Das Anlitz des Gekreuzigten

Der vorliegende liturgische Entwurf zeigt ganz unterschiedliche Begegnungen mit dem Angesicht Jesu Christi. Im Evangelium vom Palmsonntag begegnet man ihm mit Skepsis, Verhöhnung und liebender Klage. In Kirchenlied und Arie geht es um meditatives Sich-Versenken und Sehnsucht.
Die Geschichte der Suche nach dem irdischen Angesicht des Gekreuzigten ist auch eine Geschichte berühmter Bilder und deren Legenden. Höchste Autorität beanspruchten die sogenannten Acheiropoieta, die nicht von Menschenhand geschaffenen Bilder. Für die byzantinisch-orthodoxe Tradition ist es das Mandylion, für die römisch-katholische Tradtion das Veronika-Bild, beide gelten als Abdruck des wahren Angesichtes Jesu Christi in einem Tuch. Das Mandylion soll Christus selbst König Abgar aus Edessa geschenkt haben, der beim Anblick dieses Tuchbildes vom Aussatz geheilt wurde. Das Bild wurde zum Palladium, zum Schutzgaranten Konstantinopels und kam möglicherweise in der Zeit des 4. Kreuzzuges mit anderen Passionsreliquien in die Sainte Chapelle nach Paris, wo es in den Revolutionswirren zerstört worden sein soll.
Kopien des Mandylion wurden ihrerseits zu Schutzbildern. Die Legende des Veronika-Bildes sieht in Veronika die von Jesus geheilte Frau aus Markus 5,25-34, die nach apokryphen Schilderungen Jesus auf dem Kreuzweg ihr Schweißtuch gereicht haben soll. Der Abdruck aus Blut und Schweiß wurde als vera icon (=wahres Abbild)des lebendigen Herrn ebenfalls prägend für zahllose Kopien, die sich in der gesamten Christenheit verbreiteten. Vor dem 15. Jahrhundert entspricht das Antlitz auf dem Sudarium dem verklärten Christus, nicht dem leidenden des Kreuzweges. Das Original der „Veronica“ soll beim Sacco die Roma 1527 von kaiserlichen Landsknechten in den Tavernen Roms zum Kauf angeboten worden sein. Auch dieses Kultbild ist verschollen.
Hans Belting weist auf die Ähnlichkeit des Mandylions von Genua mit dem Sacra Sindone hin: „Nur das Leichentuch von Turin…steht mit dem Abdruck eines Toten dem fiktiven Abdruck eines Lebenden auf diesen Tafeln nahe. Wie man diesen Befund interpretieren soll, mag jeder selbst entscheiden.“ Eine Fixierung auf die Frage nach der Echtheit der wahren Bilder steht allerdings immer in Gefahr, das Wesentliche einer solchen Suche aus dem Blick zu verlieren: die immer wieder neu zu suchende Annäherung an den Dargestellten, dessen Anblick von Angesicht zu Angesicht uns verheißen ist (1. Kor 13,12). Papst Franziskus formuliert: „Lassen wir uns also von diesem Blick berühren, der nicht unsere Augen sucht, sondern unser Herz.“


Gesicht

– bekannt und fremd

 

Bild: “Meister von Flémalle”, Robert Campin
Heilige Veronika,  ca. 1428 – 1430,  Mischtechnik auf Eichenholz
151,8×61 cm,  Museum Städel, Frankfurt
zum Bild: Veronika 

 

Zum Veronika-Bildtypus: Meister der Heiligen Veronika: hl. Veronika mit dem Schweißtuch Christi, um 1420. München, Alte Pinakothek (wahrscheinlich aus St. Severin in Köln) [[File:Meister der Heiligen Veronika – Hl. Veronika mit dem Schweißtuch Christi – Alte Pinakothek.jpg|Meister der Heiligen Veronika – Hl. Veronika mit dem Schweißtuch Christi – Alte Pinakothek]]
zum Bild: Veronika Pinakothek


Alttestamentliche Lesung: Jesaja 50, 4-7

Gott, der Herr, gab mir die Zunge eines Jüngers, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich auf ihn höre wie ein Jünger. Gott, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück. Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und denen, die mir den Bart ausrissen, meine Wangen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel. Doch Gott, der Herr, wird mir helfen;
darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.

