Christus geht durch verschlossene Türen

Das eigentliche Auferstehungsbild der Ostkirche ist die „Höllenfahrt Christi“, der descensus ad inferos. In seinem Tod bezwingt Christus die höllischen Mächte, denn er ist der Herr über Lebende und Tote. An dieser ikonographischen Bildfindung  wirkten apokryphe Schriften, der Mythos von der Hadesfahrt des Herakles, frühchristliche Autoren und Kirchenväter wie Melito von Sardes oder Ephrem der Syrer mit. Die Buchmalerei des Stuttgarter Psalters zeigt drastisch, wie Jesus bei seinem Abstieg in das Reich der Toten die dort Gefangenen befreit und machtvoll die Pforten der Hölle eintritt. Wie diese Bildsprache theologisch zu übersetzen sei, kann eine Theologie des Karmsamstags zeigen: „Gott selbst steigt in die Tiefen des Todes und der Gottverlassenheit des Sünders hinab.  … Der von den Menschen getötete Heilbringer Gottes wurde von Gott von den Toten auferweckt. Er ist der Urheber des Lebens.“


Die Pforten des Todes, du hast sie zerstört. (Ps 107)

 

Bild: Höllenfahrt Christi,  Buchmalerei zu Psalm 23
Stuttgarter Psalter,  Cod. Bibl. fol 29v
Württembergische Landesbibliothek
>> Höllenfahrt Christi


Alttestamentliche Lesung:

Ijob 30,20; 31,35; 38,1.4.16-17; 42,1-5

Ich schreie zu dir und du erwiderst mir nicht;
ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich.
Gäbe es doch einen, der mich hört.
Das ist mein Begehr, dass der Allmächtige mir Antwort gibt: Hier ist das Schriftstück, das mein Gegner geschrieben.
Da antwortete der Herr dem Ijob aus dem Wettersturm und sprach:
Wo warst du, als ich die Erde gegründet?
Sag es denn, wenn du Bescheid weißt.
Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen,
hast du des Urgrunds Tiefe durchwandert?
Haben dir sich die Tore des Todes geöffnet,
hast du der Finsternis Tore geschaut?
Da antwortete Ijob dem Herrn und sprach:
Ich hab erkannt, dass du alles vermagst;
kein Vorhaben ist dir verwehrt.
Wer ist es, der ohne Einsicht den Rat verdunkelt?
So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge,
die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind.
Hör doch, ich will nun reden,
ich will dich fragen, du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen;
jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.

 

Kehrvers:

Die Pforten des Todes, er hat sie zerstört. (Psalm 107,16.18)   

Psalm 107,1-2.4-16.20

Danket dem Herrn, denn er ist gütig,
denn seine Huld währt ewig.
So sollen alle sprechen, die vom Herrn erlöst sind,
die er von den Feinden befreit hat.
Sie, die umherirrten in der Wüste, im Ödland,
und den Weg zur wohnlichen Stadt nicht fanden,
die Hunger litten und Durst,
denen das Leben dahinschwand,
die dann in ihrer Bedrängnis schrien zum Herrn,
die er ihren Ängsten entriss
und die er führte auf geraden Wegen,
sodass sie zur wohnlichen Stadt gelangten:
sie alle sollen dem Herrn danken für seine Huld,
für sein wunderbares Tun an den Menschen,
weil er die lechzende Seele gesättigt,
die hungernde Seele mit seinen Gaben erfüllt hat.
Sie, die saßen in Dunkel und Finsternis,
gefangen in Elend und Eisen,
die den Worten Gottes getrotzt
und verachtet hatten den Ratschluss des Höchsten,
deren Herz er durch Mühsal beugte,
die stürzten und denen niemand beistand,
die dann in ihrer Bedrängnis schrien zum Herrn,
die er ihren Ängsten entriss,
die er herausführte aus Dunkel und Finsternis
und deren Fesseln er zerbrach:
sie alle sollen dem Herrn danken für seine Huld,
für sein wunderbares Tun an den Menschen,
weil er die ehernen Tore zerbrochen,
die eisernen Riegel zerschlagen hat.
Denen er sein Wort sandte, die er heilte
und vom Verderben befreite.


Neutestamentliche Lesung:

Offenbarung 1,17-18

Als ich ihn sah, fiel ich wie tot vor seinen Füßen nieder. Er aber legte seine rechte Hand auf mich und sagte: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.

Ruf vor dem Evangelium

(Offenbarung 1,18)

Ich war tot, doch nun lebe ich in alle Ewigkeit und ich habe die Schlüssel zum Tod und zur Unterwelt.

Evangelium: Johannes 20,10-31

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.
Jesus sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.
Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott! Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Noch viele andere Zeichen, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind, hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.


