Weihbischof Dr. Reinhard Hauke

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Gefühlte Zeit

In den Kirchen stehen vielfach noch die Weihnachtskrippen und Weihnachtsbäume. Erst mit dem Fest der Taufe Jesu am Sonntag, den 13. Januar, ist in diesem Jahr regulär die Weihnachtszeit beendet. In den Kaufhäusern gibt es die Weihnachtsschokolade schon zum halben Preis und  die Weihnachtsbäume werden bei uns am 11. Januar von der Stadtwirtschaft abgeholt. Wir singen bis zum Fest der Taufe Jesu noch die Weihnachtslieder in den Kirchen und bedenken das Wunder der Erscheinung Gottes als Mensch im Kind von Betlehem. Die Mehrheit der Bevölkerung ist aber schon wieder in den Alltag zurückgekehrt und plant den Sommerurlaub.   

Es ist für mich damit die Erfahrung, dass nicht immer die vom Kirchenkalender angegebenen Zeiten und Feierinhalte mit dem Gefühl der Menschen übereinstimmen. Auch persönlich kann es da Unterschiede geben. Ich habe zwar meinen 65. Geburtstag gefeiert, aber ich tue mich schwer, jetzt alle Vergünstigungen als Rentner – was ich eigentlich ja sein könnte – in Anspruch zu nehmen. Ich bin noch weiterhin gern in der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz tätig und helfe der KJG (Katholische Junge Gemeinde) als Kontaktbischof zur Bischofskonferenz mit großer Freude. Sind deshalb Kirchenkalender oder Geburtsurkunden überflüssig?

Ich denke: Sie helfen uns, das Leben zu regeln und darüber nachzudenken, wie einerseits die Tage schon geprägt und geformt sind, aber anderseits es dennoch weiterhin eine gefühlte Zeiteinteilung gibt, die nicht immer mit der äußeren Vorgabe übereinstimmt. Ich muss mich deshalb nicht schämen oder einen Psychiater aufsuchen. Ich spüre meine Freiheit, aber ich spüre auch, dass ich eingebunden bin in Zeit und Geschichte.

Die Geburt Jesu in Betlehem beinhaltet sowohl die Tatsache, dass Gott sich einbinden lässt in die Geschichte und deshalb ja auch von konkreten Kaisern, Königen und Statthaltern im Evangelium die Rede ist, aber auch die Tatsache, dass Gott frei ist in der Gestaltung dieses Weges durch die Geburt von einer Jungfrau und durch den Leidensweg des Messias, was wohl nur selten bei den Gläubigen im Blick war.

Das gibt auch mir den Plan für mein Leben vor: Ich stehe in einer konkreten Geschichte als Weihbischof in der thüringischen Diaspora und ich habe die Möglichkeit, aufgrund der Worte in der Heiligen Schrift und der Anregungen des Heiligen Geistes Geschichte neu zu prägen. Ich erlebe den Zeitgeist meiner Mitmenschen und habe den Geist der Freiheit, der mir erlaubt, den Zeitgeist zu durchbrechen und zu hinterfragen. So gehe ich auch in das neue Jahr in einer heilsamen Spannung und mit Zuversicht, denn Gott hat es ebenso gemacht und Heil dadurch bewirkt.

Weihbischof Dr. Reinhard Hauke, Erfurt

Kommentar aus: basis-online.net


 

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