Datum:07. Jul 2010
Schlüsselwörter:, ,

Zeitzeichen: neue Behutsamkeit im Umgang mit der Sexualität.

Zeichen der Zeit

morscher Baum

 

Neue Kultur der Sexualität

Allgemeine Erkenntnis der schlimmen Folgen des sexuellen Missbrauchs. Zeitenstimmen lesen heißt, dem Zeitempfinden nachgehen, Zeiterkenntnissen, neuen und alten, neu entdeckten Zeiterkenntnissen nachgehen. Eine wichtige Erkenntnis unserer Zeit, wirklich, inzwischen aller, hoffentlich, ist die Erkenntnis, dass sexueller Missbrauch so schlimme Folgen hat. Das hat man irgendwie nicht gewusst, nicht wissen wollen. Aber jetzt weiß man es. Und es ist wichtig, dieses Wissen nicht wieder zu vergessen. Ja, es sogar noch mehr zu vertiefen. Wohlgemerkt, es geht dabei nicht nur um Gewalt. Sondern um all die meistens sehr „sanften“ Formen sexueller Berührungen und Irritationen.

Fokusierung auf Kirche.

Die Gefahr ist, dass dies einseitig als Sache der katholischen Kirche im Zeitgedächtnis haften bleibt, und man schnell sagt, dass ihre repressive Sexualmoral und nicht zuletzt der Zölibat daran schuldig sind. In der Sommerausgabe von „Emma“ lese ich:

„Dass man nun alles auf die Kirche projiziert, ist natürlich ein großes Ablenkungsmanöver. Seit 1991 arbeitet Zartbitter zum Thema ‚Missbrauch in Institutionen‘, aber wir sind nie gehört worden… Es gibt bisher in der Debatte nur ein paar Einzelstimmen, die darauf aufmerksam machen, dass Missbrauch am häufigsten in Familien vorkommt…Und im Bereich Täterinnen, weil wir darüber tatsächlich so gut wie nichts wissen…Ich gehe von 15 bis 20 Prozent Täterinnen aus…Aber bitte keine Anzeigepflicht! Diese Forderung von Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger ist für mich eine scheinheilige Ignoranz den Opfern gegenüber. Die Justizministerin soll bitte erstmal dafür sorgen, dass ihr eigener Bereich opfergerecht wird… Und es wäre natürlich zentral, dass auch am Runden Tisch einmal das Wort ‚geschlechtsspezifisch‘ fiele, das nach meinen Informationen bisher dort nahezu tabu ist… Etwa die Hälfte der Beratungsfälle bei Zartbitter sind sexuelle Übergriffe unter Kindern oder durch Jugendliche. Ein Drittel der Tatverdächtigen bei Sexualdelikten in der Bundeskriminalstatistik sind heute Jugendliche unter 18 Jahren. Trotzdem gibt es in Deutschland einen eklatanten Mangel an Projekten für jugendliche Täter. Und einen größeren Mangel für übergriffige Kinder“

(Runder Tisch bei Emma. Was Frauen an der Beratungs-Front zum Thema Missbrauch zu sagen haben, a.a.O., 36-45.)

Missbrauchsgeschichte der Linken.

Mehr und mehr wird sichtbar, dass es sich hier tatsächlich um einen sehr weit verbreiteten Missstand handelt. So gerät auch die sogenannte „68er Generation“ ins Visier der Aufmerksamkeit. Der Spiegel (vom 21. 6. 2010, 40-45) schreibt dazu:

„Auch die Linke hat ihre Missbrauchsge-schichte: Zu den Projekten der 68er gehörte die sexuelle Befreiung der Kinder, der Bruch aller Schamgrenzen wurde bei einem Teil der Bewegung zum Programm. So entstand ein Klima, in dem selbst Pädophilie als fortschrittlich galt…Es ist in Vergessenheit geraten, aber gerade die 68er und ihre Nachfolger waren von einer seltsamen Obsession ergriffen, was die kindliche Sexualität angeht. Das Kapitel kommt in den Feierstunden der Bewegung nie vor. Die Veteranen scheinen in diesem Punkt von einem akuten Gedächtnisschwund befallen, dabei wäre eine Aufarbeitung auch dieser Umwälzung der Verhältnisse durchaus lohnend. Zur Wahrheit in der Debatte über den sexuellen Missbrauch gehört, dass die Verwirrung, wo die Grenzen im Umgang mit Kindern liegen, sich nicht auf die katholische Kirche beschränkte. Tatsächlich beginnt in den sogenannten fortschrittlichen Milieus eine Sexualisierung der Kindheit… Mangelnder Respekt vor den Grenzen ist eine schöne Formulierung. Man kann auch sagen: Die Grenzen wurden gewaltsam eingerissen.“

Die Kultblätter der außerparlamentarischen Linken wie „taz“ und „konkret“ traten in Wort und Bild (!) offen für Kindersexualität ein.

Vertreter der katholischen Kirche (Priester und Laien) haben vielfach durch Missbrauch gesündigt. Aber öffentlich gerechtfertigt oder geradezu empfohlen hat dies keiner von ihnen.

Für eine neue Behutsamkeit im Umgang mit dem Thema Sexualität.

