Date:11. Nov 2007

Zeitenstimme Dalai Lama und Buddhismus

Zeichen der Zeit

Palmen

 

Zeitenstimme Dalai Lama und Buddhismus
Ein zehntägiger Besuch des Dalai Lama in Deutschland liegt hinter uns. Der Dalai Lama ist durchaus kein Fremder in Deutschland. Durch viele Auftritte, meistens in Großveranstaltungen, und durch viele Bücher mit hoher Auflage, ist er sehr präsent unter uns. So haben sich vor einem Jahr z.B in Wiesbaden – fast allein durch Plakatwerbung – um die 30 000 Menschen versammelt, um ihn zu erleben. Beim ökumenischen Kirchentag in Berlin war seine Veranstaltung auf der Waldbühne eine der größten überhaupt. Dabei werden seine Vorträge Wort für Wort aus dem Englischen übersetzt. Also sprachlich gesehen nicht eben interessant. Und dennoch: „Eine regelrechte Welle schwappte dann in vergangenen Jahren durchs Land“. „Den Dalai Lama muss man einfach mögen, den lieben alle“ heißt es. Vor allem bei jungen Leuten unter dreißig, die höhere Schulen besucht haben, ist sein Ansehen besonders groß. Sie erwarten konkrete Ratschläge für ihr persönliches Leben. „Lamaismus gilt als en vogue überall im Westen.“

Im Vorfeld des Besuches des Dalai Lama in Hamburg bringt Der Spiegel eine ausführliche Würdigung der Persönlichkeit des Dalai Lama und stellt interessante Überlegungen an über mögliche Gründe seiner seit Jahrzehnten anhaltenden Bedeutung. Er schreibt:

„Mehr als 30 000 Besucher aus aller Welt werden erwartet. Auf sämtlichen Kanälen laufen Vorberichte, Galerien veranstalten Sonderschauen mit den eindruckvollsten Fotos aus seinem Leben, im Szene-Kino Abaton sind Tibet-Filmwochen angesagt. Von einer regelrechten ‚Dalai-Lama- Mania‘ wie bei einem Popstar berichten die Veranstalter. Kein Wunder- wir Deutschen sind nicht nur Papst. Wir sind jetzt auch Dalai Lama. In kaum einem anderen Land fühlt sich der Religionsführer nach eigenem Bekunden so wohl wie in Deutschland, ‚fast heimisch‘. Und die Bundesbüger überschütten ihn im Gegenzug geradezu mit Sympathie und Zuneigung. Sie fühlen sich von dem warmherzigen, stets lächelnden Mönch mit dem kahlen Schädel, der dunkelroten Kutte, der altmodischen Goldrandbrille und den Impfnarben am Oberarm, diesem seltsamen Heiligen mit den zum Segen vor der Brust erhobenen Händen, sogar mehr angesprochen als vom bayrischen Pontifex.“

„Der Dalai Lama. Der Gott zum Anfassen“ titelte Der Spiegel. Ein „spiritueller Superstar“. „Der Dalai Lama ist hier populärer als der deutsche Papst.“ „Wie so oft beim Dalai Lama – nicht unbedingt, was er sagt, sondern wie er es sagt, überzeugt die Zuhörer. Ihm nimmt man sein Engagement ab. Er verkörpert, was er lebt. Er lebt, was er sagt“. Er wird mit Jesus von Nazareth verglichen und ihm an die Seite gestellt.

Seine Titel:
„Ozean der Weisheit!
„Unvergleichlicher Meister“
„Herr des Weißen Lotus“
„Das wunscherfüllende Juwel“

Offizielle Anrede:
„Seine Heiligkeit“.
„Prominentester Asylant der Welt“
„Prophet der Gewaltlosigkeit“
„Rastloser Reisender für die tibetische Sache“ „Friedensnobelpreisträger“
„Staatsfeind Nummer. eins“
„Eine der bekanntesten Persönlichkeiten der Welt“

