Date:11. Mai 2016

Pfingsten – Nichts ist ohne Sprache

Das Pfingstbild bringt ins Bild, worum es geht: Die am Turmbau Arbeitenden verstehen einander nicht , sie reden aneinander vorbei und so laufen ihre Bitten ins Leere. Der Geist Gottes beseitigt nicht die Vielfalt der Sprachen, sondern bewirkt, dass Verständigung in allen Sprachen möglich wird.


Pfingsten

– Nichts ist ohne Sprache

Aus dem mittelalterlichen Erbauungsbuch „Heilsspiegel“
Speculum humanae salvationis

>> Heilsspiegel Pfingsten

Heilsspiegel Pfingsten

Handschrift 2505 der Universitäts- und
Landesbibliothek Darmstadt
Faksimile-Ausgabe Darmstadt, 2006

Was die Handwerker beim Turmbau sprechen:
„Die Maurer mit Kelle rufen „ gib mir wazzer“  und „da mihi laterem“ – „Gib mir einen Ziegelstein (lat.).  Doch sie bekommen darauf nur die Antwort „man hy ?“(  מָן הוּא) – was ist das? (Ex 16,15) und „ny ruso my“, womit möglicherweise gemeint ist „nie rozumie“  (poln. „ich verstehe nicht“) oder auch „nie ruszaj mi“ („mach es mir nicht kaputt“).

Christi Himmelfahrt – Codex rabula


Alttestamentliche Lesung:

Genesis 11,1-9

Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte.
Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.
Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.

Kehrvers:
Jerusalem, von Gott gegründet, Heimstatt für alle Völker und Sprachen. (Psalm 87,5)

Psalm 87,2-7

Der Herr liebt (Zion), seine Gründung auf heiligen Bergen;
mehr als all seine Stätten in Jakob liebt er die Tore Zions.
Herrliches sagt man von dir,
du Stadt unseres Gottes. [Sela]
Leute aus Ägypten und Babel
zähle ich zu denen, die mich kennen;
auch von Leuten aus dem Philisterland,
aus Tyrus und Kusch sagt man: Er ist dort geboren.
Doch von Zion wird man sagen:
Jeder ist dort geboren. / Er, der Höchste, hat Zion gegründet.
Der Herr schreibt, wenn er die Völker verzeichnet:
Er ist dort geboren. [Sela]
Und sie werden beim Reigentanz singen:
All meine Quellen entspringen in dir.


Neutestamentliche Lesung:

Apostelgeschichte 2,1-11

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort.
Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren.
Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.
In Jerusalem aber wohnten Juden, fromme Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als sich das Getöse erhob, strömte die Menge zusammen und war ganz bestürzt; denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.
Sie gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören:
Parther, Meder und Elamiter, Bewohner von Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, von Pontus und der Provinz Asien, von Phrygien und Pamphylien, von Ägypten und dem Gebiet Libyens nach Zyrene hin, auch die Römer, die sich hier aufhalten, Juden und Proselyten, Kreter und Araber, wir hören sie in unseren Sprachen Gottes große Taten verkünden.

 

Ruf vor dem Evangelium

1. Korintherbrief 13,12

Wenn ich in allen Sprachen reden könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts.

Evangelium

Johannes 4,20-26

Unsere Väter haben auf diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.
Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten. Die Frau sagte zu ihm: Ich weiß, dass der Messias kommt, das ist: der Gesalbte (Christus). Wenn er kommt, wird er uns alles verkünden.
Da sagte Jesus zu ihr: Ich bin es, ich, der mit dir spricht.


Lied: Übersetze! Setze über!

Übersetze! Setze über!
Über Grenzen, über Zeiten,
in die Sprache unsres Lebens:
Du, das Wort für uns!

1. Geist, in vielen Zungen redend;
Sprache, di ein Herzen trifft;
Feuer, das im Innern zündet;
Sturm, der morsches Holz zerbricht.