Dass Missbrauch, nicht nur der gewalttätige, so schlimme Folgen hat, ist zunächst eigentlich kaum zu glauben. Und doch ist es so. Da muss doch die Frage aufkommen: Warum eigentlich? Was sagt dies über das Wesen der Sexualität?

Dies ist allerdings nicht ebenso erforscht wie – Gott sei Dank – inzwischen die schlimmen Folgen. Da steht immer noch die allgemeine Erwartung hemmend im Weg, dass Sexualität „freigegeben“ sein muss. Wir leben in einem Land und einer Kultur, in dem es vielfach den Anschein hat, dass Sexualität rein zum Spass da ist. Und ein öffentliches Klima regelrechter sexueller Nötigung vielfach herrscht. Und wo jeder, der Regeln und Grenzen anmahnt, verunglimpft wird, sich auf seine Verklemmung befragen lassen muss, weshalb er am Besten nichts sagt.

Doch kommen wir an folgender Überlegung nicht mehr vorbei: Wenn es Kindern und sogar Jugendlichen so schadet, wenn sie „missbraucht“ werden, dann schadet es möglicherweise in bestimmten Zusammenhängen auch Erwachsenen. Dann schadet es ja wohl insgesamt, wenn mit Sexualität nicht ganzheitlich, achtsam, liebend und personal umgegangen wird, dass es also auch irgendwie so etwas wie den Jugendlichen- und Erwachsenenmissbrauch gibt.

Ebenso wichtig wie die Debatte über Kindesmissbrauch wäre/ist also jetzt eine öffentliche Debatte über Wesen und Bedeutung gesunder Sexualität, über das, was man gerne Kultur einer auch seelisch verstandenen Sexualität nennt. Nicht so sehr um Moral geht es. Es geht um seelische Kultur.

Zeitenstimmen.

Erst seit kurzem, so weit ich sehe, kann man einzelne Stimmen (Zeitenstimmen) feststellen, die auf diesem Gebiet Bedenken anmelden. Ein wichtiges Fanal, kann man wohl sagen, ist das Buch von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher:

Deutschlands sexuelle Tragödie. Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist. München 2008.

Das Buch hat eine breite Diskussion ausgelöst. Nachzulesen in: Generation Porno. Jugend, Sex, Internet. Köln 2010.

Ein besonders hoffnungsvolles Zeitzeichen – so scheint mir – auf diesem Gebiet – ist die neue Publikation von Allan & Barbara Pease:

Warum Männer immer Sex wollen und Frauen von der Liebe träumen, Berlin 2009.

Es ist zeitgleich in einer ganzen Reihe von Sprachen veröffentlicht und ist in jedem der entsprechenden Sprachräumen in kürzester Zeit auf die Bestseller-Liste gekommen. Das gleiche (australische) Ehepaar ist uns – denke ich – zuvor bekannt geworden durch seine Publikation: Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken. Der Titel mag nicht so recht gelungen sein. Doch seit gut zwei Jahrzehnten ist dieses Buch, ebenfalls in den verschiedenen Sprachräumen, führend auf dem Gebiet der Herausarbeitung der Unterschiede von Mann und Frau. Die deutsche Ausgabe ist im Augenblick bei der 38. Auflage. Jetzt schreibt also das gleiche Ehepaar zu der unterschiedlichen Auffassung und Erwartungshaltung der Sexualität:

„Nirgendwo ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern so groß wie in Sachen Sex und Liebe.“

Zu diesem Thema auch eine Stimme von Sigrid Neudecker (Mitglied des Redaktions-Teams von ZEIT Wissen):

„Wenn Sie mich spontan fragen, wie ich die moderne junge Frau in Sexdingen charakterisiere, würde ich antworten: lebt ihre Sexualität selbstbewusst aus! Hat sich über verstaubte Rollenmodelle hinweggesetzt! Hat endlich ‚Sex wie ein Mann‘! Kommt und geht! Dieses Bild beiseite zu schieben und ein anderes überhaupt zuzulassen, ist richtig anstrengende Denkarbeit. Sogar dann, wenn wir insgeheim spüren, dass dieses Bild nicht unserer realen Persönlichkeit entspricht. Aber auch diesen Gedanken lassen wir erst gar nicht zu… Oder kann es sein, dass wir alle davon träumen, nur weil wir seit Jahren eingetrichtert bekommen, dass wir angeblich drauf stehen? Es ist verdammt schwierig, diese von anderen Personen vorgegebenen Sex-Standards auszublenden und sich über seine tatsächlichen Gefühle klar zu werden, ohne jegliche Fremdbeeinflussung.“

(Wie war ich? Der Mythos vom perfekten Sex. Fischer TB 18232, Frankfurt/M 2009, 74 f.)

Beitrag einer auch weiblich geprägten Sexualkultur.

Auf dem Gebiet der Sexualität ist unsere westliche Kultur zu einseitig männlich geprägt. Sie kann deswegen nicht genügend mit der Ergänzung, Beseelung, ja Domestizierung durch eine spezifisch weibliche Sexualität rechnen. Dieses Thema hat die feministische Bewegung (bei all ihren Verdiensten) bisher nicht eindeutig genug frauenspezifisch angegangen. Da war sie dann doch zu einseitig in den Fängen des „wie der Mann sein wollen“ und zu wenig beim „aus ureigensten Quellen Frausein“.

 

Herbert King

 

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen