Date:24. Sep 2014

„Zivilisierung“ unserer Jenseitsvorstellungen

Zeichen der Zeit

Sonnenuntergang Indien -  Foto: Edeltraud Linden

Foto: Edeltraud Linden

In diesen Tagen fiel mir die Dissertation von Michael N. Ebertz in die Hände: Die Zivilisierung Gottes. Der Wandel von Jenseitsvorstellungen in Theologie und Verkündigung. Veröffentlicht als Band 14 in der Reihe Zeitzeichen, Schwabenverlag 2004. Ich dachte spontan: Daraus wird ein Beitrag zur Spurensuche. Bevor der Verfasser Ebertz sich der Theologie zuwandte, war er Soziologe und ist es geblieben. Damit spiegelt sich in seinem Leben das, was auch das Bemühen von uns Spurensuchern ist: Hinsehen: Was geschieht in weltlich-soziologischen Zusammenhängen? Und gleichzeitig die Frage, was sagt uns Gott damit? Seine Stimme hören in der Zeit.

Ein  Wandel im Lebensgefühl und im Bewusstsein der Menschen bringt auch einen Wandel mit sich in der Art wie die Inhalte des christlichen Glaubens erfasst werden können. Wir beklagen ja einen starken Plausibilitätsverlust unseres christlichen Glaubens und seiner Theologie, seine mangelnde Anschlussfähigkeit, seine eigenartige Fremdheit in unserer Kultur. In der traditionellen Kultur, aus denen die Älteren von uns noch kommen, schien Religion, speziell die christliche Religion, einfach, selbstverständlich, dazu zu gehören. Doch was sich in der Zeit immer deutlicher abzeichnete und nach einer neuen Deutung rief, wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil programmatisch und weithin hörbar ins Bewusstsein gehoben. Es braucht eine neue Heutigwerdung des christlichen Gaubens. Diese Feststellung hat geradezu revolutionär gewirkt. Betroffen ist, bei näherem Hinsehen, besonders das von Ebertz behandelte Gebiet: Tod, ewiges Leben, ewiger Lohn bzw. Strafe. Das traditionelle Christentum und jede Religion beziehen ja ihre eigentliche Plausibilität aus der Endlichkeit und Hinfälligkeit des menschlichen Lebens. Eine Änderung der Vorstellungen gerade auf diesem Gebiet musste besonders nachhaltige Folgen haben für das Selbstverständnis des religiösen Menschen und Christen. Und da können Verschiebungen im „natürlichen“, nicht spezifisch religiösen Bereich ebenso wichtig sein wie spezifisch religiöse Aspekte. Wenn es also z.B. einen Wandel in der Auffassung betreffs Strafvollzug gibt, wenn dieser insgesamt „milder“ geworden ist, welche Bedeutung hat dies dann für die entsprechenden Zusammenhänge im religiösen Bereich? Denn auch dort geht es – sehr zentral sogar – um Lohn, Strafe, Gerechtigkeit. Wenn also statt Strafe mehr der Aspekt Verständnis für die „konkrete Biographie“, Hilfe, Erziehung oder Resozialisierung statt Strafe und Abschreckung im Zentrum der Frage nach dem „gerechten“ Strafvollzug stehen, wie ist es dann mit den „Strafen“ im diesseitigen und speziell im ewigen Leben, von denen die Religionen zum Teil äußert konkrete und harte Vorstellungen haben? Und da dürfen wir sagen: Die Vorstellungen unserer Kultur sind insgesamt „zivilisierter“, menschlicher geworden. Auch die religiösen Vorstellungen sind es geworden, positiver, menschlicher, barmherziger, nachsichtiger. Das hat mit dem positiveren Gottesbild zu tun und gleichzeitig mit dem stärker auf Verstehen hin orientierten toleranteren Menschenbild. Beides als Frucht eines neuen Lebensgefühls und Bewusstseins, die sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr in einem zunächst säkularen Humanismus herausgebildet haben. Da mussten/müssen sich dann auch die Lohn- und Strafvorstellungen der Religion neu justieren. Haben sie dies – flächendeckend – schon genügend getan?

Doch die Frage nach der (ausgleichenden) Gerechtigkeit bleibt. Wenn es schon in diesem Leben nicht die adäquate Strafe und Möglichkeit zur Besserung und Wiedergutmachung gibt, dann soll es sie wenigstens im Leben nach dem Tod geben. Und überhaupt: Wird der Mensch ethisch richtig und gut handeln so ganz ohne die Aussicht auf Lohn oder eben auch so ganz ohne Androhung von Strafe? Man kann sich dies nicht so recht vorstellen, obwohl klar ist, dass es sich hier um ein minderes ethisches Motiv handelt. Und tatsächlich: Strafe schreckt nicht ab. Das mussten/müssen prügelnde Lehrer und Eltern ebenso erfahren wie Nationen, die bekannt sind für ihre harten Strafen. Das hat eben auch die Religion mehr und mehr zur Kenntnis nehmen müssen. Doch ist der Bewusstwerdungs-Prozess auf diesem Gebiet noch nicht in allem so richtig schon am Ende. Wie sieht ethische und religiöse Motivation aus, die (zivilisiert) auf das Bedürfnis und den Willen zum Gutsein setzt, die im Menschen (auch und gerade der Kinder) antreffbar sind?

