Date:31. Okt 2004

Unterwegs

Meditation

Scchienen in einer Landschaft

 

Das Christentum hat von seinem Ursprung her als Grundlage nicht ein systematisches Programm
als vielmehr wichtige „Geschichten“ von Wanderungen und Reisen.

So ist das Buch des Ersten Bundes (Altes Testament) ein Buch vieler Wande­rungen.
Abraham verlässt sein Land. Israel entsteht fernab von seinen eigentlichen Wurzeln
und zieht in einer langen Reise durch die Wüste in ein heiß ersehntes und versprochenes Land.

Im Neuen Testament haben wir Jesus,
der in der wichtigsten Phase seines Lebens an keinem festen Ort wohnt und ständig umherzieht.

Paulus, sein eigentlicher Schüler, ist ein Mann der Reisen und der vielen Wohnorte.
So ist das Grundbuch unserer Religion – und auch unserer Kultur – das Neue Testament,
ein Buch der Wanderungen und des Unterwegsseins.

Ein solches Verhalten spricht viele von uns heutigen Menschen zutiefst an.
Ja geradezu überwältigend und sogar gefährlich kann ein solches Lebens­gefühl sein.
Ein Gefühl von Entwurzelung und Nomadenhaftigtkeit bricht aus vielen unserer Mitbürger immer wieder auf.
Und lässt sie nicht so recht sesshaft werden. Wichtig geworden ist nach dieser Richtung die Bewegung der Hippies,
wie sie vor Jahren aufgebrochen ist. Und ein Stück weit als Lebensgefühl weiterwirkt.
Auch in der Kirche reden wir viel von Unter-wegssein, vom pilgernden Gottesvolk.
Auch dies Ausdruck eines Lebensgefühls. Möglichst weitab von zu Hause Ferien machen, fortsein.
Dies immer wieder als Symbol eines Lebensgefühls der Geworfenheit, der Nichtzugehörigkeit,
der Angst vor Nähe und Bindung. Bei gleichzeitiger tiefster Sehnsucht nach all diesem.

Wie gerade können heutige Biographien überhaupt sein?
„Früher“ – und wir sind noch in den Ausläufern dieser „früheren“ Tradition aufgewachsen – wusste man ziemlich genau,
wie alles ein Leben lang sich abspielen würde. Dass eine Ehe in die Brüche gehen könnte, war so kaum zu befürchten.
Für viele war der Ort, an dem sie in der Jugend ihre Lehre gemacht haben, auch der sichere Ort ihrer lebenslangen Arbeit.
Kinder haben deutlich weniger Zuwendung bekommen als heute.
Sie lebten aber in einem stabileren Rahmen dessen, was sicher ist.
Die Angst z.B., dass ein Elternteil sie ver­lassen könnte, kam so nicht auf.

Die alte Kultur war insgesamt eine mehr kosmozentrische Kultur. Die regelmäßigen Abläufe des Lebens,
speziell des Lebens in der Natur, aber auch des Lebens der vorgegebenen festen soziologischen
und orientierungsmäßigen Tradition bestimmten den Grundrhythmus der Menschen und Gemeinschaften.

Demgegenüber ist unsere Kultur eine Kultur des freien Menschen und seiner Projekte und Werke.
Eine anthropozentrische Kultur. Und damit eine Kultur des Geschichtlichen.

Vielfach erleben wir – bei uns selbst wie bei mit uns verbundenen Men­schen,
dass es die geraden Wege so nicht mehr gibt. Dass viele „falschen“ Wege geradezu nötig sind.
Erkundungswege, die nicht immer ein brauchbares Ergebnis mit sich bringen. Umwege.
Häufiger Wechsel des Wohnortes. Des Arbeitsplatzes. Ständiges sich Weiterbilden, um mithalten zu können,
um nicht sitzen zu bleiben. Wir erleben in solchen Situationen die Brüchigkeit unseres Lebensentwurfs.
Seine Zufälligkeit. Und damit auch die Versuchung, auch Mal etwas ganz anderes zu probieren.

Ich meine, dass im Wesentlichen es meine Generation war/ist,
in der sich der Umbruch von den alten Sicherheiten zu einer dynamisch-unsicheren Welt vollzogen hat.
Die Milieus, aus denen wir kommen, haben ja noch länger als etwa die großstädtischen Gebiete in der Tradition verharrt.
Deutlich erleben wir, wie die Gesellschaft und auch die Kirche das alte Ufer immer mehr verlassen
und zu neuen Ufern unterwegs sind. Wie weit sind wir dort schon angekommen?
Wie weit sind wir gar dort bereits innerlich sesshat geworden?

Unser Gott wird so viel mehr ein Gott der Geschichte und des Lebens sein (müssen),
als ein Gott der Natur und der ewigen Ordnungen. Es ist der Gott der Heiligen Schriften.
Wir können und müssen heute diesen in viel elementarerer Radikalität entdecken als frühere Generationen.
Das Programm der „Spurensuche“ will uns einüben in den Umgang mit ihm.

Herbert King

 

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