Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, Erfurt


Foto: Hubertus Brantzen

Erinnerung an einen Freund des Ostens

In diesen Tagen muss ich von einem guten Freund Abschied nehmen, der nach einer schweren Krankheit verstorben ist. Ich habe ihn kennengelernt, als er Theologiestudent in Aachen war und Interesse zeigte, sich mit Theologiestudenten aus dem „Osten“ zu treffen. Diese Treffen wurden immer im Zusammenhang mit der Leipziger Messe organisiert. Da war es nichts Besonderes, wenn „Westbürger“ nach Leipzig zur Messe fuhren. So traf sich in einem Gemeindehaus in Leipzig die Gruppe aus Erfurt, zu der ich gehörte, und die Gruppe aus dem Priesterseminar des Bistums Aachen. Zuerst tauschten wir ein paar Informationen über unser bisheriges Leben aus und kamen auch auf pastoraltheologische Themen zu sprechen. Beide Seiten interessierte, wie man im „Osten“ und im „Westen“ Seelsorge macht. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns gegenseitig irgendwie übertreffen wollten. Junge Menschen waren gemeinsam auf der Suche nach einer guten Seelsorge in ihren Diözesen und fanden somit schnell zueinander.

Mein neuer Freund gefiel mir, weil er so unkompliziert und offen auf mich zuging. Er rauchte Pfeife, und ich habe bis heute noch den Geruch seines Tabaks in der Nase. Wir blieben im Kontakt per Brief und er übermittelte mir auf so manchen spannenden Wegen theologische Literatur bis hin zu einer elektrischen Schreibmaschine mit Display im Jahr 1987. Das war bei der Erarbeitung meiner Dissertation eine gewaltige Hilfe. Wir organisierte illegale Treffen von Jugendlichen aus „Ost“ und „West“ in der damaligen Tschechoslowakei und freuten uns, wenn auf diese Weise Vorurteile von Jugendlichen in „Ost“ und „West“ abgebaut werden konnten, denn nicht alle Jugendlichen hatten familiäre Beziehungen, die einen solchen Prozess hätten ermöglichen können.

„Brückenbauer“ möchte ich meinen verstorbenen Freund nennen, der auch als Pastoralreferent nach seinem Studium sich besonders um die Integration von Portugiesen in seiner Diözese gesorgt hat. Brückenbauer brauchen wir an allen Orten – innerhalb und außerhalb der Kirche. Es sind Menschen, die mit ihren Fähigkeiten ganz selbstverständlich auf andere zugehen und sich nach der Befindlichkeit im Auf und Ab des Lebens erkundigen. Sie sind damit nicht begierig, mehr zu wissen als andere, sondern ihr Interesse ist der konkrete Mensch, der Anschluss an die Gesellschaft und auch an die Kirchgemeinde sucht.

In diesen Tagen der Fastenzeit schauen wir besonders auf den „Brückenbauer“ Jesus Christus, der mit seinem Leiden und Sterben Himmel und Erde wieder verbunden hat. Diese Aufgabe kostete ihn das Leben. Sie ist jedoch so segensreich geworden, dass auch wir als Glaubende davon profitieren, denn alle Not kennt einen Ausweg. Von Herzen wünsche ich mir, dass noch viele Menschen durch uns Christen diesen Brückenbauer lieben lernen. Dann wird Ostern mehr als ein paar freie Tage sein. Dann ist es Erlösung und grenzenlose Freude.

Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, Erfurt

Siehe Veröffentlichung: basis-online.net

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