Der Dalai Lama hat seine spirituellen Wurzeln im Buddhismus. Dieser genießt vor allem unter den Jüngeren und den akademisch Gebildeten in Deutschland „mehr Sympathien als das Christentum.“ Weltweit gesehen gibt es rund 450 Millionen Buddhisten. Damit ist der Buddhismus die viertgrößte Religionsgemeinschaft. Mehr als eine Viertelmillion Deutsche werden – nach Der Spiegel – inzwischen buddhistischen Gruppen zugerechnet. Darunter Politiker, Professoren, Manager, Werbetexter, Wirtschaftsführer. Die Zahl der Sympathisierenden ist um ein Vielfaches höher. Der Buddhismus ist ja viel weniger eine straff organisierte Institution als viel mehr eine Lehre und Bewegung.

Der Dalai Lama/Buddhismus antwortet auf das Verlangen nach Spiritualität, Innerlichkeit, Tiefe, Lebens-Sinn, Erleuchtung (das zentrale Wort), Selbsterkenntnis, spirituelle Leidbewältigung. Fasznierend ist der „unbeirrbarer Glaube an das Gute im Menschen“. Die Botschaft und die Praxis des „gewaltlosen Widerstandes“.

Jedenfalls für die westliche Version des Buddhismus – so scheint es mir – stellt er, dem Spiegel folgend, einen Glauben dar, der das Individuum kaum zu etwas nötigt, der viel Spielraum zum eigenen Denken lässt, auf Andersdenkende in der Regel nicht hinabschaut. Zweieinhalb Jahrtausende weitgehende Friedfertigkeit vorweisen kann, keine grausame Inquisition hervorgebracht hat und durch „stets heiter wirkende Mönche“ äußerst attraktiv ist.

„Viele Menschen im Westen suchen einen spirituellen Tröster, einen Buddha unserer Zeit, einen Gott zum Anfassen – und glauben, ihn im Dalai Lama, diesem Menschen mit Schwächen gefunden zu haben“. Der Dalai Lama, halb ironisch: „Wenn das so ist, sagt es wohl mehr über Sie aus als über mich“. So ist es natürlich. Der Dalai Lama als Projektionsfläche für in der westlichen Kultur und Un-kultur nicht gelebten Dimensionen der menschlichen Seele, vor allem ihres Hungers nach Transzendenz und unsichtbaren Werten.

Interessant die immer wiederholte Aufforderung des Dalai Lama, die eigene Religion, das Christentum, überhaupt Religion, ernstzunehmen.

Natürlich hat das Ganze auch mit Illusionen von Menschen zu tun, die die konkreten Erscheiungsweisen des Buddhismus und seine reale Geschichte nur aus der Ferne kennen (so der Benediktinerabt Notker Wolf im „Spiegel“). Die Negativ-Seiten der konkreten Ausübung des Buddhismus und seiner Geschichte in Asien werden kaum zur Kenntnis genommen. Wir haben es mit einer westlichen Assimilation und Verarbeitung des Buddhismus zu tun. Als solche kann sie allerdings bereichernd wirken.

Was bedeutet es für das Christentum, dass der Dalai Lama und der Buddhismus viele Menschen und Christen faszinieren? Welche Defizite gibt es da? Ist die christliche Religionsausübung nicht zu einseitig kopflastig, begrifflich und präzise definiert, zu einseitig ethisch und ritualistisch, als dass sie dem Menschen unserer Tage genügend Hilfe zur Weckung und Beantwortung seines Gotteshungers sein kann? Wer kann helfen und wie kann geholfen werden, dass unsere Kirchen ein Mehr an Spiritualität, Gotteserfahrung vermitteln bzw. dazu anleiten (wie es zB. in der „Spurensuche“ praktiziert wird). Wie können sie besser mit den „irrationalen Wurzeln des Glaubens“ (J. Kentenich) umgehen?

Ich denke, dass der Dalai Lama und der Buddhismus eine echte Gottesstimme darstellen, die uns nachfragen lassen, ob nicht etwas zu kurz kommt bzw. ganz fehlt in unserer Art den Glauben zu leben und zu verkündigen.

Herbert King
Die Zitate sind alle aus: Der Spiegel vom 16.7.07.

 

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