Datum:24. Mrz 2015
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Von Gott verlassen?

 Von Gott verlassen fühlen sich Menschen, die unter der Wucht von Leid, Krankheit, Einsamkeit zusammenzubrechen drohen. Die Stunde der tiefsten Verlassenheit teilt Jesus Christus mit uns – in Gethsemani.
In der hier vorliegenden Wort-Gottes-Feier wird Jesu Todesangst, aber zugleich seine Hingabe an den Willen Gottes thematisiert. Jesus nimmt den Kelch des Leidens an, gibt sich ganz in die Hand seines Vaters.


Gründonnerstag

„Nimm diesen Kelch von mir.

Aber nicht was ich will, sondern was du willst.“

    Bild: Christus am Ölberg, Äthiopische Miniatur aus dem Evangeliar des Kaisers Fasil (1632-1667), im Besitz der Gana Yohannes Kirche in Sakalt.
Coe-C-Kelch-Gethsemani

Alttestamentliche Lesung: Hld 8,6-7

Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz, /wie ein Siegel an deinen Arm! Stark wie der Tod ist die Liebe, / die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, / gewaltige Flammen. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht löschen; /auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte einer für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, / nur verachten würde man ihn.
Kehrvers: Den Kelch will ich nehmen, das Opfer dir bringen. Ps 116,13.17 Ich will den Kelch des Heils erheben / und anrufen den Namen des Herrn. Ich will dir ein Opfer des Dankes bringen / und anrufen den Namen des Herrn.

Neutestamentliche Lesung: 1 Kor 10,16-17

Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.

Ruf vor dem Evangelium (Lk 22,20):

Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Evangelium: Lk 22,39-45 Dann verließ Jesus die Stadt und ging, wie er es gewohnt war, zum Ölberg; seine Jünger folgten ihm. Als er dort war, sagte er zu ihnen: Betet darum, dass ihr nicht in Versuchung geratet! Dann entfernte er sich von ihnen ungefähr einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen. Da erschien ihm ein Engel vom Himmel und gab ihm (neue) Kraft. Und er betete in seiner Angst noch inständiger und sein Schweiß war wie Blut, das auf die Erde tropfte. Nach dem Gebet stand er auf, ging zu den Jüngern zurück und fand sie schlafend; denn sie waren vor Kummer erschöpft.

Lied: Bei stiller Nacht – Friedrich von Spee

(1) Bei stiller Nacht zur ersten Wacht ein Stimm begann zu klagen. ich nahm in acht, was die dann sagt, tat hin die Augen schlagen. (3) Es war der liebe Gottes Sohn Sein Haupt er hatt‘ in Armen, Viel weiß, und bleicher als den Mon, Ein Stein es möchte erbarmen. (4) Ach Vatr, liebster Vater mein, Und muß den Kelch ich trinken? Und mags dann ja nit anders sein? Mein Seel nit laß versinken. (5) Ach liebes Kind, Trink aus geschwind; Dirs laß in Treuen sagen: Sei wohl gesinnt, Bald überwind, Den Handel mußt Du wagen. (6) Ach Vater mein, Und kanns nit sein? Und muß ich’s je dann wagen? Will trinken rein Den Kelch allein Kann Dirs ja nit versagen. (7) Doch Sinn, und Mut Erschrecken tut, Soll ich mein Leben lassen? O bitter Tod! Mein Angst, und Not Ist über alle Maßen. T: Friedrich Spee 1632; M: Trutznachtigall 1649 Vollständiger Originaltext in Geistliches Wunderhorn, München 2001 Vgl. Gotteslob Diözese Mainz, Nr. 805,1-8

