Religiöse Wellness

Zeichen der Zeit

Karten - Foto: Lisa Schreckelmeyer

Foto:  Lisa Spreckelmeyer – pixelio.de

Schutzengel sollen Krebs abwehren, Edelsteine Herzkrankheiten verscheuchen und Handauflegen soll die berufliche Karriere befördern. Esoterische Angebote erfreuen sich seit Jahren großer Beliebtheit. Ob auf dem Land oder in Großstädten: Esoterik ist zu einem Teil des Alltags geworden.

Nach Schätzungen der evangelischen Landeskirche in Württemberg fühlen sich etwa zwei Millionen Menschen von der Esoterik-Welle angezogen. Zwei Drittel der Anhänger gehören dem weiblichen Geschlecht an. Es sind zumeist gut ausgebildete Frauen mittleren Alters, die finanziell unabhängig sind. Sie haben keine Berührungsängste und vermengen Wissenschaft und Weltanschauung ganz ungezwungen. So suchen sie nach der Arbeit im Büro wegen einem Burnout-Syndrom den Psychotherapeuten auf, und am Wochenende lassen sie sich von einer esoterisch tätigen Bekannten die Tarot-Karten legen.

Was fasziniert selbst kirchengläubige Christen an der Esoterik? Sie finden dort eine „Religion ohne Glaubenskongregation“, meint die Sozialpsychologin Claudia Barth. Kein Lehramt schreibt vor, was gut und böse ist, was Sinn macht und was Sünde ist. Dementsprechend ist der Markt der esoterischen Möglichkeiten unübersehbar groß. In den Regalen großer Buchhandlungen finden sich mehr esoterische Schriften als psychologische Werke. Die Buch-Branche macht 500 Millionen Euro Jahresumsatz mit esoterischen Ratgebern. Die Werke haben verheißungsvolle Titel, wie „Ayurveda-Handbuch der Energietypen“, „Akupressur für die Seele“ oder „Meditier dich schlank“.

Der Theologe Thomas Klie verortet die moderne Heilslehre im Schnittbereich von Religiosität, Spiritualität und Wellness. Anders als viele seiner Kollegen, wertet der Rostocker Theologieprofessor die Esoterik nicht ab. Während Christen an einen Schöpfergott glaubten, erschaffe sich der Esoteriker selbst, weil ihm die Kirchen zu dogmatisch seien. Es würden „Glaubenscocktails gemixt, deren Konsum dem eigenen Ego dient“.

Die „Zeit“-Redakteurin Evelyn Finger zieht in einem Beitrag der Wochenzeitung eine kritische Bilanz: „Wenn all unser Denken nur noch um uns selber kreist, wenn das individuelle Wohlergehen zur höchsten Vernunft wird, verabschieden wir uns von der Verantwortung füreinander – und von der Nächstenliebe auch. Was übrig bleibt, ist ein Klub von Autisten, eine Gesellschaft mehr oder minder verrückter Egos.“

Recht hat sie!

Klaus Glas

 

 

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