Dr. Christian Hennecke

gefaltete Hände auf einer Bibel
Foto: pixabay.com

Corona-Ostern

Keine Gottesdienste, keine Versammlungen, keine Sakramente – das sind scheinbar krassesten Herausforderungen für uns Kirchen, die der Coronavirus provoziert. Deutlicher gesagt: Die staatlichen Institutionen lassen Supermärkte offen, auch wenn mit Einschränkungen – aber Kirchen nicht, und verschließen die klassischen Wege kirchlichen Lebens. Das ist neu und eine ungeheure Zumutung.

Nein, es geht nicht darum, dem Staat und unserer Gesellschaft vorzuwerfen, dass er mit uns so streng umgeht. Es geht nicht darum, eine Situation zu beklagen, die wir noch nie erlebt haben und uns nicht haben vorstellen können. Aber es geht darum genau hinzusehen: Könnte es sein, dass christlicher Glauben auch in unserem Land eher einen Gaststatus hat – und aufs private reduziert ist? Ist er nicht mehr relevant für das Leben der Gesellschaft? Wird er – als Kollateralschaden der Pandemie – zum Erliegen gebracht? Oder geht es in all dem eigentlich um eine notwendige Neuorientierung für uns Christen: Vielleicht müssen wir neubestimmen, wie wir als Christen heute leben können in einer nachchristlichen Gesellschaft – und noch tiefer: Vielleicht müssen wir auch neubestimmen, worin dieser Glauben eigentlich besteht?

Mit Christoph Theobald: „Müssen wir als Katholiken und Theologen – um zunächst nur von uns zu reden, nicht ein neues Verhältnis zu unserem Kontinent finden? Als Menschen in einem Land, das wir zwar gerne bewohnen, das uns aber nicht als Christen gehört? Ein Missionsland eher, in dem wir – wie die ersten Christen – für unseren Glauben um Gastfreundschaft werben müssen. Geht es doch darum, Herzen zu gewinnen und frei Mitbürger davon zu überzeugen, dass im Glauben an das Evangelium ungeahnte Lebenskraft verborgen ist.“

Das würde bedeuten, dass wir neu nach der Lebenskraft unseres eigenen Glaubens zu fragen haben: Wo finden wir Gottes Gegenwart? Wie schöpfen wir aus der Kraft des Geistes – wie erneuert uns die Begegnung mit Jesus Christus? Was eigentlich genau ist mit Kreuz und Auferstehung verbunden – und was bedeutet es, heute dem Auferstandenen zu begegnen?
Dann ginge es gerade in dieser Zeit vor allem um unsere Umkehr zum Ursprung, zum Kern unseres Glaubens – und um die Auflösung von Missverständnissen, an die wir vielleicht selbst glauben?

Denn eigentlich sind wir weder fixiert auf Kult und Tempel, noch auf Sakramente: In allem geht es doch um das Leben aus einer Liebe, die wir von Gott geschenkt bekommen und die wir – in seiner Spur – weitergeben.

Mir fällt biblisch die Situation des Exils ein: Der Tempel war durch seine Zerstörung unerreichbar. Und der Tempelkult – das Zentrum der Verehrung Gottes – ist mit einem Mal weggebrochen. Die Religion Israels war damit im Grunde zum Tode verurteilt wäre im Nirwana der Geschichte verschwunden. Doch dann geschah etwas Neues. Genau diese Situation wurde zur Geburtsstunde für die erste Buchreligion der Welt, d.h. der Religionsausübung, die von der heiligen Schrift ausgeht. Sie kann an jedem Ort von jedermann gelebt werden. Gemeinschaft mit Gott, ohne Tempel, ohne Ritus, ohne Priester.

Und mir fällt Dietrich Bonhoeffer ein. Auch er fühlte das Ende einer bestimmten Gestalt des Christentums. Alte Worte funktionierten nicht mehr. Die ewige Sorge um den Selbsterhalt der Kirche ließ die Kirche merkwürdig verkrümmt in sich selbst erscheinen. Und er formulierte für die Zukunft: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun…“

Und dann wird Ostern. Denn vielleicht können wir gerade so Salz sein, in diesem Beten und Tun. Die Erfahrungen dieser Tage belegen das nachdrücklich. Und ja: Wir feiern das Geheimnis von Ostern. Wir feiern Tod und Auferstehung. Wir feiern das Ende – und wir feiern die Neugeburt – einen dringend notwendigen Neuanfang.

 

Dr. Christian Hennecke
Hildesheim

 

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