Salomo – Weisheit des Herzens

Die Gabe der Weisheit ist nach biblischer Vorstellung keine Sache der Bildung oder des Intellekts. Vielmehr geht es um ein „hörendes Herz“, um die Gabe der Unterscheidung und letztlich um den Glauben. Im Zentrum steht hier Salomo, die Idealvorstellung eines israelitischen Königs, dessen geschichtliche Gestalt wohl in manchen Zügen vom späteren volkstümlichen Idealbild abweicht. Seine sprichwörtliche Weisheit ist ein von Gott erbetenes Geschenk, das sich allerdings auch auf Salomos Wissen um die Natur erstreckt. Im Streit um die Mutterschaft eines Kindes, einer internationalen Wanderlegende, zeigt sich, dass bei aller menschlichen Schwäche Salomos, Gottes Weisheit aus seinem Herzen spricht. Ein Alttestamentler zieht den Schluss: „Wenn man, vielleicht enttäuscht und ernüchtert, die nachträgliche, dick aufgetragene Vergoldung von der Gestalt Salomos abblättern sieht, dann soll sich um so mehr der Blick auf Jesus Christus richten, der von sich gesagt hat: >Hier aber ist einer, der mehr ist als Salomo<.“

Gib mir ein hörendes Herz. 

(1 Kön 3,9)

Bild: Nicolas Poussin (1594-1665) Jugement de Salomon/ Urteil des Salomo, 1649,
Öl auf Leinwand, 101 x 150cm – Musée du Louvre

zum Bild >>Urteil des Salomo

Urteil des Salomo

Alttestamentliche Lesung:*

1 Könige 3, 5.9-10.16.22-28 In Gibeon erschien der Herr dem Salomo nachts im Traum und forderte ihn auf: Sprich eine Bitte aus, die ich dir gewähren soll. Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht. Wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren? Es gefiel dem Herrn, dass Salomo diese Bitte aussprach. Damals kamen zwei Dirnen und traten vor den König. Da rief die andere Frau: Nein, mein Kind lebt und dein Kind ist tot. Doch die erste entgegnete: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. So stritten sie vor dem König. Da begann der König: Diese sagt: Mein Kind lebt und dein Kind ist tot! und jene sagt: Nein, dein Kind ist tot und mein Kind lebt. Und der König fuhr fort: Holt mir ein Schwert! Man brachte es vor den König. Nun entschied er: Schneidet das lebende Kind entzwei und gebt eine Hälfte der einen und eine Hälfte der anderen! Doch nun bat die Mutter des lebenden Kindes den König – es regte sich nämlich in ihr die mütterliche Liebe zu ihrem Kind: Bitte, Herr, gebt ihr das lebende Kind und tötet es nicht! Doch die andere rief: Es soll weder mir noch dir gehören. Zerteilt es! Da befahl der König: Gebt jener das lebende Kind und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter. Ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie schauten mit Ehrfurcht zu ihm auf; denn sie erkannten, dass die Weisheit Gottes in ihm war, wenn er Recht sprach.  

Kehrvers:

In seinem Herzen ist Weisheit; Recht spricht sein Mund (Psalm 37,30.31)

Psalm  37,1-2.5-6.16-17.28-31.37.39-40

Errege dich nicht über die Bösen, wegen der Übeltäter ereifere dich nicht! Denn sie verwelken schnell wie das Gras, wie grünes Kraut verdorren sie. Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertrau ihm; er wird es fügen. Er bringt deine Gerechtigkeit heraus wie das Licht und dein Recht so hell wie den Mittag. Besser das wenige, das der Gerechte besitzt, als der Überfluss vieler Frevler. Denn die Arme der Frevler werden zerschmettert, doch die Gerechten stützt der Herr. Denn der Herr liebt das Recht und verlässt seine Frommen nicht. Doch das Geschlecht der Frevler wird ausgetilgt, sie werden für immer vernichtet. Die Gerechten werden das Land besitzen und darin wohnen für alle Zeiten. Der Mund des Gerechten bewegt Worte der Weisheit und seine Zunge redet, was recht ist. Er hat die Weisung seines Gottes im Herzen, seine Schritte wanken nicht. Achte auf den Frommen und schau auf den Redlichen! Denn Zukunft hat der Mann des Friedens. Die Rettung der Gerechten kommt vom Herrn, er ist ihre Zuflucht in Zeiten der Not. Der Herr hilft ihnen und rettet sie, er rettet sie vor den Frevlern; er schenkt ihnen Heil, denn sie suchen Zuflucht bei ihm. .


Neutestamentliche Lesung:

Epheserbrief 1, 17-18

Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt. Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt.

Ruf vor dem Evangelium

(1 Könige 3,9)

Verleih daher deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht. Wer könnte sonst dieses mächtige Volk regieren?

Evangelium: Markus 6, 1-6

Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger begleiteten ihn. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, staunten und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Wunder, die durch ihn geschehen! Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm und lehnten ihn ab. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort kein Wunder tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben.