Geistlicher Text

Jesus begibt sich mit seinen Jüngern nach Beendigung des Seder-Mahles in einen abgelegenen Hain, einen Ölbaumgarten, „Gath-Semani“, also  Ölkelter“ genannt. Der nach Jerusalem emigrierte Germanist und Religionswissenschaftler Schalom Ben Chorin (1913-1999) fängt die Stimmung dieses besonderen Abends ein: „Tiefer Ernst liegt über der Schar, die nun den vertrauten Weg zum Ölbaumgarten von Gethsemane einschlägt. Die Ahnung des Kommenden hat alle ergriffen, die Müdigkeit nach äußerster seelischer Anspannung liegt auf diesen Männern, die nicht wissen, was diese Nacht der Entscheidung noch bringen wird, die aber verstört sind von den dunklen Worten ihres Meister, der ihnen immer rätselhafter wird.  ... Jesus tritt abseits und betet. Er fällt auf sein Antlitz nieder, so wie man im Tempel betet, und schreit furchtbar zu seinem Gott. Jetzt, jetzt weiß er, mit der letzten Gewissheit einer Ahnung, die nicht trügt, dass er verloren ist. Jetzt wird ihm klar, dass sein Weg nach Jerusalem Opfergang war, dass er im Schatten des Eved-Ha-schem, des Gottesknechtes stehend, das Leiden bis zum Tode im Gehorsam des Knechtes auf sich nehmen muss.“ 1 Ben-Chorin erklärt uns diese Nacht, die Lejl Schimurim, als die Nacht der Behütung (vgl. Ex 12,42) oder Nacht der Wache, in der der Meister seine Jünger bittet, zu wachen und zu beten. „Für IHN zu wachen, dass diese Nacht auch für ihn eine Nacht der Behütung werde. Sie aber sind schwach und schlafen ein. „Jesus betet (Mt 26,39)... Der Betende ist noch ganz in das Ritual der soeben beendeten Seder-Feier einbezogen. Vier Kelche hat er mit den Jüngern geleert. Die vierfache Rettertat Gottes wird durch vier Kelche in der heiligen Nacht beim Passah-Mahle gefeiert. Ist es wirklich der letzte Kelch? so fragt nochmals der einsam gewordene Beter in Gethsemane. Ist nicht in dieser Nacht für ihn noch ein fünfter Becher vorgesehen in der Planung Gottes? Ein furchtbarer Becher, wie der Taumelbecher, den Gott denen reicht, die zum Verderben bestimmt sind. Ach, möchte doch dieser letzte Kelch, der Kelch der Bitternis, an ihm vorübergehen. Jetzt will Jesus sein wie alle, wie einer aus dem angenommenen Bundesvolke, dem nur vier Kelche gereicht werden: der Befreiung, der Rettung, der Erlösung, der Annahme. Er bittet Gott, DIESEN Kelch an ihm vorübergehen zu lassen. Und dennoch ist das nicht sein letztes Wort: „Nicht mein Wille, Vater, der deine geschehe.“ GEHORSAM – das wird jetzt das Leitwort und Leidwort der Passion, die in dieser Stunde anhebt, die in dieser Stunde eigentlich schon vollendet ist, denn in diesem ahnungsreichen Beten Jesu ist das bittere Leiden bis zum Tode schon als seelische Gewissheit gegeben. Noch einmal greift er da Bild des unerwünschten, des letzten, überzähligen Bechers seines letzten Seder-Mahles auf, indem er zu Petrus sagt: >Soll ich (nicht) den Kelch trinken, den mir mein Vater gereicht hat?< (Joha.18,11) Jetzt erst wird er >Ja< sagen zu seinem Schicksal, das nicht leichter, aber SINNVOLLER wird, wenn es als Fügung Gottes angenommen wird. Er trinkt den fünften Becher, und DAS will mit dem letzten Wort >Es ist vollbracht< gesagt sein, das der Vergehende am Kreuz spricht  (nach Johannes), nachdem er als letzten Trunk den sauren Essig geschlürft hat, den man ihm in einem Schwamm auf der Ysopstaude der ersten Passah-Nacht Ägyptens gereicht hat. Eine furchtbare Karikatur des festlichen Kelchs; die Vollendung der Tragödie.“ Die Äthiopische Miniatur „Christus am Ölberg“ illustriert, dass dieser Kelch  von einem Engel dargeboten wird.  „Was heißt das? Worum du bittest, das wird dir verweigert. Aber worum du nicht batest, das wird dir geschenkt: die Kraft Gottes, den Kelch zu leeren. Erst wer dies erfuhr und dann trotzdem betet, der kann beten. Denn jedes Gebet geht zuletzt um den >Engel<, nicht um den Nachlass des Kelches.“ 2 1. Auszüge aus Schalom Ben-Chorin, Bruder Jesus, München 1977, S. 146ff. 2. Leopold Ziegler, Briefe 1901-1958, München 1958.  Vgl. zum Thema auch : Karl Rahner, Von der Not und dem Segen des Gebetes, Innsbruck 1958,87f. Annette Albert-Zerlik/ Hansjakob Becker, Vom Abendmahlssaal zum Ölberg, in: gd 49/5+6 (2015) 40-42.50-52.  

Zusammenstellung: Hans-Jakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  Coe A in Patmos „Coe A“ in Leseordnung Patmos. Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große  Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur - Liturgie - Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

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