder um ihren Kindern ein besseres Leben anbieten zu können. Die Gründe für ihre Flucht sind ganz verschiedener Natur – immer aber ist eine Not im Spiel, die so groß sein muss, dass sie alles verlassen.

Beschämend für unsere Stadt Görlitz ist es, dass in den letzten Wochen rechtsradikale Gruppen in der Nacht im Grenzbereich unterwegs sind und auf eigene Faust die Polizei unterstützen wollen, indem sie Flüchtlinge aufgreifen und der Polizei manchmal unter Gewaltanwendung übergeben. „Schützt eure Heimat und eure Familien!“ posten sie dazu, wenn sie ihre Aktionen fotografieren oder sogar filmen und anschließend ins Netz stellen. „Wir sind an der Grenze und gucken, dass keine Leute illegal ins Land kommen“, sagt ein maskierter Mann in einem Video.

Ich bin erschrocken über solche nächtlichen Beschäftigungen von jungen Menschen. Was geht in ihnen vor, dass sie sich damit brüsten, ohne einen Auftrag unschuldige Menschen aufzuhalten und anzuzeigen und sich dessen zu rühmen? Es muss ihnen an jeglicher Empathie für diese Flüchtlinge mangeln. Menschenwürdiger wäre es, diesen auf der Flucht befindlichen Menschen in den jetzt kälter werdenden Nächten zum Beispiel eine warme Mahlzeit anzubieten. Aber so weit scheint der Verstand dieser rechtsextremen Gruppen nicht zu reichen.

Ich bin dankbar, dass in mein Herz ein Wort Jesu tief eingeschrieben ist: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“. (Mt 25, 35). Dieses Wort ist für mich, wie auch für die vielen Fremden, die derzeit über unsere Grenze kommen, Trost und Rückenstärkung. In jedem Flüchtling begegnet mir der Herr selbst und fordert mich heraus.

Ich wünschte mir, dass den nächtlichen, selbst ernannten Aufpassern irgendwann einmal Jesus gegenübertritt mit seinem richtenden Wort: „Ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen.“ (Mt 25, 42f.) Denn: Er allein kann ein verhärtetes Herz erweichen.

Bischof Wolfgang Ipolt, Görlitz

Siehe Veröffentlichung: basis-online.net