Gleichnis vom Sämann

Zur Zeit Jesu war es unter Schriftgelehrten, insbesondere unter den palästinensischen Rabbinen, populär, in Gleichnissen zu sprechen. Nach rabbinischer Lehre kann der Mensch auch durch ein Gleichnis, hebräisch מָשָׁל – maschal – zum Verständnis der Thora gelangen. Als gesprochenes Wort richtet es sich an die, die „Ohren haben zu hören“. Nach Schalom Ben Chorin sind Jesu Gleichnisse im Zusammenhang jüdischer Sagen und Legenden der zeitgenössischen Rabbinen zu sehen. Im Hinblick auf ihre revolutionäre Umkehrung des Seins und Denkens der Welt sind sie der Botschaft der Propheten Israels verwandt. Der Prophet Jesaja spricht davon, dass die Gedanken Gottes so ganz anders sind, als unsere Gedanken, und dass Gottes Worte die Kraft in sich tragen, seinen Willen zu verwirklichen. Wie wirksam und folgenreich das verkündigte Wort sein kann, zeigt sich auch im Leben des berühmten Predigers Johannes Chrysostomus (= Goldmund). Der in Syrien geborene Kirchenlehrer lebte auch als Patriarch Konstantinopels wie ein einfacher Mönch. Seine Kritik am Luxusleben bestrafte man mit Verbannung, er starb auf dem Weg dorthin. In seiner Predigt zum Gleichnis vom Sämann zeigt er sich trotz unbequemer Forderungen als einfühlsamer Seelsorger.


Auf guten Boden fällt
das Wort bei denen,
die es im Herzen erwägen
und Frucht bringen.

(Lukas 8, 15)

 

 

Bild: Jean-François Millet, Le semeur – Der Sämann, 1850
Öl auf Leinwand – 101.6 x 82.6 cm
Boston, Museum of Fine Arts

semeur_millet_wikimedia


Alttestamentliche Lesung: Jesaja 55, 8-11

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken
und eure Wege sind nicht meine Wege –
Spruch des Herrn.
So hoch der Himmel über der Erde ist,
so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege
und meine Gedanken über eure Gedanken.
Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt
und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt,
wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen,
so ist es auch mit dem Wort,
das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück,
sondern bewirkt, was ich will,
und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe.

 

 

 

Kehrvers:

Wer sät unter Tränen, wird ernten mit Jubel . (Psalm 126,5)

Psalm 126, 1-6

Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete,
da waren wir alle wie Träumende.
Da war unser Mund voll Lachen
und unsere Zunge voll Jubel.
Da sagte man unter den andern Völkern:
«Der Herr hat an ihnen Großes getan.»
Ja, Großes hat der Herr an uns getan.
Da waren wir fröhlich.
Wende doch, Herr, unser Geschick,
wie du versiegte Bäche wieder füllst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Jubel ernten.
Sie gehen hin unter Tränen
und tragen den Samen zur Aussaat.
Sie kommen wieder mit Jubel
und bringen ihre Garben ein.


Neutestamentliche Lesung:

2. Korintherbrief 9, 6-10

Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer reichlich sät, wird reichlich ernten. Jeder gebe, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat, nicht verdrossen und nicht unter Zwang; denn Gott liebt einen fröhlichen Geber. In seiner Macht kann Gott alle Gaben über euch ausschütten, sodass euch allezeit in allem alles Nötige ausreichend zur Verfügung steht und ihr noch genug habt, um allen Gutes zu tun,
wie es in der Schrift heißt: Reichlich gibt er den Armen;
seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.
Gott, der Samen gibt für die Aussaat und Brot zur Nahrung,
wird auch euch das Saatgut geben und die Saat aufgehen lassen;
er wird die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen.

Ruf vor dem Evangelium

(Lukas 8,15)

Auf guten Boden fällt das Wort bei denen, die es hören, in ihrem Herzen erwägen und Frucht bringen in Geduld.