Lied: Nun lob, mein Seel, den Herren – Johann Gramann / Poliander

Johann Gra[u]mann, der sich selbst später den gräzisierten Namen Poliander gab, einer der wichtigsten Reformatoren Preußens, schrieb dieses Lied 1525, wahrscheinlich im Auftrag von Markgraf Albrecht, als Umdichtung seines Lieblingspalms. Als Herzog von Preußen berief dieser ihn nach Königsberg, wo er nach Stationen als Domstiftsprediger in Würzburg, Rektor der Leipziger Thomasschule, die Schule gründete, aus der später die Königsberger Universität hervorging. Die erste Strophe seines Liedes lehnt sich eng an Psalm 103,1-6 an. 1.Nun lob, mein Seel, den Herren, was in mir ist, den Namen sein. Sein Wohltat tut er mehren, vergiss es nicht, o Herze mein. Hat dir dein Sünd vergeben und heilt dein Schwachheit groß, errett‘ dein armes Leben, nimmt dich in seinen Schoß, mit reichem Trost beschüttet, verjüngt, dem Adler gleich; der Herr schafft Recht, behütet, die leidn in seinem Reich. Gramanns Lied wurde in mehrere Sprachen übersetzt, bekannt ist die englische Übertragung von Catherine Winkworth „My Soul, now Praise thy Maker“ und von hochrangigen Komponisten verwendet, so von J.S. Bach in verschiedenen Kantaten. Die zweite Strophe ist eine Umdichtung von Psalm 103,8-12: 2. Er hat uns wissen lassen Sein herrlich Recht und sein Gericht, dazu sein Güt ohn Maßen, es mangelt an Erbarmung nicht; sein‘ Zorn lässt er wohl fahren, straft nicht nach unsrer Schuld, die Gnad tut er nicht sparen, den Schwachen ist er hold; sein Güt ist hoch erhaben ob den‘, die fürchten ihn; so fern der Ost vom Abend, ist unsre Sünd dahin.   Evangelisches Gesangbuch 289, 1.2               Literaturhinweis: Salomo: König voller Widersprüche, Welt und Umwelt der Bibel 4(2012). Paul Maiberger, Das Alte Testament in seinen großen Gestalten. 40 Glaubens- und Lebensgeschichten, Mainz 1990, S. 159-169.    

Geistlicher Text: Kardinal Carlo Maria Martini – Die Kirche braucht Glaube statt Angst, Liebe statt Müdigkeit.

Ende August 2012 starb der beliebte Kardinal und ehemalige Erzbischof von Mailand, Carlo Martini im Alter von 85 Jahren. Immer wieder beschäftigte ihn das Nachdenken über die wahre Stärke und die offensichtlichen Schwächen der Kirche. Illusionslos erklärt er drei Wochen vor seinem Tod: „Die Kirche im wohlhabenden Europa und Amerika ist müde. Unsere Kultur ist alt geworden, die Kirchengebäude sind groß, aber leer und der bürokratische Apparat der Kirche bläht sich auf. Unsere Rituale und die Gewänder sind pompös. Sagt das aus, was wir heute sind?“ In dem Buch „Jerusalemer Nachtgespräche“ finden sich Aufforderungen an die kirchlichen Mitarbeiter zu weniger Bürokratie, zu mehr direkten Gesprächen mit den Menschen, statt vollen Terminkalendern und offiziellen Amtsstunden. Er wendet sich an die Jugend und die Älteren zugleich: „Die Kirche braucht die Jugend, sie kann neue spirituelle Formen entwickeln. Ich möchte aber nicht auf die Älteren verzichten, sie sind treue Christen und lehren durch ihr Beispiel die Kinder. Über die Generationen hinweg werden der Glaube an Gott und die Freundschaft mit Jesus weitergegeben.“ Damit die Kirche, insbesondere die Kirche Europas, ihre Müdigkeit und ihre Angst überwindet, mahnt er: „Glaube ist das Fundament und der Ursprung der Kirche – Glaube, Vertrauen, Mut.“Er empfiehlt in dieser Zeit der müden Kirche drei Gegenmittel: Zuerst die Umkehr, die Bekehrung und Anerkennung eigener Fehler. Zum zweiten die Beschäftigung mit dem Wort Gottes, mit der Bibel: „Nur wer in seinem Herzen dieses Wort spürt, kann bei der Erneuerung der Kirche vielleicht noch helfen und die persönlichen Fragen richtig entscheiden. Das Wort Gottes ist einfach und sucht als Ziel das hörende Herz.“ Und schließlich sieht er drittens die Sakramente nicht als „Werkzeuge zur Disziplinierung“, sondern als „Hilfe für Menschen an kritischen Punkten, wenn das Leben schwer wird.“ Dabei verbindet der Kardinal wahrhaft salomonisch scheinbar unversöhnliche Positionen. Er erklärt unumwunden: „Die Kirche hält an der Unauflöslichkeit der Ehe fest. Es ist Gnade und Geschenk, wenn Ehe und Familie gelingt …“. Und fordert im selben Atemzug: „Die Frage, ob Geschiedene die Kommunion empfangen können, muss umgedreht werden. Wie kann die Kirche durch und mit den Sakramenten zur Hilfe für schwierige Familiensituationen werden?“ Das letzte Interview des Kardinals hat er selbst als eine Art spirituelles Testament gelesen und genehmigt. Es endet mit einer Frage: „Liebe ist stärker als das Gefühl der Entmutigung, das mich manchmal bei Blick auf die Kirche in Europa befällt. Nur die Liebe besiegt die Müdigkeit. Gott ist Liebe. Ich habe eine Frage an dich: “Was kannst du für die Kirche tun?” http://www.christundwelt.de/themen/detail/artikel/der-papst-und-die-bischoefe-muessen-umkehren/ (30.08.2015) Carlo M. Martini/ Georg Sporschill, Jerusalemer Nachtgespräche. Über das Risiko des Glaubens, Freiburg 2008.

Zusammenstellung: Hans-Jakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  16 Pen B in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie  – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH. Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“ Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

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