Gott stellt Abraham auf die Probe

Eine der emotional und theologisch schwierigsten Glaubenserzählungen der Bibel ist Ausgangspunkt dieses liturgischen Konzeptes: Die nicht-vollzogene Opferung Isaaks in Genesis 22. Der Alttestamentler Walter Groß macht darauf aufmerksam, dass es sich hierbei nicht um eine Isaak-, sondern um eine Abraham-Erzählung handelt. Bereits die ersten Worte machen das klar: Gott stellte Abraham auf die Probe. Abrahams Glaube wird geprüft, und jeder Israelit – so Groß – wusste, dass sein Gott Menschenopfer immer verabscheut und unter Todesstrafe verboten hatte. Die Frage ist also: Zeigt Abraham sich dieser Prüfung gewachsen? Hier geht es nicht um ein Familiendrama von Privatpersonen. Sondern geprüft und gefunden wird der Glaube an die Treue Gottes zu seiner Verheißung an sein Volk.


Nimm deinen Sohn, den du liebst, und bring ihn als Brandopfer dar. (Genesis 22,2)

Bild:
Opferung Isaaks
Fußbodenmosaik in der Synagoge von Beth Alpha,
Anfang 6. Jahrhundert

Zum Bild: Abrahams Opfer

Im Fußbodenmosaik der antiken Synagoge von Bet Alpha verweisen Inschriften in aramäischer und griechischer Sprache auf die beiden Künstler, Marianos und seinen Sohn Hanina, die dieses Werk zur Zeit von Justin –gemeint ist wahrscheinlich Justin I – Anfang des 6. Jahrhunderts schufen.

 


Alttestamentliche Lesung:*

Genesis 22,1-13

Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar. Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte.
Als Abraham am dritten Tag aufblickte, sah er den Ort von weitem. Da sagte Abraham zu seinen Jungknechten: Bleibt mit dem Esel hier! Ich will mit dem Knaben hingehen und anbeten; dann kommen wir zu euch zurück. Abraham nahm das Holz für das Brandopfer und lud es seinem Sohn Isaak auf. Er selbst nahm das Feuer und das Messer in die Hand. So gingen beide miteinander.
Nach einer Weile sagte Isaak zu seinem Vater Abraham: Vater! Er antwortete: Ja, mein Sohn! Dann sagte Isaak: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn. Und beide gingen miteinander weiter.
Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz. Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten. Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.
Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.

Kehrvers:

Deine Hand lastet auf mir; unbegreiflich ist deine Prüfung. (Psalm 139,1.5.6)

Psalm 116, 1.2.3.4.5.6.7.8.15.16.17

Ich liebe den Herrn; /
denn er hat mein lautes Flehen gehört
und sein Ohr mir zugeneigt /
an dem Tag, als ich zu ihm rief.A
Mich umfingen die Fesseln des Todes, /
mich befielen die Ängste der Unterwelt, /
mich trafen Bedrängnis und Kummer.
Da rief ich den Namen des Herrn an: /
«Ach Herr, rette mein Leben!»
Der Herr ist gnädig und gerecht, /
unser Gott ist barmherzig.
Der Herr behütet die schlichten Herzen; /
ich war in Not und er brachte mir Hilfe.
Komm wieder zur Ruhe, mein Herz! /
Denn der Herr hat dir Gutes getan.
Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen, /
meine Tränen (getrocknet), /
meinen Fuß bewahrt vor dem Gleiten.
Kostbar ist in den Augen des Herrn /
das Sterben seiner Frommen.
Ach Herr, ich bin doch dein Knecht, /
dein Knecht bin ich, der Sohn deiner Magd. /
Du hast meine Fesseln gelöst.
Ich will dir ein Opfer des Dankes bringen /
und anrufen den Namen des Herrn.


Neutestamentliche Lesung:

Hebräerbrief 11,1.8-10.13-16

Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. Aufgrund des Glaubens empfing selbst Sara die Kraft, trotz ihres Alters noch Mutter zu werden; denn sie hielt den für treu, der die Verheißung gegeben hatte. So stammen denn auch von einem einzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab: zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann.
Aufgrund des Glaubens brachte Abraham den Isaak dar, als er auf die Probe gestellt wurde, und gab den einzigen Sohn dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte und zu dem gesagt worden war: Durch Isaak wirst du Nachkommen haben. Er verließ sich darauf, dass Gott sogar die Macht hat, Tote zum Leben zu erwecken; darum erhielt er Isaak auch zurück. Das ist ein Sinnbild.

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Ruf vor dem Evangelium

(Römerbrief 8,32)

Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

Evangelium: Johannes 3,16-17

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.


Lied: Paul Gerhardt

Im Jahr 1647 dichtet Paul Gerhardt ein Lied, das evangelische Landeskirchen in ihrer Agende für den Karfreitag vorsehen: „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“. In barocker Sprache wird hier das Agnus Dei besungen, das die Schuld der Welt hinweg nimmt, das sich vorbehaltlos und freiwillig in Gottes Willen fügt. So unverständlich, fremd und grausam dies auf uns heute wirkt, so anders deutet es der Dichter zu seiner Zeit:

„Ja, Vater, ja von Herzensgrund,
leg auf, ich will dir’s tragen;
mein Wollen hängt an deinem Mund,
mein Wirken ist dein Sagen.“
O Wunderlieb, o Liebesmacht,
du kannst – was nie kein Mensch gedacht –
Gott seinen Sohn abzwingen.
O Liebe, Liebe, du bist stark,
du streckest den in Grab und Sarg,
vor dem die Felsen springen.“

Dass diese unbedingte Hingabe Ausdruck einer tiefen Verbindung in Liebe, eine bewusste Bereitschaft zum Opfer und nicht pathologische Leidensverherrlichung bedeutet, macht die vierte Strophe deutlich: „dich will ich stets, gleich wie du mich, / mit Liebesarmen fassen. / Du sollst sein meines Herzens Licht, / und wenn mein Herz in Stücke bricht, / sollst du mein Herze bleiben“.

 

Zitat aus: Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld,
Evangelisches Gesangbuch Nr. 83,3
T: Paul Gerhardt, 1647.

 

 

Literaturhinweis: Walter Groß, Glaubensgehorsam als Wagnis der Freiheit. Wir sind Abraham, Mainz 1980, S. 9-25.

 

 

Geistlicher Text: Origenes

Der Priester und Theologe Origenes, gestorben 254 an den Folgen schwerer Folterung während einer Christenverfolgung, beschäftigt sich in seiner Auslegung zum Buch Genesis mit dem Opfer Abrahams:
„Daß Isaak selbst das Holz für das Brandopfer trägt, weist im Bild darauf hin, daß auch Christus selbst das Kreuz für sein Opfer getragen hat. Doch es ist Aufgabe des Priesters, das Holz für das Brandopfer zu tragen. Christus ist also selbst Opfer und Priester. Darauf bezieht sich auch die zusätzliche Bemerkung: „Sie gingen beide nebeneinander.“ Denn weil Abraham selbst das Feuer und das Messer trug, als wäre er der Opfernde, ging Isaak nicht hinter ihm, sondern neben ihm, um anzudeuten, daß er mit ihm des Priesteramtes waltete.“
Und der Kirchenvater Origenes denkt und fühlt sich durchaus in diesen Vater ein: „Wie mag die Stimme des Sohnes [Gen 22,7], den er opfern mußte, das Herz des Vaters getroffen haben! Obwohl Abraham um des Glaubens willen hart war, gab er eine mitfühlende Antwort <Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn.> Die wohlbedachte und vorsichte Antwort des Abraham bewegt mich. Ich weiß nicht, was er im Geiste schaute, da er nicht von der Gegenwart, sondern von der Zukunft sagte … Der Sohn fragt nach der Gegenwart, der Vater gibt ihm eine Antwort über die Zukunft. Denn der Herr ersah sich in Christus das Opferlamm. …
Vergleicht diese Erzählung mit dem, was der Apostel von Gott sagt: <Er hat seinen eigenen Son nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben.> Siehe, Gott geht in großartiger Freigebigkeit einen Wettstreit mit den Menschen ein: Abraham brachte ihm seinen sterblichen Sohn dar, und dieser brauchte dann doch nicht zu sterben. Gott aber gab seinen unsterblichen Sohn für alle Menschen wirklich in den Tod.“

 

 

Zitate aus: Origenes, Homilia in librum Genesim 8,6.8.9: PG 12, 206 207f. 209.

 

Zusammenstellung: Hans-Jakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  7 Pen D in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur- , in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH.

Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“

Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

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