Willkommenskultur

Zeichen der Zeit

afrikanisches Mädchen - Foto: RPI Graz

Foto: RPI Graz

Ein neues Wort, „Willkommenskultur“, prägt zur Zeit das öffentliche Bewusstsein und Lebensgefühl in unserem Land. Es ist erstaunlich, mit wieviel Wohlwollen, Freude, Entgegenkommen und Hilfsbereitschaft von breiten Schichten unserer Bevölkerung dem Strom der Flüchtlinge in unser Land begegnet wird.

Woher dies? Es passt doch gar nicht in unser Selbst-Bild des „hässlichen Deutschen“. Und doch kann bei näherem Hinsehen auf das, was sonst und alltäglich in unserem Land passiert, dies auch nicht unbedingt erstaunen. Oft und oft habe ich den Eindruck bekommen, dass man gerne mehr tun würde, wenn es nur mehr offensichtliche Not gäbe. Dass man ins Ausland gehen muss, um solche Not zu finden. Und dies vielfach auch tut. Nicht zuletzt unsere Jugendlichen tun dies in großer Zahl. Diese Tatsache prägt mein Bild von der heutigen Jugend mehr als manches Schlechte, was es da auch gibt. Und direkt zahllos sind die vielen Helfer und Helferinnen, die über entsprechende Organisationen, nicht zuletzt auch der Kirchen, da Dienst tun. Spätestens bei großen Unglücksfällen, wie zuletzt in Nepal, kann man so zwischen den Zeilen der Berichterstattung, vernehmen, dass da jeweils schon seit Jahren Helfer und Helferinnen, wie ich sie kurz nennen will, im jeweiligen Land sind.

Nach der Abschaffung der Wehrpflicht und des möglichen sozialen Ersatzdienstes wurde die Möglichkeit eines freiwilligen sozialen Jahres für alle eingeführt. Doch es gibt bei weitem nicht genügend Plätze für die Bewerber, die es da gibt. So viele sind es, die da gerne noch mehr täten.

Typisch für unsere christliche Spiritualität ist im Unterschied zu manchen anderen Ländern die Tatsache, dass sie eigentlich weniger religiös als ethisch-sozial motiviert ist. Ein Land der Nächstenliebe? Der sozialen Gerechtigkeit? Der Hilfsbereitschaft? Ja, sicher. Natürlich gibt es auch das andere, das dann auch schnell beschämend genannt wird und werden muss. Es fällt uns ja sowieso nicht so ohne weiteres leicht, etwas Positives über uns zu sagen, ohne gleich in Selbtsanklagen zu verfallen. Sagen wir für die Erfahrung, die wir in diesen Tagen mit der Hilfsbereitschaft vieler unserer Mitmenschen oder unserer eigenen Hilfsbereitschaft machen, einfach einmal „Danke“. Und freuen wir uns über uns.

Was da geschieht, hat in manchem Züge von Euphorie. Es wird von den Medien mit der Euphorie des „Sommermärchens“ der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland vor einigen Jahren verglichen Das Land befand sich damals über Wochen ja wie in einem Taumel und zeigte sich vor sich selbst und vor der Weltöffentlichkeit von seiner lockeren, spontanen, menschlichen und freudigen Seite. Zur eigenen und zur fremden Überraschung. Die englische Presse schrieb damals, voller Staunen: Die Deutschen scheinen sich zu mögen, wir können beruhigt sein und ihnen trauen.

In einem Atemzug kann dann die Euphorie anlässlich der Wiedervereinigung genannt werden. Und tatsächlich: Gott, ja er höchstpersönlich, wir sind ja hinter seinen Spuren her, hat da unserem Land eine Grunderfahrung geschenkt, die wir nie vergessen dürfen und die uns hilft, die vergangene Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts mit seinen zwei Weltkriegen nicht als das eigentlich Typische Deutschlands zu verstehen. Nicht eine blutige Revolution, nicht die Niedermetzelung von Feinden hat zur Vereinigung geführt, sondern es geschah „durch Gebete und Kerzen“. Und übereinstimmend wird es als Wunder bezeichnet. Wunder von Leipzig, Wunder von Berlin, Wunder inmitten Deutschlands, inmitten seiner Wunden und Erinnerungen voller Scham wegen der Gräuel, die von dort ausgingen.

Sich des besseren Selbst der Nation bewusst werden. Ein Schatz, möglicherweise, bzw. sicher, auch in zerbrechlichen Gefäßen. Umso mehr gilt es, ihn zu schützen und zu pflegen und daraus ein Lebensgefühl der Dankbarkeit zu beziehen.

Herbert King

Website Sommerimpulse

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