Date:10. Jul 2013

Renaissance der Stille

Zeichen der Zeit

Teich<em> - </em>Cornelia Napierski

Foto: Cornelia Napierski

Stille … seltenes Phänomen … Luxusgut unserer Gesellschaft. Täglich sind wir einer ständigen visuellen und akustischen Reizüberflutung ausgesetzt, die jegliche Sensibilität erstickt. Denken wir einmal an den immer stärker werdenden Verkehrslärm, die manipulative Dauerberieselung mit Musik und Reklamespots im Supermarkt, das öffentliche lautstarke Handygequatsche, die Background-Musik im Restaurant, den Fernseher in der eigenen Wohnung mit Dolby Surround oder die Großbildmonitore in den Wartezonen der Krankenhäuser und Arztpraxen. Sogar in manchen Kirchen gibt es Endlosbänder mit sakraler Musik. Begegnen sich Leute untereinander, wird häufig viel und laut geredet. In Gesprächspausen kommt Unwohlsein auf. Man versucht diese möglichst zu vermeiden, da keiner langweilig und unkommunikativ erscheinen möchte.

Viele Menschen fühlen sich durch die ständige Dominanz der Reize überfordert und wie betäubt. Sie spüren ein Unwohlsein, haben Sehnsucht nach Ruhe und Stille und fühlen sich dem wahren Leben zunehmend entfremdet. Selbst kleine Kinder leiden schon unter der ständigen Reizüberflutung und reagieren mit Schlafstörungen und motorischer Unruhe bis hin zum ADHS-Syndrom.

Heute wird vom Menschen Multitasking, Flexibilität und Dynamik erwartet. Es scheint immer schwieriger zu sein, etwas zu lassen. Trotzdem ist eine Gegenbewegung, eine gewisse Renaissance der Stille, zu beobachten. Ein Zeichen dafür sind die, in der Öffentlichkeit  immer häufiger anzutreffenden, sog. Räume der Stille. Sie sind heutzutage nicht nur im kirchlichen Bereich, sondern auch auf Flughäfen, an Autobahnen, in Einkaufzentren, Hotels oder Kurkliniken zu finden.

Stille meint nicht das Gegenteil von Leben, hat nichts mit Stillstand und Todesstille zu tun. Sie ist mehr wie die Abwesenheit von Lärm, sie ist eine Quelle der Inspiration, der Ermöglichungsraum der Schönheit Gottes. In der Stille besteht die Möglichkeit sich dem eigenen geistlichen und geistigen Innenraum, der religiösen Dimension des Lebens zuzuwenden. Der Weg in die Stille ist dabei keine Flucht nach innen, sondern ein notwendiger Schritt, damit all unser Handeln nicht zu einem blinden Aktionismus wird. Stille und Schweigen sind der Raum, um zu sich selbst und zu Gott zu finden und den anderen zu entdecken. Der tägliche Rückzug in die Stille kann zu einer Oase des Tages  werden und uns helfen, mehr aus unserer Mitte heraus zu leben, wesentlich zu werden, Kraft zu sammeln, klarer und empfindsamer in der Wahrnehmung zu werden. Als Christen richten wir uns in der Stille auf unsere Mitte, auf Gott hin, aus.  Er ist unser Urgrund, der uns trägt und auf uns wartet. Er ist es, der uns tiefen Frieden zu geben vermag. Lassen wir unsere eigene Tiefe zu, geben wir uns selber ab und versuchen wir uns dem allerheiligsten Geheimnis Gottes, des „Ich bin da“ (vgl. Ex 3) zu öffnen.

Cornelia Napierski

 

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