Versuchung Jesu

Dostojewski lässt den atheistischen Iwan seinem gläubigen Bruder Aljoscha einen Großinquisitor schildern, der den noch einmal auf die Erde gekommenen Herrn verhaftet. Dieser Neunzigjährige, in dessen tiefliegenden Augen noch verborgen das Feuer glüht, befragt Jesus über die Szene, die im Zentrum dieses liturgischen Konzeptes steht: „Ist irgendwo mehr Wahrheit enthalten als in den drei Fragen, die er Dir stellte und die du verwarfst und die in den heiligen Büchern deine Versuchung genannt werden?“ Und seine folgende Rede ist ein einziger Vorwurf: „Du hast das einzige Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches Dir angeboten worden war, um die Menschen alle dazu zu bringen, sich vor Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen, das Zeichen des irdischen Brotes. Und Du hast es verworfen im Namen der Freiheit und des himmlischen Brotes.“ Die Antwort des Gefangenen erschüttert den Greis. Statt sich zu rechtfertigen, zu erklären, „tritt er an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen.“ Die Antwort auf alle scharfsinnigen Argumente ist Liebe. Liebe, die weder zum Glauben noch zum Widerstand gegen Versuchung zwingt, sondern die eine Antwort in Freiheit fordert.


„Wenn du
der Sohn Gottes bist,

mach, dass diese Steine
Brot werden.“

                (Mt 4,3)

Bild: Die erste Versuchung. Romanische Deckenmalerei, um 1140
St. Martinskirche –  Zillis, Schweiz

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Die romanische Bilderdecke der Kirche St.  Martin in Zillis wiederbetrachtet : Bildsystem  und Bildprogramm
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Bilderecke weiterbetrachtet


Alttestamentliche Lesung: Deuteronomium 8,2-3.5.14-16

Du sollst an den ganzen Weg denken, den der Herr, dein Gott, dich während dieser vierzig Jahre in der Wüste geführt hat, um dich gefügig zu machen und dich zu prüfen. Er wollte erkennen, wie du dich entscheiden würdest: ob du auf seine Gebote achtest oder nicht. Durch Hunger hat er dich gefügig gemacht und hat dich dann mit dem Manna gespeist, das du nicht kanntest und das auch deine Väter nicht kannten. Er wollte dich erkennen lassen, dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des Herrn spricht.
Daraus sollst du die Erkenntnis gewinnen, dass der Herr, dein Gott, dich erzieht, wie ein Vater seinen Sohn erzieht.
Dann nimm dich in Acht, dass dein Herz nicht hochmütig wird und du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst, der dich aus Ägypten, dem Sklavenhaus, geführt hat; der dich durch die große und Furcht erregende Wüste geführt hat, durch Feuernattern und Skorpione, durch ausgedörrtes Land, wo es kein Wasser gab; der für dich Wasser aus dem Felsen der Steilwand hervorsprudeln ließ; der dich in der Wüste mit dem Manna speiste, das deine Väter noch nicht kannten, (und der das alles tat,) um dich gefügig zu machen, dich zu prüfen und dir zuletzt Gutes zu tun.

 

 

 

Kehrvers:

Mit Leben in Fülle mach ich dich satt. (Psalm 91,16)

Psalm 91,1-4.9-16

Wer im Schutz des Höchsten wohnt
und ruht im Schatten des Allmächtigen,
der sagt zum Herrn: «Du bist für mich Zuflucht und Burg,
mein Gott, dem ich vertraue.»
Er rettet dich aus der Schlinge des Jägers
und aus allem Verderben.
Er beschirmt dich mit seinen Flügeln,
unter seinen Schwingen findest du Zuflucht,
Schild und Schutz ist dir seine Treue.
Denn der Herr ist deine Zuflucht,
du hast dir den Höchsten als Schutz erwählt.
Dir begegnet kein Unheil,
kein Unglück naht deinem Zelt.
Denn er befiehlt seinen Engeln,
dich zu behüten auf all deinen Wegen.
Sie tragen dich auf ihren Händen,
damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt;
du schreitest über Löwen und Nattern,
trittst auf Löwen und Drachen.
«Weil er an mir hängt, will ich ihn retten;
ich will ihn schützen, denn er kennt meinen Namen.
Wenn er mich anruft, dann will ich ihn erhören.
Ich bin bei ihm in der Not,
befreie ihn und bringe ihn zu Ehren.
Ich sättige ihn mit langem Leben
und lasse ihn schauen mein Heil.»


Neutestamentliche Lesung:

1. Korintherbrief 10,1-5.11-13

Ihr sollt wissen, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer zogen und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer. Alle aßen auch die gleiche gottgeschenkte Speise und alle tranken den gleichen gottgeschenkten Trank; denn sie tranken aus dem Leben spendenden Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus. Gott aber hatte an den meisten von ihnen kein Gefallen; denn er ließ sie in der Wüste umkommen. Das aber geschah an ihnen, damit es uns als Beispiel dient; uns zur Warnung wurde es aufgeschrieben, uns, die das Ende der Zeiten erreicht hat. Wer also zu stehen meint, der gebe Acht, dass er nicht fällt. Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch in der Versuchung einen Ausweg schaffen, sodass ihr sie bestehen könnt.

 

 

Literaturhinweis:

– Fjodor Michailowitsch Dostojewski, Der Großinquisitor: http://www.gutenberg.org/files/38336/38336-h/38336-h.htm
– Max Horkheimer, Psalm 91, in: Karl Heinz Schröter (Hrsg.), Mein Psalm, Berlin, 1968.
– Fritz Neugebauer, Jesu Versuchung. Wegentscheidung am Anfang, Tübingen, 1986.

