Date:08. Apr 2015

Beweisbarkeit des Glaubens

Bevor wir etwas glauben, wollen wir es „schwarz auf weiß“ sehen, wollen etwas konkret sehen oder anfassen, bevor wir es für wahr halten. In dieser Wort-Gottes-Feier geht es um das Bedürfnis nach Beweisbarkeit des Glaubens, das der Apostel Thomas so hartnäckig äußert. Und um die Antwort, die Jesus ihm in seinem Zweifeln gibt.


für 2. Sonntag der Osterzeit

Blinder Glaube?

„Selig, die nicht sehen
und doch glauben.“

Jesus und Thomas.

 

Bild:
Ernst Barlach, Das Wiedersehen,
sogenannte Christus-Thomas-Gruppe, 1926
– Kunsthalle zu Kiel –
Foto: rufus46 – commons.wikimedia.org

barlach_wiedersehen_Rufus46_wikimedia-commons


Alttestamentliche Lesung:

Exodus 33,18-23

Dann sagte Mose: Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen!
Der Herr gab zur Antwort: Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen. Ich gewähre Gnade, wem ich will, und ich schenke Erbarmen, wem ich will. Weiter sprach er:
Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.
Dann sprach der Herr: Hier, diese Stelle da! Stell dich an diesen Felsen!
Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin.
Dann ziehe ich meine Hand zurück und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen.

Kehrvers:
Ich glaube! Bald werde ich dich schauen und mich satt sehen an dir.
(Psalm 17,15)

Psalm 17
1  [Ein Gebet Davids.] Höre, Herr, die gerechte Sache, /
achte auf mein Flehen, / vernimm mein Gebet von Lippen ohne Falsch!
6   Ich rufe dich an, denn du, Gott, erhörst mich. /
Wende dein Ohr mir zu, vernimm meine Rede!
7   Wunderbar erweise deine Huld! /
Du rettest alle, die sich an deiner Rechten vor den Feinden bergen.
8   Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, /
birg mich im Schatten deiner Flügel
9   vor den Frevlern, die mich hart bedrängen, /
vor den Feinden, die mich wütend umringen.
10 Sie haben ihr hartes Herz verschlossen, /
sie führen stolze Worte im Mund.
14  Rette mich, Herr, mit deiner Hand vor diesen Leuten, /
vor denen, die im Leben schon alles haben. Du füllst ihren Leib mit Gütern, /
auch ihre Söhne werden noch satt /
und hinterlassen den Enkeln, was übrig bleibt.
15 Ich aber will in Gerechtigkeit dein Angesicht schauen, /
mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache. .


Neutestamentliche Lesung:

1. Petrusbrief 1,3.8-9

Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns in seinem großen Erbarmen neu geboren, damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben.
Ihn habt ihr nicht gesehen und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht; aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil.

Ruf vor dem Evangelium

Johannes  20,29

Weil Du mich gesehen hast, glaubst du. Selig, die nicht sehen und doch glauben.

Evangelium

Johannes 20, 19.24-29

Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden die Türen verschlossen hatten, kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
Thomas, genannt Didymus (Zwilling), einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder versammelt und Thomas war dabei. Die Türen waren verschlossen. Da kam Jesus, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!  Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
Thomas antwortete ihm: Mein Herr und mein Gott!
Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.


Lied: Gottheit, tief verborgen

(Gotteslob Nr. 385, Strophe 4)

(4) Kann ich nicht wie Thomas schaun die Wunden rot,
bet ich dennoch gläubig: „Du mein Herr und Gott!“
Tief und tiefer werde dieser Glaube mein,
fester lass die Hoffnung, treu die Liebe sein.

(7) Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht,
stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht:
Lass die Schleier fallen eins in deinem Licht,
dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.

Gotteslob 497, Strophe 4 und 7.
T: Thomas von Aquin, „Adoro te devote“ 1263/64
P: Petronia Steiner [1947]1950

Geistlicher Text: Die Unverfügbarkeit des Auferstandenen

Thomas hat mit uns Heutigen einiges gemeinsam: Er hat die Ostererscheinungen der Jünger nicht miterlebt. „Er war kein Augenzeuge, sondern ihm wurde die Osterbotschaft von anderen übermittel.“1 Und er fordert objektive Beweise, verlangt, dass er die Wundmale des Herrn sehen und berühren kann, bevor er an die Auferstehung Jesu glaubt.
Die Bilder des Apostel Thomas, der die Wunden Jesu berührt, sind uns so vertraut, dass wir ihn allein an dieser Geste erkennt.  Doch „der Fortgang der Geschichte ist nicht ganz so, wie sie von einer unaufmerksamen Interpretation oft dargestellt wurde. Denn genau besehen, bekommt Thomas die von ihm gewünschte handgreifliche Vergewisserung nicht. Nach acht Tagen sind die Jünger wieder beisammen, und diesmal ist Thomas auch dabei.  …  Auch hier derselbe Vorgang wie bei der ersten Ostererscheinung: Jesus kommt wieder bei verschlossenen Türen herein und spricht: >Friede sei mit euch.<“
Und der Auferstandene fordert Thomas auf, sich selbst zu überzeugen: >Leg deinen Finger hierher und siehe meine Hände; strecke deine Hand aus und leg sie auf meine Seite und sei nicht mehr ungläubig, sondern gläubig<.
„Thomas muss Farbe bekennen, wie er es eigentlich gemeint hat. Ebenso soll dem Leser eindrucksvoll dargetan werden, der Auferstandene könnte den >Realitätsbeweis< jederzeit antreten, wenn er das wollte oder durch Vorwitz dazu herausgefordert würde. Ferner gehört zur Struktur der Geschichte, dass die Ausführung des Wunsches bei Thomas unterbleibt; es genügt völlig, dass er, genau wie die anderen Jünger, >Jesus sieht<. Er kommt gar nicht dazu, Jesus anzufassen. Insofern erfährt Thomas nicht mehr als die anderen Jünger auch. … Der Evangelist hat mit Recht auf die detaillierte Ausgestaltung der Erfüllung verzichtet.“  Die entscheidende Aufforderung Jesu an Thomas ist die Aufforderung zu glauben, nicht die, ihn anzufassen.
„Der Glaube ist der Verzicht auf das Anfassen, als Akzeptieren der Unverfügbarkeit des Auferstandenen. Die Reaktion des Thomas besteht also darin, dass er zum Glauben kommt und damit auch zum Glaubensbekenntnis: >Mein Herr und mein Gott< (Joh 20, 28).“

Zitate aus Josef Blank, Das Evangelium nach Johannes, Düsseldorf 1981.

 

Zusammenstellung:
Hans-Jakob Becker / Anne-Madeleine Plum
Dieser Gottesdienst:  2 Res B in Patmos
„2 Res B“ in Leseordnung Patmos. Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große  Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.


Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“

Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

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