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Date:21. Aug 2019

Dr. Christian Hennecke


Foto: pixabay.com

Die neuen starken Männer

Sie sind viele. Und sie sind „in“: Männer wie Trump, Erdogan, Putin, Johnson, Salvini, Strache … Und es sind noch viel mehr: Kleine und große Namen. Machtbewußt, krude in der Wortwahl, polarisierend. Immer auf Twitter unterwegs, mit großen Fanblasen. Sie provozieren – aber vor allem aktivieren sie etwas, was offensichtlich in unserer komplexen Welt ankommt. Endlich ist da jemand, der eine Richtung angibt. Endlich jemand, der den Stammtisch beherrscht – und die Kneipe um die Ecke auf den Platz der Welt bringt.

Die öffentliche Atmosphäre wird aufgeheizt. Wir machen mit. Wir riskieren Polarisierung und Vereinfachung in einer komplexen Welt. Und das ist ja auch Absicht.

Wie sagte noch einmal Macchiavelli: „Divide et impera“ – „Teile und herrsche“: Denn genau darum geht’s, gerade auch diesen neuen starken Männern. Natürlich geht es um Macht – und dafür geht alles. Hinter den lauten Geschrei populistischer Thesen, hinter dem verhängnisvollen Verdrehungen der Aussagen, die schon morgen ganz anders sein kann, geht es einfach nur um Herrschaftsansprüche, die sich dann als wirksam erweisen, wenn man das Gegenüber spaltet, polarisiert und letztlich eine Gesellschaft erzeugt, die – weil sie ständig reagiert – zur Marionette wird, Menschen vereinzelt und so spaltet.

Das ist unerträglich. Und es ereignet sich in einer spannenden Gemengelage: denn während in unserer katholischen Kirche gerade das Machtthema neu verhandelt wird, kann ich auch dort spüren, wie schwer es ist, von einer scheinbar normativen Hierarchie des Oben-Unten zum Evangelium zurückzufinden. Das ist für alle eine Herausforderung: für Leitende und für die, die es in Zukunft auch sein wollen. Und das gilt auch gerade dann, wenn Synodalität zum populistischen Gerichtsort für Doofe und Tumbe wird, die doch endlich verstehen müssen, was andere richtig empfinden. Dann geschieht – man muss es sagen – hier nichts anderes als eine Gegenabhängigkeit zum altbekannten Machtparadigma. Schade auch das.

Was also Gleichberechtigung, Gleichwürdigkeit, Gemeinschaft und Frieden bedeuten können, ist uns allen noch sehr fern. Und zugleich bezeugen Organisationsentwickler wie Frederic Laloux, Unternehmer wie Jan de Blok („Buurtzorg“) und Uwe Lübbermann („Premium Cola“) oder Philosophen wie Hartmut Rosa, dass diese Perspektive unsere Zukunft ist.

Wir sind in einem Lernprozess, der im Moment heftigste Ausschläge und Regressionen kennt. Und vielleicht lernen wir auch neu, in dieser Zeit der Machtblasen, welche geistvolle Perspektive im Evangelium steckt. Zu oft wird von vielen machtbewußten Christ*innen hier der spirituelle Ideologieverdacht geäußert. Wer sich auf das Evangelium bezieht, wolle spirituell verschleiern.

Aber schauen wir einmal hin, auf die Vision, die schon im ersten Testament entfaltet wird: „Immer noch hatte ich die nächtlichen Visionen. Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn. Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurde Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen dienen ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter…“ (Dan 7, 13f).

Es wird klar, mindestens für uns Christen. Weil wir einen Herrn haben, weil dieser Herr ganz Mensch ist, und uns seine Brüder und Schwestern nennt, können wir lernen, Gleichwürdigkeit zu leben jenseits der starken Männer, jenseits der Abhängigkeit und Gegenabhängigkeit alter Machtparadigmen. Können wir? Wollen wir?

 

Dr. Christian Hennecke
Hildesheim

 

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