Bischof Dr. Peter Kohlgraf

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Der Mensch in der Mitte

3.10.2018

In den vergangenen Tagen und Wochen kommt die Kirche nicht zur Ruhe, und mir scheint dies gut und richtig zu sein, dass wir uns nicht beruhigen. Auch wenn wir wussten, dass es Missbrauch von Klerikern an Kindern und Jugendlichen gegeben hat und gibt, haben uns die Ergebnisse der MHG-Studie, die im Auftrag der Bischöfe Taten von Priestern, Diakonen und Ordensleuten in den vergangenen 70 Jahren bis heute untersucht hat, neu aufgewühlt. Wir dürfen nicht zur Tagesordnung übergehen, es beginnt ein langer Weg des Lernens und der Aufarbeitung. Was Aufarbeitung heißt, müssen wir im Gespräch mit den Betroffenen verstehen lernen. Sie müssen im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, nicht die Kirche als Institution. Als Bischof stehe ich hier in der Verantwortung, der ich mich nicht entziehen möchte.

In Gesprächen werden mir auch die Erschütterung, der Zorn, die Trauer und die Verunsicherung unserer Gläubigen deutlich. Hierin zeigt sich in brutaler Weise, dass Missbrauch spaltet. Er zerstört Menschen, er zerstört Familien, er zerstört Vertrauen und Gemeinschaft auf vielen Ebenen, er bringt Misstrauen auch in die Kirche hinein: Wem kann man noch trauen? Das Vertrauen auch gegenüber den Bischöfen steht auf dem Prüfstand. Es wurde vertuscht, Betroffene wurden zum Schweigen gebracht, die Institution wurde geschützt, nicht der betroffene Mensch.

Das ist für uns alle schlimm, aber es ist auch katastrophal im Hinblick auf die Verkündigung des Evangeliums, die uns aufgetragen ist. Das Evangelium spricht von Jesus, dem Heiland, der Menschen berührt, der den Kranken, Armen, Verwundeten in die Mitte stellt. Das Markusevangelium erzählt, wie Jesus am Sabbat in die Synagoge geht. Die Menschen bringen einen Mann mit „verdorrter Hand“ zu ihm, um ihn auf die Probe zu stellen, ob er wohl am Sabbat heilen werde. Jesus heilt ihn. Und fast noch provozierender ist das Faktum, dass Jesus den Mann auffordert, sich in die Mitte zu stellen (Mk 3,1-6). Die Mitte der Synagoge ist der Ort der Thora, der Platz des Wortes Gottes, das Heiligtum. An diesen Platz stellt Jesus den versehrten Menschen.
Der Mensch steht im Mittelpunkt, er ist heilig, er soll gesund und heil werden. In einer solchen Geschichte ist der Kernauftrag des Evangeliums markiert, den die Kirche leben und bezeugen soll. Wenn sich nun herausstellt, dass nicht nur einzelne kriminelle Täter schuldig geworden sind, sondern die Kirche derartiges hervorgerufen und verdeckt hat, ist die Fallhöhe sehr tief. Kirchlicher Missbrauch ist umso schlimmer, als er auch das Grundvertrauen in Gott, in seine Liebe zerstört und den Menschen als Heiligtum beschädigt. Wir werden diesen Auftrag, Menschen heilig zu halten, gerade die Kleinen und uns Anvertrauten, neu lernen müssen.

In diesem Zusammenhang fiel immer wieder das Stichwort des Klerikalismus. In einem Buch habe ich mir vor wenigen Jahren dazu Gedanken gemacht. Ich möchte es hier wiederholen:

„Beruft sich der kirchliche Amtsträger auf seine Christusrepräsentanz, stellt er den Sohn Gottes dar, der seine Gottheit ‚nicht wie einen Raub festhielt‘, sondern sich erniedrigte und ganz in der Ohnmacht lebte, dabei alle Kraft vom Vater empfing; und der schließlich in der doppelten Sklavenschaft (erg.: gegenüber Gott und im Dienst an den Menschen) lebte und handelte. Kirchliches Amt ist so verstanden das genaue Gegenteil von allem, was Menschen mit Macht, Selbstdarstellung und Besitzanspruch über andere verbinden mögen. (…) Ein Priester oder Bischof, der auf Christus seine Amtsvollmacht begründet, darf nicht vergessen, dass er sie nur hat um der Menschen willen, oder er hat sie nicht.“  (Peter Kohlgraf, Nur eine dienende Kirche dient der Welt)

Ich höre auch die berechtigten Stimmen unserer Gläubigen, dass sie sich nicht in Verantwortung nehmen lassen für die geschehenen Verbrechen. Auch ein Großteil unserer Priester trägt keine persönliche Schuld in diesem Zusammenhang. Es ist eine Glaubens- und Lebensprüfung, nun in die Mithaftung genommen zu werden. Dennoch stehen wir nun alle in einer Dynamik, die uns hoffentlich zu einer Gestalt von Kirche hinführt, die im oben beschriebenen Sinne den bedürftigen Menschen in die Mitte holt. An einer Kultur der Achtsamkeit können und sollten wir alle arbeiten, an einem guten Miteinander zwischen allen Ständen der Kirche, so dass Klerikalismus keine Chance hat. Gottes Geist möge uns auf diesem Wege weiterführen.

 

Bischof Dr. Peter Kohlgraf, Mainz

 

Kommentar aus: basis-online.net


 

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