Date:16. Dez 2015

Ein Kind in einer Krippe

Ein frierendes Paar, die junge Mutter ohne Schuhe, wartet auf eine Unterkunft für die Nacht. Der Künstler Otto Mueller (1874-1930) malt sich selbst, den Nichtjuden, im langen schwarzen Kaftan. Er malt ein gemeinsames Kind mit einer geliebten Frau, das es nie gab. Seine Geschichte ist eine ganz andere, als die, die wir in diesem Bild sehen. Und doch ist die Fiktion Hinweis auf raue Wirklichkeit. Der später als „entarteter Künstler“ stigmatisierte Mueller malt, was er vielleicht ahnen, aber nicht wissen konnte: den bevorstehenden Leidensweg der polnischen Juden. Für unsere Zeit ist das Bild Hinweis auf die aktuelle Realität, die Papst Franziskus immer wieder in seinen Botschaften thematisiert. Es ist kein idyllisches Weihnachtsbild, ebenso wenig wie das Lied eine traute Heilige Nacht besingt. Auch die biblischen Texten reden von der bitter empfundenen Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Friede. Das Geheimnis der Menschwerdung bringt große Freude: Gott kommt in eben diese Welt, die die Künstler so schonungslos zeichnen.


„Ein Kind in einer Krippe,

weil in der Herberge

kein Platz für sie war.“ 

(Lukas 2, 7.12)

Bild: Otto Mueller: Polnische Familie
Museum Folkwang, Essen,
Leimfarbe und Tempera auf Rupfen,  179,5 x 112,3 cm

>> zum Bild:  Otto Müller – Polnische Familie – wikimedia


Alttestamentliche Lesung: Jesaja 9,1-6

Das Volk, das im Dunkel lebt,
sieht ein helles Licht;
über denen, die im Land der Finsternis wohnen,
strahlt ein Licht auf.
Du erregst lauten Jubel
und schenkst große Freude.
Man freut sich in deiner Nähe,
wie man sich freut bei der Ernte,
wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.
Denn wie am Tag von Midian zerbrichst du das drückende Joch,
das Tragholz auf unserer Schulter und den Stock des Treibers.
Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft,
jeder Mantel, der mit Blut befleckt ist,
wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers.
Denn uns ist ein Kind geboren,
ein Sohn ist uns geschenkt.
Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter;
man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott,
Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.
Seine Herrschaft ist groß
und der Friede hat kein Ende.
Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich;
er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit,
jetzt und für alle Zeiten.
Der leidenschaftliche Eifer des Herrn der Heere
wird das vollbringen.

Kehrvers:

Gerechtigkeit und Friede küssen sich. (Psalm 85,11)

Psalm 85, 5-10.12-14

Gott, unser Retter, richte uns wieder auf,
lass von deinem Unmut gegen uns ab!
Willst du uns ewig zürnen,
soll dein Zorn dauern von Geschlecht zu Geschlecht?
Willst du uns nicht wieder beleben,
sodass dein Volk sich an dir freuen kann?
Erweise uns, Herr, deine Huld
und gewähre uns dein Heil!
Ich will hören, was Gott redet:
Frieden verkündet der Herr seinem Volk und seinen Frommen,
den Menschen mit redlichem Herzen.
Sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten.
Seine Herrlichkeit wohne in unserm Land.
Treue sprosst aus der Erde hervor;
Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.
Auch spendet der Herr dann Segen
und unser Land gibt seinen Ertrag.
Gerechtigkeit geht vor ihm her
und Heil folgt der Spur seiner Schritte.


Neutestamentliche Lesung:

2. Korintherbrief 8, 9-14

Denn ihr wisst, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat: Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen. Ich gebe euch nur einen Rat, der euch helfen soll; ihr habt ja schon voriges Jahr angefangen, etwas zu unternehmen, und zwar aus eigenem Entschluss. Jetzt sollt ihr das Begonnene zu Ende führen, damit das Ergebnis dem guten Willen entspricht – je nach eurem Besitz. Wenn nämlich der gute Wille da ist, dann ist jeder willkommen mit dem, was er hat, und man fragt nicht nach dem, was er nicht hat. Denn es geht nicht darum, dass ihr in Not geratet, indem ihr anderen helft; es geht um einen Ausgleich. Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So soll ein Ausgleich entstehen.

Ruf vor dem Evangelium

(Lukas 2,2.12)

„Ein Kind in einer Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie ist.“

Evangelium: Lukas 2, 1-20

In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Sie fürchteten sich sehr, der Engel aber sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr. Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach:
Verherrlicht ist Gott in der Höhe
und auf Erden ist Friede
bei den Menschen seiner Gnade.
Als die Engel sie verlassen hatten und in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Kommt, wir gehen nach Betlehem, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ. So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. Als sie es sahen, erzählten sie, was ihnen über dieses Kind gesagt worden war. Und alle, die es hörten, staunten über die Worte der Hirten. Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für das, was sie gehört und gesehen hatten; denn alles war so gewesen, wie es ihnen gesagt worden war.


Lied: Bei uns klingt oft das Lied der „Stillen Nacht“ – Elisabeth Villmann

Der reformierte Pfarrer Frederik Herman Kaan (1919-2009) dichtete das englische Kirchenlied Each year we sing with bated Christmas voice (erschienen 1968 und 1971 bei Stainer & Bell Ltd.). Die erste Strophe lautet:

Each year we sing with bated Christmas voice
as if events in Bethlehem were nice;
when every house and pub had shut its door
and Mary in a shed her baby bore.