2. Menschen aller Sprachen hören,
was prophetisch angesagt:
Visionen, Träume, Wunder,
Herrlichkeit am letzten Tag.

3. Einmütig in vielen Sprachen,
neue Botschaft unsrer Zeit.
Glaube, der die Grenzen weitet,
Übersetzer Gottes Geist!

T: Margarete Niggemeyer
Aus: Allgemeiner Cäcilienverband für Deutschland/ Deutsches Liturgisches Institut, Zentralkomitee der deutschen Katholiken (Hrsgg.), Unterwegs. Lieder und Gebete, Köln 21998, Nr. 123, Str. 1-3.

 

 

 

 

 

 

 

Literaturempfehlung:
Alex Stock, Typologische Exegese. Zur visuellen Pfingsttheologie des <Heilsspiegel>, in: R. Zerfaß, H. Poensgen (Hrsgg.), Die vergessene Wurzel.
Das AT in der Predigt der Kirche, Würzburg 1990, 149-173.

 

 

Geistlicher Text: Auszüge aus Jakob von Sarug, Gedicht über das Sprachenwunder am Pfingstfest

„O Du, der Du die Sprachen im Lande Babel verwirrt hast, gib mir die Sprache der Wahrheit und ich will Dir in derselben lobsingen.“ Mit dieser Bitte an Gott beginnt der am Euphrat geborene syrische-aramäische Dichter Jakob von Sarug (451 – 521) seine Predigt, überschrieben als „Gedicht über das Sprachenwunder am Pfingstfest“. Er schreibt über das Sprachenwunder von Pfingsten und setzt es in Beziehung zur babylonischen Sprachenverwirrung. Er sieht seine Predigt selbst als Loblied, sein poetisches Talent als „Gabe des Wortes“, die von Gott erbeten und geschenkt werden kann.
Dazu passt seine Frage: „Wie soll ich den Urteilsspruch, der über die Söhne Babels erging, nennen? Bedeutet er wirklich eine Strafe oder nicht vielmehr ein Gnadengeschenk, voll des Reichtums?“
Und der spätere Bischof Jakob von Sarug gibt selbst die Antwort: „Es empörten sich die Babylonier, schon hat er den Stab erhoben, um sie zu schlagen, aber unter dem Schlag entspringt lautere Gnade und bereichert sie. Nach Sprachen trennte er sie, Stamm für Stamm, siehe, das ist die Gabe, die ihnen unter dem Titel einer Bestrafung verliehen ward. Er zerstreut sie wegen eines Bündnisses voll von Treulosigkeit, er bringt sie aber zugleich wieder in Ordnung mittels einer mit Strenge gepaarten Liebe. Da sie gegen ihn sündigten, lehrte er sie ohne ihr Verdienst Sprachkenntnisse, wenn sie sich aber nicht gegen ihn versündigt hätten, was hätte er wohl da getan? … Siehe, ihre Züchtigung ward der ganzen Welt zum Schmuck, so daß sie in reichem Maße in neuen Sprachen redete. Barmherzigkeit hatte sich von oben über die Babylonier ergossen und mit Sprachen hat sie der Herr wie mit Gold bereichert.“
Wer Freude an Sprache und Fremdsprachen hat, wird Jakob von Sarug gern beipflichten, wenn er voller Überzeugung urteilt: „Denn daß die Sprachverwirrung eine Gnadengabe war, das muß der Verständige einsehen, wenn er es sich vollständig klar macht.“
Zwischen der Erzählung vom babylonischen Turm und dem Pfingstereignis im Abendmahlssaal sieht er folgenden Bezug: Petrus nannte die geliebte Schar der Jünger in Rom „auserwählte Gemeinde von Babylon“ (1 Petr 5,13), denn „in allen Sprachen versteht sie zu reden und so gleicht sie Babel an Lauten, Worten und Sprachen“.