Evangelium: Lukas 8, 4-15

Als die Leute aus allen Städten zusammenströmten und sich viele Menschen um ihn versammelten, erzählte er ihnen dieses Gleichnis:
Ein Sämann ging aufs Feld, um seinen Samen auszusäen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg; sie wurden zertreten und die Vögel des Himmels fraßen sie.
Ein anderer Teil fiel auf Felsen, und als die Saat aufging, verdorrte sie, weil es ihr an Feuchtigkeit fehlte. Wieder ein anderer Teil fiel mitten in die Dornen und die Dornen wuchsen zusammen mit der Saat hoch und erstickten sie. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfach Frucht. Als Jesus das gesagt hatte, rief er: Wer Ohren hat zum Hören, der höre!
Seine Jünger fragten ihn, was das Gleichnis bedeute. Da sagte er: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen. Zu den anderen Menschen aber wird nur in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen. Das ist der Sinn des Gleichnisses: Der Samen ist das Wort Gottes.
Auf den Weg ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort zwar hören, denen es aber der Teufel dann aus dem Herzen reißt, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden. Auf den Felsen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort freudig aufnehmen, wenn sie es hören; aber sie haben keine Wurzeln: Eine Zeit lang glauben sie, doch in der Zeit der Prüfung werden sie abtrünnig. Unter die Dornen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort zwar hören, dann aber weggehen und in den Sorgen, dem Reichtum und den Genüssen des Lebens ersticken, deren Frucht also nicht reift.
Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und durch ihre Ausdauer Frucht bringen.


Lied: Herr, für dein Wort sei hoch gepreist – David Denicke 1659

Der aus Zittau stammende Lieddichter war hauptberuflich Jurist, Hof- und Konsistorialrat. In Zusammenarbeit mit Justus Gesenius gab er 1646 ein Gesangbuch für die Privatandacht heraus. Neben der Bearbeitung überlieferter Lieder im Sinn der von Martin Opitz vertretenen dichterischen Grundsätze, verfasste er Liedübersetzungen aus dem Lateinischen, aber auch eigene Lieder. Als sein bekanntestes gilt Herr, für dein Wort sei hoch gepreist.

2. Öffn uns die Ohren und das Herz,
dass wir das Wort recht fassen,
in Lieb und Leid, in Freud und Schmerz,
es aus der Acht nicht lassen;
dass wir nicht Hörer nur allein
des Wortes, sondern Täter sein,
Frucht hundertfältig bringen.

Das Lied greif das Gleichnis vom Sämann auf:

3. Am Weg der Same wird sofort
vom Teufel hingenommen;
in Fels und Steinen kann das Wort
die Wurzel nicht bekommen;
der Same, der in Dornen fällt,
von Sorg und Lüsten dieser Welt
verdirbet und ersticket.

Ganz ähnlich wie Johannes Chrysostomus über 1200 Jahre vor ihm, fordert er dazu auf, Gottes Wort so aufzunehmen wie ein fruchtbarer Acker die Aussaat:
4. Ach hilf, Herr, dass wir werden gleich
dem guten fruchtbarn Lande
und sein an guten Werken reich
in unserm Amt und Stande,

viel Früchte bringen in Geduld,
bewahren deine Lehr und Huld
in feinem, gutem Herzen.
Text: Evangelisches Gesangbuch, Nr. 196.

 

 

 

 

 

 

Literaturhinweis:

– Wolfgang Herbst (Hg.), Wer ist wer im Gesangbuch? Göttingen, 2001, 75f.
– Schalom Ben-Chorin, Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht, München 1967, Kapitel: Die Gleichnisse.
– Gleichnisse Jesu: Bibel heute 3(2012).

 

 

 

Geistlicher Text: Hl. Johannes Chrysostomus   († 407) – Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus

Wie lautet also das Gleichnis? „Siehe, es ging der Sämann hinaus, um zu säen.“ Von wo ging er hinaus? Er ist ja doch allgegenwärtig und füllt allen Raum aus. Oder wie ging er hinaus? Nicht dem Orte nach, sondern durch die Art und Weise, wie er sich gegen uns verhielt und für uns sorgte, indem er uns näher trat durch das Gewand des Fleisches. Da es uns nicht möglich war, hineinzukommenm, weil unsere Sünden uns den Eingang versperrten, so kam er zu uns heraus. Um die dornenbesäte Erde zu vernichten? Um ihre Bebauer zu züchtigen? Keineswegs. Er kam, um sie zu bebauen, sich ihrer anzunehmen und Gottesfurcht und Frömmigkeit in ihr auszusäen. Unter dem Samen versteht er nämlich hier seine Lehren; unter dem Feld aber die Seelen der Menschen; der Sämann ist er selbst.
Wie nämlich der Sämann keinen Unterschied macht unter dem Saatgrund, sondern einfach unterschiedslos den Samen ausstreut, so macht auch Jesus keinen Unterschied zwischen Reich und Arm, Gebildeten und Ungebildeten, Lauen und Eifrigen, Mannhaften und Feigen, sondern sprach zu allen und tat soviel als an ihm lag, obgleich er voraussah, wie es kommen werde. Er wollte eben sagen können: „Was hätte ich noch tun sollen, das ich nicht getan habe?“ .
Wie kommt es nun aber, sage mir, daß der größere Teil des Samens zugrunde ging? Die Schuld liegt nicht am Sämann, sondern an dem Erdreich, das den Samen aufnimmt, das heißt, an der Seele, die nicht acht gibt.
Würde ein Landmann mit seinem Samen so umgehen, so möchte man ihn wohl mit Recht tadeln; denn ein Felsen wird ja doch nicht zum Erdreich werden und die Straße muß Straße bleiben, so gut wie die Dornen: Dornen. Auf geistigem Gebiete dagegen ist es nicht so. Da kann ein Felsen umgewandelt und zu fruchtbarem Erdreich gemacht werden, und ein Weg kann dem Gebrauch entzogen und nicht mehr jedem Vorübergehenden zugänglich sein und dafür zum fetten Ackerland werden; und die Dornen können beseitigt werden, damit der Same ruhig darauf gedeihe. Wäre das nicht möglich, so würde auch der Herr nicht aussäen. Wenn aber dieser Wandel nicht bei allen eintritt, so liegt die Schuld daran nicht bei dem, der aussät, sondern bei denen, die sich nicht umwandeln lassen wollen.
Nachdem also der Herr gesagt hat, auf wie vielfache Art und Weise der Same zugrunde gehen kann, so erwähnt er zuletzt auch das gute Erdreich, damit niemand den Mut verliere; vielmehr will der die Hoffnung auf Sinnesänderung bestehen lassen und zeigen, daß man von jedem der erwähnten Fehler sich zur Buße bekehren könne. Indessen, wenn das Erdreich und der Sämann gut, sowie der Same bei allen der gleiche ist, warum trägt denn der eine hundertfache, der andere sechzigfache, der dritte nur dreißigfache Frucht? Dieser Unterschied liegt an der Natur des Erdreiches; denn auch wo dieses gut ist, weist es doch noch große Unterschiede auf. Siehst du also, daß nicht der Sämann die Schuld trägt, auch nicht der Same, sondern die Erde, die ihn aufnimmt; daß es nicht an der Natur liegt, sondern an der Gesinnung?
Hierin zeigt sich nun aber ein hohes Maß von Liebe, daß er nicht einen unmöglichen Grad von Tugend von allen verlangt, sondern daß er die ersten annimmt und die, die an zweiter Stelle kommen, nicht zurückweist, und denen, so an dritter Stelle stehen, ebenfalls noch einen Platz einräumt.
Das sagt er aber, damit jene, die ihm nachfolgen, nicht etwa glauben, es sei das bloße Anhören zum Heile genügend. Warum aber, fragst du, hat er nicht auch die anderen Laster aufgezählt, wie zum Beispiel die Fleischesliebe, die eitle Ruhmsucht? Durch die Ausdrücke: „Sorge für diese Welt“ und „Trug des Reichtums“ hat er eben alles andere mit inbegriffen. Denn auch eitle Ruhmsucht, sowie alles andere ist von dieser Welt und ist Trug des Reichtums, wie z.B.die böse Lust, Schlemmerei, Neid, Ehrgeiz und alles Derartige. Auch erwähnt er den Weg und den felsigen Grund, um zu zeigen, daß es nicht genug ist, bloß der Liebe zum Gelde zu entsagen, sondern daß man auch die anderen Tugenden üben müsse. Oder was nützt es dir, wenn du zwar keinen Reichtum besitzest, dafür aber unmännlich und weichlich bist? Oder was nützt es, wenn du zwar nicht unmännlich bist, dafür aber leichtsinnig und nicht ernst im Anhören des Wortes? Ein einziger Teil genügt euch nicht zum Heile; vielmehr müßt ihr zuerst genau achtgeben und euch fortwährend an das Gehörte erinnern. Sodann braucht ihr Mannhaftigkeit und dann Verachtung des Reichtums und Losschälung von aller Anhänglichkeit an das Irdische.

 

Zitate aus: PG 57, 467-469: Homilia 44, 3-4
https://www.unifr.ch/bkv/kapitel453-4.htm


Zusammenstellung: Hansjakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  4 Epi C in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie  – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH.

Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“

Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

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