Date:27. Jun 2004

Der auf seine (liebende) Weise allmächtige Gott

Meditation

 

„Mir will scheinen, es gäbe so eine Art ‚Evolution‘ in der Gottesoffenbarung, zu­mindest in der Weise des Verstehens der Gottesoffenbarung. Dieser Gott, der in den ältesten Psalmen noch beschrieben wird mit Bildern der Gottkönige von Ägypten und Babylon, dieser Gott, der Rosse und Wagen ins Meer schleudert, ist auch bei Jesus von Nazareth der Herr des Himmels und der Erde, der allmächtige Gott.

Aber – und ich finde, dies ist das Bewegendste in der Religionsgeschichte überhaupt – dieser Gott ist bei Jesus Christus der, der seine Allmacht zur wehrlosen Liebe werden lässt. Dieser Gott Jesu Christi zeigt seine Macht darin, dass er als wehrlose Liebe der Rettende wird. Dieser Gott ist anschaubar in dem hilflosen Kind, das in der Krippe liegt. Dieser Gott wird anschaubar in dem Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird und seinen Mund nicht auftut. Diese Ohnmacht der wehrlosen Liebe Gottes besiegt alles, besiegt den Tod. Es ist das abgründige Geheimnis Gottes, dass er, der All­mächtige, der absolute Herr, aus Liebe retten will – und wahre Liebe ist wehrlos; aber ihre Wehrlosigkeit ist stärker als alles.

Die Wehrlosigkeit Gottes ist so etwas, wie ich es in dem sehr weisen Buch des Laotse, im Tao-te-king, gefunden habe: ‚Weich und Schwach überwindet Hart und Stark‘? So, wie das Wasser den Stein besiegt? Ich spreche nicht vom Weichen und Schwachen an sich, nicht von der Wehrlosigkeit an sich, sondern von der wehrlosen Liebe…

Deus semper major, der je größere Gott wird in seiner Kenosis, seiner Entäußer­ung, zum Deus semper minor, zum je Geringeren. Er wird zum Kind. Er wird zu dem Gott, der heute gleichsam verschwindet, der wie unauffindbar wird, mit dem die Menschen machen, was sie wollen, die Theologen und die Atheisten, der Mann auf der Straße und die Medien auf allen Kanälen; zu dem Gott, der ohnmächtig in der Welt ist, der nicht mit seiner Allmacht von außen eingreift. Er wird zur wehrlosen Liebe, und sie ist stärker als alles, stärker als der Tod.

 

(Johannes Bours: Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt.“ Freiburg 1986, 87 f.).

ausgesucht von: Herbert King

 

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