Kehrvers:

Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.   (Psalm 27,8)

Psalm 27, 1.7-14

Der Herr ist mein Licht und mein Heil:
Vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist die Kraft meines Lebens:
Vor wem sollte mir bangen?
Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen;
sei mir gnädig und erhöre mich!
Mein Herz denkt an dein Wort: «Sucht mein Angesicht!»
Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.
Verbirg nicht dein Gesicht vor mir;
weise deinen Knecht im Zorn nicht ab!
Du wurdest meine Hilfe. Verstoß mich nicht, verlass mich nicht,
du Gott meines Heiles!
Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen,
der Herr nimmt mich auf.
Zeige mir, Herr, deinen Weg,
leite mich auf ebener Bahn trotz meiner Feinde!
Gib mich nicht meinen gierigen Gegnern preis;
denn falsche Zeugen stehen gegen mich auf und wüten.
Ich aber bin gewiss, zu schauen
die Güte des Herrn im Land der Lebenden.
Hoffe auf den Herrn und sei stark!
Hab festen Mut und hoffe auf den Herrn!


Neutestamentliche Lesung:

2. Korintherbrief 4, 5-7

Wir verkündigen nämlich nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi. Diesen Schatz tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Literaturhinweis:

– Hans Belting, Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München, 2004, Kapitel 11, zit. S.236.
– Alex Stock, Gesicht, bekannt und fremd. Neue Wege zu Christus durch bekannte Bilder des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart, 1990.
– Roland Krischel/ Giovanni Morello/ Tobias Nagel (Hrsgg.), Ansichten Christi. Christusbilder von der Antike bis zum 20. Jahrhundert (Ausstellungskatalog), Köln 2005.
– Ansgar Franz, O Haupt voll Blut und Wunden, in: Geistliches Wunderhorn, München, 2001, S. 275-290

 

Ruf vor dem Evangelium

(Psalm 118,25. Lk 19,38)

Gepriesen, der kommt im Namen des Herrn, der Sieger des Todes, Hosanna in der Höhe.

Evangelium: Lukas 23, 1-49

Daraufhin erhob sich die ganze Versammlung und man führte Jesus zu Pilatus. Dort brachten sie ihre Anklage gegen ihn vor; sie sagten: Wir haben festgestellt, dass dieser Mensch unser Volk verführt, es davon abhält, dem Kaiser Steuer zu zahlen, und behauptet, er sei der Messias und König.
Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden? Er antwortete ihm: Du sagst es.
Da sagte Pilatus zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde nicht, dass dieser Mensch eines Verbrechens schuldig ist. Sie aber blieben hartnäckig und sagten: Er wiegelt das Volk auf und verbreitet seine Lehre im ganzen jüdischen Land von Galiläa bis hierher.
Als Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mann ein Galiläer sei. Und als er erfuhr, dass Jesus aus dem Gebiet des Herodes komme, ließ er ihn zu Herodes bringen, der in jenen Tagen ebenfalls in Jerusalem war. Herodes freute sich sehr, als er Jesus sah; schon lange hatte er sich gewünscht, mit ihm zusammenzutreffen, denn er hatte von ihm gehört. Nun hoffte er, ein Wunder von ihm zu sehen. Er stellte ihm viele Fragen, doch Jesus gab ihm keine Antwort. Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten, die dabeistanden, erhoben schwere Beschuldigungen gegen ihn. Herodes und seine Soldaten zeigten ihm offen ihre Verachtung. Er trieb seinen Spott mit Jesus, ließ ihm ein Prunkgewand umhängen und schickte ihn so zu Pilatus zurück. An diesem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; vorher waren sie Feinde gewesen.
Pilatus rief die Hohenpriester und die anderen führenden Männer und das Volk zusammen und sagte zu ihnen: Ihr habt mir diesen Menschen hergebracht und behauptet, er wiegle das Volk auf. Ich selbst habe ihn in eurer Gegenwart verhört und habe keine der Anklagen, die ihr gegen diesen Menschen vorgebracht habt, bestätigt gefunden, auch Herodes nicht, denn er hat ihn zu uns zurückgeschickt. Ihr seht also: Er hat nichts getan, worauf die Todesstrafe steht. Daher will ich ihn nur auspeitschen lassen und dann werde ich ihn freilassen.Da schrien sie alle miteinander: Weg mit ihm; lass den Barabbas frei! Dieser Mann war wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen Mordes ins Gefängnis geworfen worden.
Pilatus aber redete wieder auf sie ein, denn er wollte Jesus freilassen. Doch sie schrien: Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Zum dritten Mal sagte er zu ihnen: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich habe nichts feststellen können, wofür er den Tod verdient. Daher will ich ihn auspeitschen lassen und dann werde ich ihn freilassen. Sie aber schrien und forderten immer lauter, er solle Jesus kreuzigen lassen, und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch: Pilatus entschied, dass ihre Forderung erfüllt werden solle. Er ließ den Mann frei, der wegen Aufruhr und Mord im Gefängnis saß und den sie gefordert hatten. Jesus aber lieferte er ihnen aus, wie sie es verlangten.
Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie einen Mann aus Zyrene namens Simon, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage. Es folgte eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?
Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt. Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links.
Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Dann warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Die Leute standen dabei und schauten zu; auch die führenden Männer des Volkes verlachten ihn und sagten: Anderen hat er geholfen, nun soll er sich selbst helfen, wenn er der erwählte Messias Gottes ist. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann hilf dir selbst!
Über ihm war eine Tafel angebracht; auf ihr stand: Das ist der König der Juden. Einer der Verbrecher, die neben ihm hingen, verhöhnte ihn: Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!
Der andere aber wies ihn zurecht und sagte: Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Dann sagte er: Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus antwortete ihm: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.
Es war etwa um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei, und Jesus rief laut: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus. Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Das war wirklich ein gerechter Mensch. Und alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen betroffen weg. Alle seine Bekannten aber standen in einiger Entfernung (vom Kreuz), auch die Frauen, die ihm seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt waren und die alles mit ansahen.


