Date:16. Jan 2008

Goethe und das Glück

Kunst · Theater · Literatur

Kleeblatt

Foto: matttilda – fotolia.com

In diesen Tagen sagen wir einander wieder Glückwünsche für das neue Jahr. Glück, Segen, vor allem Gesundheit. Manchmal sind die Glückwünsche garniert mit Glücksbringern: einem kleinen Glücksschwein, einen Marienkäfer, einem Hufeisen, einem Glückspfennig oder -cent, einer Hasenpfote, einem Kleeblatt oder einem Schornsteinfeger. Anderorts sind es der Mistelzweig oder die Hand Fatimas, die vor Unheil schützen und Glück bringen sollen.
Hinter den erstgemeinten Glückwünschen und den nicht ganz so ernstgemeinten magischen Zeichen steht die Sehnsucht nach jenem Glück, von dem niemand so ganz genau weiß, wann es eintritt und was es bedeutet.

Johann Wolfgang von Goethe macht in seinem „Faust“ einen Vorschlag. In der Tragödie erstem Teil bietet Mephistopheles Faust einen Pakt an. Faust soll alles Glück der Erde erhalten und Mephisto am Ende Faustens Seele.

 

Szene im Studierzimmer

MEPHISTOPHELES.
In diesem Sinne kannst dus wagen.
Verbinde dich! du sollst in diesen Tagen
Mit Freuden meine Künste sehn:
Ich gebe dir, was noch kein Mensch gesehn!

FAUST.
Was willst du, armer Teufel, geben?
Ward eines Menschen Geist in seinem hohen Streben
Von deinesgleichen je gefaßt?
Doch hast du Speise, die nicht sättigt? Hast
Du rotes Gold, das ohne Rast,
Quecksilber gleich, dir in der Hand zerrinnt?
Ein Spiel, bei dem man nie gewinnt?
Ein Mädchen, das an meiner Brust
Mit Äugeln schon dem Nachbar sich verbindet?
Der Ehre schöne Götterlust,
Die wie ein Meteor verschwindet?
Zeig mir die Frucht, die fault, eh man sie bricht,
Und Bäume, die sich täglich neu begrünen!

MEPHISTOPHELES.
Ein solcher Auftrag schreckt mich nicht,
Mit solchen Schätzen kann ich dienen.
Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran,
Wo wir was Guts in Ruhe schmausen mögen.

FAUST.
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betriegen :
Das sei für mich der letzte Tag !
Die Wette biet ich!

MEPHISTOPHELES.
Topp!

FAUST.
Und Schlag auf Schlag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!
Dann mag die Totenglocke schallen,
Dann bist du deines Dienstes frei,
Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,
Es sei die Zeit für mich vorbei!

 

Glück ist also:

  • wenn das Leben nicht mehr zwischen den Fingern zerrinnt,
  • wenn die Schönheit und der Genuss der Welt nicht mehr betrügt,
  • wenn sich im Menschen das Gefühl der absoluten Zufriedenheit einstellt und er nichts mehr anderes will als nur diesen Augenblick,
  • wenn er zu diesem Augenblick sagen kann: „Verweile doch, du bist so schön!“.

Von diesem Glück da und dort eine Ahnung zu bekommen,
einen Glücksaugenblick zu erhaschen,
ohne dass er teuflisch verdorben wäre,
das wünsche ich Ihnen und uns allen.

Hubertus Brantzen

 

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