Sie „hielten sich fest aneinander, um nicht in die Umgegend zerstreut zu werden, bis sie gesehen, was ihnen gesendet würde und in welcher Weise. Denn es war ihnen geboten worden, sich von Jerusalem nicht zu entfernen und auf das Versprechen des Vaters zu warten, wie sie gehört hatten.“
„Lebendiges Feuer in Zungenform ging aus vom Hause des Vaters, entzündete die Apostel und entflammte sie zum Reden. … Der Heilige Geist ward ihr Lehrer und unterrichtete sie, ein neuer, eigenartiger Lehrer, der sich nicht der Lesung der Bücher bediente. … Feuer von oben war es, das die Söhne des Lichtes durchglühte, aber nicht brannten sie, sondern nur erleuchtet wurden sie von der Flamme.“
Der Dichter wendet sich nun direkt an den Abendmahlssaal: In dir „wurde das Taufversprechen erfüllt, denn in dir wurden alle Jünger im Geist und im Feuer getauft. Babylon hat dich herausgefordert; war es denn nicht auch eine Sprachenverwirrung, was in dir vorging? Doch du hast Babylon weit übertroffen im lieblichen Zusammenklang aller Sprachen. Dort wurden die Sprachen verwirrt auf den Spruch des Richters hin, in dir aber verteilte der Heilige Geist in aller Liebe sämtliche Sprachen. Ein geistiges Babylon möchte ich dich darum nennen, eine auserwählte Gemeinde, welche das Lob Gottes in allen Sprachen singt.“
Auch mit dem spöttischen Vorwurf aus Apg 2,13 setzt sich der leidenschaftliche Prediger auseinander: „Siehe, sie sind erleuchtet und reden so in allen Sprachen; welcher Wein vermag solche Kenntnis beizubringen? Der Gekreuzigte ist es vielmehr, der sie mit seinem Wein zum Reden begeistert hat und von ihm haben sie die neue Weisheit ohne Unterricht empfangen. Seht, der Traubensaft, den das Volk auf Golgotha ausgepreßt hat, er wallt in ihnen auf und lehrt sie alle Sprachen.“
Schließlich schaut er, wie der Miniaturist des Bildes, beide Türme zusammen: „Blicke hin auf den Saal auf Sion und hefte dann dein Auge wieder auf den Turm der Tochter der Chaldäer“ Zwei Orte sind es, in welchen ein und derselbe Gegenstand vorgestellt wird. .. Der, welcher hier den Aposteln alle Sprachen verlieh, der nämliche hatte sie dort geteilt, und zwar im Verein mit seinem Vater. … Eine einzige Lehre wird daher hier wie dort zum Ausdruck gebracht, um uns die Wahrheit zu lehren, daß der Herr mit seinem Vater auf gleicher Stufe steht. Sein Werk sind die früheren wie die späteren Vorgänge, er ist es, der alle Sprachen verwirrt und sie dann wieder verteilt hat.“

Babel und Pfingsten sind für Jakob von Sarug eine Einheit, weil beide Geschehnisse das Werk des einen Gottes sind. Und sie gelten der einen Welt: „Die frohe Botschaft des Sohnes wurde in allen Sprachen verkündet, auf daß die Welt erfahre, daß ihm alle Völker der Erde gehören.“ So soll auch sein Kommen von allen erwartet werden: „Völker der Erde, wartet auf den Sohn, der am Ende kommt! Er wird euch den Weg des Lebens zeigen, voll des Lichtes. Seht, ein Zeichen, aus dem ihr auf seine Ankunft schließen könnt, sei euch die neue Art zu reden …“.

 

Auszüge aus: Bibliothek der Kirchenväter, Bd. 6, 2. Aufl. 1913, S.23ff.
https://www.unifr.ch/bkv/kapitel3792.htm

 

Zusammenstellung:
Hans-Jakob Becker / Anne-Madeleine Plum
Dieser Gottesdienst:  8 Res A in Patmos
Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur- , in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.


Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“

Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

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