Date:14. Okt 2015

Freude an Gottes Wort: Esra / Nehemia

Im Zentrum dieses liturgischen Konzeptes steht die Erfahrung der heiligen Thérèse von Lisieux, dass Gottes Wort eine andere Qualität hat als menschliche Worte. Die junge Karmelitin spricht davon, wie die Lesung der heilige Schrift zur Begegnung mit dem lebendigen Gott wird. Es ist die Erfahrung der Schwester des Lazarus, es ist die Erfahrung der Zeitgenossen Esras und Nehemias: Das Wort des Herrn ist wirk-mächtig, es belebt, es berührt und gibt Kraft. Eine Liturgie, die diese Erfahrungen ernst nimmt, lässt Raum für Gottes Wort.
Bevor wir Schrifttexte streichen oder ersetzen, mit noch so wohlmeinenden Argumenten und mit noch so sinnvollen pädagogischen Ideen, müssen wir dem Wort Gottes die Chance geben, unsere Herzen zu berühren. Auch Thérèse hat Theaterspielen geliebt. Aber ihr wäre es nicht in den Sinn gekommen, die Schriftlesung dadurch zu ersetzen. Hier geht es nicht um den Respekt vor einem literarischen Ideal oder vor einer autorisierten Übersetzung. Sondern darum, die Begegnung mit dem Herrn zu ermöglichen. Auch ganz ohne Wortgeräusch.


Die Freude an Gottes Wort

ist unsere Stärke. (Neh 8,10)

Esra schreibt – Detailbild: Esra -Detail

Esra -Detail

Bild: Codex Amiatinus 1
fol. 5r: Esra beim Schreiben

>> Zum Bild: Esra


Alttestamentliche Lesung: Nehemia 8, 1-10*

Das ganze Volk versammelte sich geschlossen auf dem Platz vor dem Wassertor und bat den Schriftgelehrten Esra, das Buch mit dem Gesetz des Mose zu holen, das der Herr den Israeliten vorgeschrieben hat. Am ersten Tag des siebten Monats brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung; zu ihr gehörten die Männer und die Frauen und alle, die das Gesetz verstehen konnten. Vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra auf dem Platz vor dem Wassertor den Männern und Frauen und denen, die es verstehen konnten, das Gesetz vor. Das ganze Volk lauschte auf das Buch des Gesetzes. Der Schriftgelehrte Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigens dafür errichtet hatte. Neben ihm standen rechts Mattitja, Schema, Anaja, Urija, Hilkija und Maaseja und links Pedaja, Mischaël, Malkija, Haschum, Haschbaddana, Secharja und Meschullam. Esra öffnete das Buch vor aller Augen, denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle. Dann pries Esra den Herrn, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen! Sie verneigten sich, warfen sich vor dem Herrn nieder, mit dem Gesicht zur Erde. Die Leviten Jeschua, Bani, Scherebja, Jamin, Akkub, Schabbetai, Hodija, Maaseja, Kelita, Asarja, Josabad, Hanan und Pelaja erklärten dem Volk das Gesetz; die Leute blieben auf ihrem Platz. Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten. Der Statthalter Nehemia, der Priester und Schriftgelehrte Esra und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sagten dann zum ganzen Volk: Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn, eures Gottes. Seid nicht traurig und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte des Gesetzes hörten. Dann sagte Esra zu ihnen: Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.

 

 

Kehrvers:

Dein Gesetz ist meine Freude, bei Tag und bei Nacht. (Psalm 1, 1.2)

Psalm 1

Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt,
nicht auf dem Weg der Sünder geht,
nicht im Kreis der Spötter sitzt,
sondern Freude hat an der Weisung des Herrn,
über seine Weisung nachsinnt
bei Tag und bei Nacht.
Er ist wie ein Baum,
der an Wasserbächen gepflanzt ist,
der zur rechten Zeit seine Frucht bringt
und dessen Blätter nicht welken.
Alles, was er tut,
wird ihm gut gelingen.
Nicht so die Frevler:
Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.
Darum werden die Frevler
im Gericht nicht bestehen
noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten.
Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten,
der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.