Lied: Nun freut euch hier und überall – Paul Gerhardt (1653)

Von den 36 Strophen des Liedes von Paul Gerhardt finden sich im Gotteslob nur vier, aber wohl die vier schönsten. Das umfangreiche Erzähl-Lied beginnt mit dem Sieg über „der Feinde Joch“, dem Sieg über Tod und Unterwelt:

Nun freut euch hier und überall,
der Herr ist auferstanden,
im Tod bracht er den Tod zu Fall
und macht die Höll zuschanden
Des Lebens Leben lebet noch,
sein Arm hat aller Feinde Joch
mit aller Macht zerbrochen.
Die zweite Strophe spricht von Christus als „unerschaffne Sonne“, ganz im Sinn des Credo, als Licht vom Licht, das aus dem Vater geboren ist vor aller Zeit:

Die Morgenröte war noch nicht
mit ihrem Licht vorhanden;
und siehe, da war schon das Licht,
das ewig leucht, erstanden.
Die Sonne war noch nicht erwacht,
da wachte und ging auf voll Macht
die unerschaffne Sonne.
Die dritte Strophe ist eine gelungene Umdichtung der alten 31. und 35. Strophe. Statt „Pest und Gift der Höllen“ wird das biblische Bild vom zerbrochenen Tor verwendet:
O Lebensfürst, o starker Held,
von Gott vorzeit versprochen,
vor Dir die Hölle niederfällt,
da Du ihr Tor zerbrochen.
Du hat gesiegt und trägst zum Lohn
ein allzeit unverwelkte Kron
als Herr all deiner Feinde.
Die letzte Strophe der Gotteslob-Fassung entspricht der ursprünglichen Schlußstrophe.
(Gotteslob 814, 1-3)

 

Geistlicher Text:

Basilius von Seleukia († nach 468) – Osterpredigt

Heute ist Christus den Jüngern nach seiner Auferstehung von den Toten erschienen, und er ließ sich daraufhin ein zweites Mal sehen, wodurch er den Glauben an die Auferstehung festigte.
Er erschien aber bei verschlossenen Türen. Er nämlich, der die Unterwelt ihrer Mauern beraubt hatte, bedurfte zum Eintritt keiner Türen. Denn wo Gott befiehlt, geben die Gesetze ihre Gewohnheit auf.
Es kam Jesus herein bei verschlossenen Türen. Und doch, bei der Auferstehung war der Stein weggewälzt und die Tür des Grabes stand offen. Dort jedoch wurde gezeigt, dass das, was mit dem sichtbaren Grab geschah, die Unterwelt unsichtbar erlitt. Und durch die Öffnung des Grabes wurde die Unterwelt erst recht als türenlos erwiesen. Denn es musste das Grab zusammen mit der Unterwelt entblößt und durch das Sichtbare das Unsichtbare dargestellt werden. Jetzt aber tritt er bei verschlossenen Türen ein. So sollen jene, die an der Auferstehung zweifeln, sich über den Eintritt wundern und durch das Wunder zum Wunder geführt werden.
Es erschien also Christus den Aposteln sogar, als sie sich im Haus verbargen; er trat ein bei verschlossenen Türen. Thomas glaubt dem Geschehen nicht, da er nicht anwesend ist. Aus Sehnsucht nach dem Anblick ließ er die Kunde nicht gelten; er verschloss das Ohr, da er die Augen weiten wollte. … Unersättlich in seiner Erwartung und ungläubig, gibt er Unglauben vor, um den Anblick genießen zu können.
Doch von neuem war der Gebieter da, und er löst dem Jünger zusammen mit dem Kummer auch den Unglauben. Oder vielmehr löste er nicht den Unglauben, sondern stillte das Verlangen. Er war da bei verschlossenen Türen. Durch den unglaublichen Anblick macht er die nicht geglaubte Auferstehung glaubwürdig. …
„Verkünde, Thomas,“ spricht der Herr, „meine Auferstehung denen, die nicht sehen. Ziehe den Erdkreis nicht im Glauben an Gesehenes, sondern an Worte. Durchziehe die Völker und Städte der Heiden. Lehre sie, sich anstelle mit Waffen mit dem Kreuz zu wappnen…“.
So beschaffen ist das neu gebildete Heer des Gebieters, die Kinder des geistlichen Bades, die Werke der Gnade, das Ackerland des Geistes. Ohne gesehen zu haben, gehorchen sie, und aus Sehnsucht glauben sie. Sie erkennen Christus nicht mit dem Auge des Leibes, sondern mit dem Auge des Glaubens. … „Selig, die nicht sehen und doch glauben“, die nicht sehen und sich doch mit Christus vereinen.
Zit. nach: In sanctum Pascha homilia, ed. mit frz. Übersetzung: M. Aubineau, Sources Chrétiennes 187, Paris 1972, 206-14. / PG 28, 1081-1085.

 

 

Literaturhinweis – Zitate der Einführung:

-Konrad Onasch, Kunst und Liturgie der Ostkirche in Stichworten unter Berücksichtigung der Alten Kirche, Leipzig 1981, Art. Auferstehung Christi, S. 41f.
-Gerhard Ludwig Müller, Katholische Dogmatik, Freiburg 1995, S. 306.
206-14. / PG 28, 1081-1085.

 


Zusammenstellung: Hansjakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  2 Res C in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie  – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2016.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH.

Liste der Wort-Gottes-Feiern “Patmos”

Informationen zur Gottesdienst-Reihe “Patmos”

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