 

Ruf vor dem Evangelium

(Matthäus 4,4)

Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.

Evangelium: Matthäus 3,16 – 4,11

Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe. Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger. Da trat der Versucher an ihn heran und sagte: Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Darauf nahm ihn der Teufel mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab; denn es heißt in der Schrift: Seinen Engeln befiehlt er, dich auf ihren Händen zu tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt. Jesus antwortete ihm: In der Schrift heißt es auch: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen. Wieder nahm ihn der Teufel mit sich und führte ihn auf einen sehr hohen Berg; er zeigte ihm alle Reiche der Welt mit ihrer Pracht und sagte zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du dich vor mir niederwirfst und mich anbetest. Da sagte Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen. Darauf ließ der Teufel von ihm ab und es kamen Engel und dienten ihm.


Lied: Ein Mensch zu sein auf Erden – Jürgen Henkys

1. Ein Mensch zu sein auf Erden
in dieser Welt und Zeit
heißt ganz auf Gnade leben,
weitab von Ewigkeit,
heißt auf die Stimme hoffen,
die einst vom Himmel fuhr,
und so wie Jesus werden,
tasten in seiner Spur.

2. Ein Mensch zu sein auf Erden
und irdisch zu bestehn
heißt auf dem Wasser kommen
und in die Wüste gehen:
nicht Gott im Kreis der Götter
noch Engel ohne Blut,
nicht Tier und blinder Töter –
nur Mensch, in Wind und Glut.

3. Ein Mensch zu sein auf Erden
und mit dem Staub verwandt
heißt seinen Tod annehmen
und Hunger, Frost und Brand,
die Tage und die Nächte,
den Frieden und den Streit,
die Fragen und die Ängste,
Durst nach Gerechtigkeit.

4. Ein Mensch zu sein auf Erden
In dieser Zeit und Welt
heißt Gottes Geist annehmen,
der auf die Schwachen fällt,
heißt Gottes Menschen lieben,
auch wenn sie irre gehn,
und mit „Es steht geschrieben“
dem Bösen widerstehn.

 
Nach Willem Barnard: Een meens te zijn op aarde (1963),
Text und Melodie in: Stimme, die Stein zerbricht, Strube Verlag, 20009, Nr. 4.

 

 

Geistlicher Text: Gregor von Nazianz (* um 329/330; † 390)

Wenn nach der Taufe der Verfolger des Lichtes und Versucher dich angreift (und er wird dich angreifen, denn er wagte sich auch an das Wort und meinen Gott wegen des Fleisches Hülle, an das verborgene Licht wegen der sichtbaren Menschheit), so hast du das, wodurch du siegen wirst; fürchte dich nicht vor dem Kampf! Halte vor dich das Wasser, halte vor dich den Geist, worin alle glühenden Pfeile des Bösen ausgelöscht werden! Er ist ein Geist, aber einer, der Berge zersetzt; er ist ein Wasser, aber eines, das Feuer löscht. Wenn er dir den Mangel vorstellt (denn auch bei Jenem hat er es gewagt); und wenn er dir den Hunger vorhält und verlangt, daß die Steine Brod werden, so verkenne nicht seine Gedanken. Lehre ihn, was er nicht gelernt hat, setze ihm entgegen das lebendige Wort, welches da ist das Brod, das vom Himmel gesandt ist und der Welt das Leben gibt. Wenn er dir durch Eitelkeit nachstellt (auch bei Jenem that er Dieß, indem er ihn auf die Zinne des Tempels führte und zu ihm sprach: Stürze dich hinab und erweise deine Gottheit), so lasse dich nicht zum Falle bringen durch den Hochmuth. Wenn er Dieß erreicht hat, wird er keineswegs hiebei stehen bleiben. Er ist unersättlich und versucht Alles. Er schmeichelt mit dem Nützlichen, endigt aber mit dem Bösen. Das ist seines Kampfes Weise. Aber er ist auch erfahren in der Schrift, der Räumer. So dort sein „Es steht geschrieben“ von dem Brod, hier das „Es steht geschrieben“ von den Engeln. „Denn es steht geschrieben“, sagt er, „er befiehlt seinen Engeln um deinetwillen, und sie werden dich auf den Händen tragen.“ Du bist gewandt in der Bosheit! Wie hast du unterdrückt, was nachfolgt? Ganz gut kenne ich ja, auch wenn du selbst es verschwiegen, das Wort: „Ueber dich, die Natter und den Basilisken werd‘ ich einherschreiten, und über Schlangen und Scorpionen werd‘ ich wandeln“, durch die Dreifaltigkeit geschützt. Wenn er dich mit der Habsucht überwinden will und alle Reiche als ihm gehörend mit einem Male und auf einen Blick dir zeigt und deine Anbetung verlangt, so verachte ihn wie einen Bettler. Sprich voll Vertrauen auf das Siegel: Auch ich bin Gottes Ebenbild; aus der Herrlichkeit des Himmels bin ich noch nicht wie du wegen Stolzes herabgestürzt worden; ich habe Christum angezogen; Christum habe ich mir zu eigen gemacht durch die Taufe; du bete mich an! Er wird entweichen, ich weiß es wohl, hiedurch besiegt und beschämt, wie von Christus, dem ersten Lichte, so von Denen, die von ihm erleuchtet sind. Solches verleihet das Bad Denen, die von ihm erleuchtet sind. Solches verleihet das Bad Denen, die es erfahren; ein solches volles Gastmahl setzt er Denen vor, welche löblichen Hunger leiden.“
Gregor von Nazianz (Oratio 40, 10) S 2, 101. BKV 45,55-56.


Zusammenstellung: Hansjakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  1 Qua A in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie  – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH.

Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“

Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

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