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Neutestamentliche Lesung:

Philipperbrief 3, 5-14

Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt.
Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.
Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin. Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.

Ruf vor dem Evangelium

(Neh 8,10)

Die Freude an deinem Wort ist unsere Stärke.

Evangelium: Lukas 10, 38-42

Sie zogen zusammen weiter und er kam in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn freundlich auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu. Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die ganze Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen! Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.


Lieder: Gottes Wort in unserem Herzen

Die erste Strophe des Liedes „Liebster Jesu, wir sind hier“ im katholischen Gotteslob stellt uns die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde vor Augen, die gekommen ist, um Gottes Wort zu hören:

Liebster Jesu, wir sind hier,
dich und dein Wort anzuhören;
lenke Sinnen und Begier
hin zu deinen Himmelslehren,
dass die Herzen von der Erden
ganz zu dir gezogen werden.

Im Evangelischen Gesangbuch formuliert die zweite Strophe des Liedes „Herr, öffne mir die Herzenstür“ die Erfahrung, wie gut dieses Wort dem Hörenden tut:

Dein Wort bewegt des Herzens Grund,
dein Wort macht Leib und Seel gesund,
dein Wort ist’s,
das mein Herz erfreut,
dein Wort gibt Trost und Seligkeit.

Gotteslob Nr. 149, Text: Tobias Clausnitzer 1663,
Evangelisches Gesangbuch Nr. 197, Text Johann Olearius 1971.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturhinweis: Ezechiel: Ver-rückte Welten, Bibel und Kirche 3 (2005).

 

 

 

 

Geistlicher Text: Thérèse von Lisieux

„Oh! wieviele Erleuchtungen habe ich aus den Schriften Unseres Vaters, des Hl. Johannes vom Kreuz, geschöpft! Im Alter von 17 und 18 Jahren bildeten sie meine einzige geistige Nahrung, später aber ließen mich alle Bücher in der geistigen Dürre, und in diesem Zustand bin ich heute noch. Wenn ich das Buch eines religiösen Schriftstellers aufschlage (und wäre es das schönste, das ergreifendste), so fühle ich sofort, wie mein Herz sich schnürt, und ich lese sozusagen ohne zu verstehen, oder wenn ich verstehe, so erstarrt mein Geist, ohne betrachten zu können … In diesem Unvermögen kommen mir die Heilige Schrift und die Nachfolge Christi zu Hilfe; in ihnen finde ich kräftige und ganz reine Nahrung. Das Evangelium aber vor allem gibt mir das Nötige für das innere Gebet, in ihm finde ich alles, was meine arme kleine Seele braucht. In ihm entdecke ich immer neue Klarheiten, verborgene und geheimnisvolle Bedeutungen… Ich erkenne und ich weiß aus Erfahrung, <das Reich Gottes ist innen in uns>. Jesus bedarf keiner Bücher noch Lehrer um die Seelen zu unterweisen; Er, der Lehrer der Lehrer, unterrichtet ohne Wortgeräusch…
Nie hörte ich ihn sprechen aber ich fühle, daß Er in mir ist, jeden Augenblick, Er leitet mich und gibt mir ein, was ich sagen oder tun soll. Ich entdecke gerade in dem Augenblick, da ich dessen bedarf, Klarheiten, die ich noch nicht geschaut hatte, und zwar sind sie zumeist nicht während der Stunden des Gebetes am reichlichsten, sondern eher bei den gewöhnlichen Beschäftigungen meines Tagewerkes …“.

Aus: Therese vom Kinde Jesus, Selbstbiographische Schriften. Authentischer Text, Einsiedeln 1978, S. 184f.

 

 

 

Zusammenstellung: Hans-Jakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  22 Pen C in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie  – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH.

Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“

Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

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