Wie sieht – entsprechend – eine Jenseitsvorstellung aus, die, gläubig-vertrauenspädagogisch, darum weiß, dass manches noch auf einen (gerechten) Ausgleich wartet, darum weiß, dass noch manches im konkreten Menschen, Sünder und Bösewicht entfaltet werden will, auch korrigiert und weitergebildet werden will. Und dass dies alles in einem jenseitigen Leben möglich sein wird. Dies ist eine drängende Zeitenstimme und eine Stimme, die uns manches neu entdecken lassen kann in der Art, den christlichen Glauben aufzufassen und zu leben. Danach würde Gott den Menschen im Tod erst einmal freundlich aufnehmen und ihn willkommen heißen. In einem hellen Licht wird der Mensch sehen dürfen, was er an Gutem getan hat. Gott wird die Unebenheiten, Absurditäten und Leiderfahrungen und Bösartigkeiten dem einzelnen höchst persönlich so erklären, dass sie sozusagen in einem größeren Zusammenhang gesehen werden können. Er wird sich sozusagen vom Menschen richten lassen, jedenfalls sich rechtfertigen. Man wird im Himmel schnell aber auch bemerken, dass noch manches fehlt. Es wird Erziehung, eventuell auch regelrechte Läuterung geben. Das lateinische wort purgatorium meint ja Reinigungsort und nicht Fegfeuer. Es wird die Möglichkeit und Notwendigkeit geben, manches nachzuholen, aufzuholen, weiter zu entfalten, weiterwachsen zu lassen. Aber drin (im Himmel) ist man schon einmal.

Von der Hölle sollte man so reden, dass deutlich wird, dass man im Sinn der christlichen Lehre zwar glaubt, dass es den Teufel gibt, dass es aber ein widerliches Geheimnis ist, von dem man nicht gerne redet, schon gar nicht sagt, dass es so etwas ja einfach „braucht“. Schließlich gäbe es ja klare Regeln. Und jeder kenne sie, wenn er will. Und man sollte etwas von Hoffnung in sich spüren, dass die Hölle vielleicht doch nicht so ewig ist, zumal wir uns das, was „ewig“ ist, sowieso nicht so recht vorstellrn können.

Der Weg zum Himmel ist also breit und viele gehen ihn. Darf ich dies sagen? Soll ich dies sagen, es in dieser Weise sagen? Ich denke ja. Doch füge ich bei: Der Himmel hat viele Wohnungen und mancher „Umzug“ innerhalb des Himmels ist noch möglich bzw. angesagt. Es gibt da auch einen entsprechenden Bereich, wo (mit aktualisierter Pädagogik) Schule gehalten wird und wo die entsprechenden Haltungen eingeübt werden. Es wird Freude machen, an all derm teilzunehmen, aber eventuell auch immer wieder beschwerlich sein und Leid verursachen. Man wird entdecken, dass ein ethisch gelungeneres Leben auch schon hier auf Erden „mehr Spass gemacht“ hätte, mehr Befriedigung gebracht hätte, als ein „böses“ Leben. Aber auch diese Erkenntnis wird zur Freude werden, weil man umso mehr die höfliche Nachsicht und Barmherzigkeit – ein zentrales Wort unserer heutigen Kultur – Gottes und der himmlischen Mitbewohner spüren darf und man sich nicht mehr zu „zieren“ braucht.

Es geht um die Menschheitsfrage nach der „wahren Religion“, um Zivilisierung unserer religiösen Vorstellungen. Eine menschenfreundliche, eine durch Wertschätzung den Menschen im Guten und Religiösen fördernde Religion, ist erwünscht. Dies ist die Hoffnung, der „Imperativ der Zeit“, des Lebensgefühls und Bewusstseins breiter Schichten ihrer Menschen. Hier findet das eigentliche aggiornamento statt, sollte es stattfinden. Ich nenne es gerne das „westliche Projekt einer Religion in Freiheit“. Symbol dafür ist die reich verzierte und in den letzten Jahrzehnten neu entdeckte (oft reich verzierte) Osterkerze. Auch viele evangelische Gemeinden haben sie inzwischen von den Katholiken übernommen. Ein gelungener ökumenischer Transfer.

Herbert King

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