Dr. Elisabeth Villmann schrieb eine deutsche Fassung dieses Liedes:

Bei uns klingt oft das Lied der „Stillen Nacht“
so, dass es Bethlehem idyllisch macht –
wo jede Haustür zugeschlossen war,
Maria im Schuppen ihr Kind gebar.

Vergib uns Gott, noch immer ist es so,
zieh’n Heilige Familien, heimatlos,
und Christ, inkognito, in unsre Stadt.
Sie leben krank und wund ins Camp gebannt.

Gott, mach uns klar, dass Freude sich versagt,
bis unser Leben off’ne Türen wagt;
ein reichgedeckter Tisch verdeckt die Not:
In unserm Lebenshaus fehlt Lebensbrot.

Mach deinem Volk die Seele ruhelos,
bis Recht getan wird; Ungeduld halt‘ groß,
bis Leben ganz und heil wird, jedes Kind
als deines auf der Erde Heimat find’t.

Psalmeri 2000-talet. Verbum förlag, Stockholm 2006. (Nr. 860.)
CD: (https://www.verbum.se/52628577-product)

 

 


Literaturhinweis: Bibel heute 4 (2010): Kindheitsgeschichten.
Welt und Umwelt der Bibel 2 (2013): Streit um Jesus: Gott und Mensch?

Geistlicher Text: Papst Franziskus

Die Menschwerdung Gottes ist ein tiefes Geheimnis! Doch der Grund all dessen ist die Liebe Gottes – eine Liebe, die Gnade, Großzügigkeit, Wunsch nach Nähe ist und die nicht zögert, sich für die geliebten Geschöpfe hinzugeben und zu opfern. Liebe bedeutet, das Schicksal des Geliebten voll und ganz zu teilen. Die Liebe macht einander ähnlich, sie schafft Gleichheit, reißt trennende Mauern nieder und hebt Abstände auf. Und eben dies hat Gott mit uns getan. Denn Jesus hat >mit Menschenhänden (…) gearbeitet, mit menschlichem Geist gedacht, mit einem menschlichen Willen (…) gehandelt, mit einem menschlichen Herzen geliebt. Geboren aus Maria, der Jungfrau, ist er in Wahrheit einer aus uns geworden, in allem Uns gleich außer der Sünde<. (Gaudium et spes, 22).
Der Zweck des Armwerdens Jesu besteht nicht in der Armut an sich, sondern – wie der heilige Paulus sagt – darin, >euch durch seine Armut reich zu machen<. …
Wir könnten nun meinen, dieser „Weg“ der Armut sei eben jener Jesu gewesen, während wir, die wir nach ihm kommen, in der Lage seien, die Welt mit geeigneten menschlichen Mitteln zu retten. Doch dem ist nicht so. In jeder Zeit und an jedem Ort rettet Gott weiterhin die Menschen und die Welt durch die Armut Christi, der arm wird in den Sakramenten, im Wort und in seiner Kirche, die ein Volk der Armen ist. Der Reichtum Gottes kann nicht durch unseren Reichtum vermittelt werden, sondern immer ausschließlich durch unsere persönliche und gemeinschaftliche, vom Geist Christi beseelter Armut.
Wir Christen sind aufgerufen, es unserem Meister gleichzutun und die Not unserer Brüder und Schwestern anzusehen und zu berühren, sie auf uns zu nehmen und konkret zu wirken, um sie zu lindern. Not ist nicht gleichzusetzen mit Armut; Not ist Armut ohne Vertrauen, ohne Solidarität, ohne Hoffnung. Wir können drei Arten der Not unterscheiden: die materielle Not, die moralische Not und die spirituelle Not.

Angesichts der (materiellen) Not bietet die Kirche ihren Dienst, ihre diakonia an, um den Bedürfnissen entgegenzukommen und diese Wunden, die das Antlitz der Menschheit entstellen, zu heilen. (…) Nicht minder beunruhigend ist die moralische Not, bei der die Menschen zu Sklaven von Lastern und Sünden werden. Diese Form der Not …sucht uns heim, wenn wir uns von Gott entfernen und seine Liebe ablehnen. Die Auffassung, dass wir uns selbst genügen und daher Gott, der uns in Christus seine Hand entgegenstreckt, nicht brauchen, führt uns auf einen Weg des Scheiterns. Allein Gott ist es, der wirklich rettet und befreit.
Das Evangelium ist das wahre Gegenmittel gegen die spirituelle Not: Der Christ ist aufgerufen, überallhin die befreiende Botschaft zu bringen, dass es die Vergebung des verübten Unrechts gibt, dass Gott größer als unsere Sünde ist und uns bedingungslos liebt, immer, und dass wir für die Gemeinschaft und für das ewige Leben bestimmt sind.
Vergessen wir nicht, dass wahre Armut schmerzt: Ein Verzicht, der diesen Aspekt der Buße nicht einschließt, wäre bedeutungslos. Ich misstraue dem Almosen, das nichts kostet und nicht schmerzt.
Der Heilige Geist, durch den wir wie Arme sind, aber doch viele reich machen; nichts haben und doch alles haben (22 Kor 6,10), möge diese unsere Vorsätze unterstützen und in uns die Aufmerksamkeit und die Verantwortung gegenüber der menschlichen Not stärken, damit wir barmherzig werden und Barmherzigkeit üben.“

Auszüge aus der Botschaft von Papst Franziskus für die Fastenzeit 2014.

 

 


Zusammenstellung: Hansjakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  Nat B in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie  – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH.

Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“

Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

 

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