Dr. Gertrud Pollak

Foto: pixabay.com

Krone der Schöpfung

Eigentlich gibt es derzeit nur ein Thema, global schwierig und medial aufbereitet: COVID-19, der Corona Virus. Das Internet weiß, woher der zu schöne Name für diesen schlimmen Krankheitserreger stammt, von lateinisch corona ‚Kranz, Krone‘. Die Fernsehbilder zeigen täglich, wie hiermit das Aussehen dieser Viren unter dem Elektronenmikroskop eingefangen ist. Denkt man an die Folgen, die derzeit sichtbar werden, mag dieser Namen nicht so recht passen. Geht es da ein bisschen wie mit der christlichen Auffassung von der Rolle und vom Wert des Menschen? Er sei „die Krone der Schöpfung“ heißt es immer wieder.
Passen dazu Egozentriker und Rücksichtslose, Unvernünftige und Leichtsinnige? Die seither gültige Norm, der einzelne muss sich profilieren, hatte oft falsche Konsequenzen. Profilierung und Selbstoptimierung auf Kosten anderer schwinden jetzt. Vielfach ist das Gegenteil zu erleben. Nicht so sehr der einzelne kommt ins Blickfeld, sondern seine Rolle im Miteinander. Jede und jeder ist Helfer und Ansteckungsgefahr zugleich.

Noch nie haben wir die globale, gegenseitige Abhängigkeit unter Menschen und Staaten auf vielen Ebenen so massiv gespürt wie in diesen Tagen. Grundrechte müssen eingeschränkt werden und die Freiheit des Menschen, als sein hohes Gut, bleibt gefährdet. Naturvölker haben oft diese gegenseitige Abhängigkeit vielfach erlebt und gelebt und haben gerade so gegenseitig Verantwortung übernommen.

Es scheint, dass das seltene Wort von der „Schicksalsverwobenheit“ Konjunktur bekommt. Es geht dabei auch um Solidarität, aber um noch viel mehr. Bevor sich Menschen solidarisch verhalten, wird gerade derzeit deutlich, dass vor jeder Antwort, vor jeder Reaktion das Erleben von enger Verwobenheit und Abhängigkeit erfahrbar wird. Niemand kann daraus fliehen. Alle Menschen sind eingebunden, verwoben in das, was gegenwärtig passiert. Das zu spüren, kann Angst machen, schafft Unsicherheit. Aber erfreulich ist, dass auch ganz anderes passiert.

Neue Nachdenklichkeit entsteht und Klarheit, was für uns Menschen wirklich wichtig ist; ehrliche Solidarität, mitmenschliches Engagement, Erfindergeist im gegenseitigen Helfen. Die Computer zum Beispiel, die gestern noch für Kunst und Medienforschung eingespannt waren, arbeiten jetzt mit Gesundheitsdaten für die Menschen. Nachbarschaftshilfe für Leute, die man vorab kaum kannte, wird möglich. Telefon und Internet schaffen zwischenmenschlich neue Bindungen. Das wahrhaft Menschliche, das, was wirklich das Leben von Menschen bekrönt, tritt in vielen kleinen und großen Begebenheiten zutage. Es geht wirklich um Schicksalsverwobenheit, die freilich bei Christen kein blindes Schicksal beschwören will, sondern an einen Schöpfer und Lenker erinnert, der in Liebe zu uns Menschen den Überblick behält. Ja, Not kann beten lehren. Aber auch die lange schon gekannten und oft auch erfahrenen Wahrheiten bekommen neue Relevanz, wie Papst Franziskus es einmal formuliert:

„Der Glaube ist nicht ein Licht, das all unsere Finsternis vertreibt, sondern eine Leuchte, die unsere Schritte in der Nacht leitet, und dies genügt für den Weg.“ (Lumen fidei 57)

Ja, wir merken – gerade bei so viel neuer Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft und Erfindergeist, uns fällt kein ‚Zacken aus der Krone‘ als Mensch – im Gegenteil.

 


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Dr. Gertrud Pollak, Mainz
Ordinariatsdirektorin a. D.
Generaloberin Säkularinstitut Frauen von Schönstatt

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