Lied: O Haupt voll Blut und Wunden – Paul Gerhardt

Im Jahr 1656 veröffentlichte Paul Gerhardt „O Haupt voll Blut und Wunden“ zur Melodie eines Liebesliedes von Hans Leo Hassler. Er übertrug dafür den lateinischen Hymnus „Salve caput cruentatum“, der Anfang des 13. Jahrhunderts wahrscheinlich von dem Zisterzienserabt Arnulf von Löwen verfasst wurde. Salve caput cruentatum – sei gegrüßt, blutüberströmtes Haupt – so begann der mittelalterliche Hymnus, also mit einem Gruß an Jesu Haupt. Der Verfasser dieses Hymnus stellt sich in Gedanken unter das Kreuz Jesu, blickt zu ihm auf und spricht zu ihm.
1.
O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn;
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron;
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber frech verhöhnet:
Gegrüßet seist du mir!

Paul Gerhard schuf auf dem Hintergrund dieser sogenannten Rhythmischen Oration an die Glieder Christi sein deutsches Kirchenlied. An einigen Stellen setzt er dabei andere Akzente. Manche Kommentare betonen, hier stelle Gerhardt protestantische Kreuzes-Frömmigkeit an die Stelle der katholischen Brautmystik im Sinne des heiligen Bernhard von Clairvaux. Eine andere Sicht stellt fest: Hier begegnen sich nicht zwei Konfessionen, sondern zwei Epochen, Mittelalter und Barock.
2.
Du edles Angesichte,
davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte:
wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht’?
Text von Paul Gerhardt, nach Salve, caput cruentatum,
in: Gotteslob Nr. 289, Str. 1.2 / Evangelisches Gesangbuch Nr. 85

 

Geistlicher Text: Johann Sebastian Bach, Johannes-Passion, BWV 245

19. ARIOSO – Bass

Betrachte, meine Seel, mit ängstlichem Vergnügen,
mit bittrer Lust und halb beklemmtem Herzen,
dein höchstes Gut in Jesu Schmerzen,
wie dir aus Dornen, so ihn stechen,
die Himmelsschlüsselblumen blühn,
du kannst viel süße Frucht von seiner Wermut brechen;
drum sieh ohn Unterlaß auf ihn.


Zusammenstellung: Hansjakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  Pal C in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie  – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH.

Liste der Wort-Gottes-Feiern “Patmos”

Informationen zur Gottesdienst-Reihe “Patmos”

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