Abrahams Berufung

 Die Gestalt Abrahams steht für einen Aspekt des Glaubens, bei dem es nicht um romantische Aufbruchsstimmung und das Erreichen eigener Ziele geht, sondern um das Vertrauen auf die Führung des Geistes. Glaube erfordert, sich aus Vertrautem zu lösen, sich auf einen neuen Weg einzulassen, dessen Ziel Gott allein kennt. Im Mittelpunkt dieses gottesdienstlichen Konzeptes steht der Auftrag an Abraham, der zugleich Verheißung ist. Wie Menschen auf diesen Auftrag antworten, zeigt uns die Lebensgeschichte der Heiligen ebenso wie die Dichtung der spanischen Mystik. Gottes Geschichte mit seinem Volk – und mit jedem von uns – steht unter dem Zeichen dieser Forderung Gottes.


Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde. (Genesis 12,1)

Bild:Verheißung an Abraham,
Wiener Genesis
Cod. Theol. gr. 31, fol. 4v
Miniatur auf Purpurpergament,ÖNB

 

 

>> Zum Bild: Abraham Verheißung – Wiener Genesis

 


Alttestamentliche Lesung:*

Genesis 12,1-4

Der Herr sprach zu Abram: Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen. Da zog Abram weg, wie der Herr ihm gesagt hatte.


Neutestamentliche Lesung:

Hebräerbrief 11,1.8-10.13-16

Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht. Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat. Aufgrund des Glaubens empfing selbst Sara die Kraft, trotz ihres Alters noch Mutter zu werden; denn sie hielt den für treu, der die Verheißung gegeben hatte.
So stammen denn auch von einem einzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab: zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann.
Voll Glauben sind diese alle gestorben, ohne das Verheißene erlangt zu haben; nur von fern haben sie es geschaut und gegrüßt und haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind. Mit diesen Worten geben sie zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen. Hätten sie dabei an die Heimat gedacht, aus der sie weggezogen waren, so wäre ihnen Zeit geblieben zurückzukehren;
nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat für sie eine Stadt vorbereitet.

Ruf vor dem Evangelium

(Lukas 9,62)

Keiner, der zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Evangelium: Lukas 9,57-62

Als sie auf ihrem Weg weiterzogen, redete ein Mann Jesus an und sagte: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann. Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst heimgehen und meinen Vater begraben. Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich von meiner Familie Abschied nehmen. Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.


Lied: Die Heiligen, uns weit voran

Das Lied von Willem Vogel , erschienen in einer Sammlung geistlicher Lieder des Strube Verlags, thematisiert in der ersten Strophe die Heiligen,
die sich von Gott geführt wissen: (Einer) Die Heiligen, uns weit voran, /
haben hier nichts erworben,/ sie sind am Ende ihrer Bahn/ als Fremdlinge gestorben./ Und glaubten doch, dass Gottes Hand,/die sie bis dort geleitet, /
in einem bessern Vaterland/ die Stadt für sie bereitet./
Im Refrain , der dazu auffordert, in den Lobpreis Gottes einzustimmen, klingt die Überzeugung an, dass die Heiligen sich von Gott sicher geführt wissen:
„ Sein Name sei gelobt!/ Er ließ sie sicher gehen./ Kommt, singen wir im Chor/ mit allen Heiligen.“
Die zweite Strophe vergleicht ihr Gottvertrauen mit dem Abrahams:
„ 2. (Einer) Sie zogen aus wie Abraham,
als er den Ruf vernommen.
Der wusste nicht, wohin es ging
und wann dort anzukommen.
In Gottes Namen starben sie
und wussten nur das Eine:
Gott schämt sich nicht, ihr Gott sein,
ihr Weg ist auch der seine.“

 

 

 

Text und Melodie in: Jürgen Henkys (Hrsg.), Stimme, die Stein zerbricht. Geistliche Lieder aus benachbarten Sprachen ausgewählt und übertragen von Jürgen Henkys, München 2003, S. 32f.

 

 

 

 

 

 

Literaturhinweis: Walter Groß, Glaubensgehorsam als Wagnis der Freiheit. Wir sind Abraham, Mainz 1980, S. 43-58.

 

 

Geistlicher Text: Johannes vom Kreuz

Der Patron der spanischen Dichter, Juan de la Cruz (1542-1591), der bereits als Fray Juan de Santo Matia mit 21 Jahren im Karmel von Medina del Campo Lieder zur allerseligsten Jungfrau dichtet, der durch die Begegnung mit Teresa von Avila im Jahr 1567 seinen Weg als unbeschuhter Karmelit Fray Juan de la Cruz weitergeht, widmet sein Denken und Dichten von da an ganz dem Weg der Seele zu Gott.
In der Übersetzung seiner Werke von Ulrich Dobhan, nah am Original, aber unserem Sprachgefühl verwandt, wird deutlich, wen Johannes vom Kreuz anspricht und zu welchem Weg er ermutigt:
„Deshalb, du geistlich bemühter Mensch, wenn du dein Streben verdunkelt, deine Neigungen trocken und bedrängt und deine Seelenvermögen zu jeder inneren Übung unfähig erlebst, soll dir’s nicht darum leid sein, sondern halte es für ein gutes Geschick; jetzt ist es so weit, daß Gott beginnt, dich von dir selbst zu befreien, indem er dir deine Habe aus den Händen nimmt. … jetzt, da Gott dich an der Hand nimmt und dich wie einen Blinden im Dunkeln führt, wo und wohin du nicht weißt; noch gelänge es dir, mit deinen Augen und Füßen deine Wege zurückzulegen, so gut sie auch gehen würden.“

Im Stil der leidenschaftlichen Liebesdichtung seiner Zeit spricht Johannes von mystischen Erfahrungen und deutet seine Verse „a lo divino“, überträgt sie ins Geistliche.
Der Mensch, der sich ganz Gottes Führung überlässt, erkennt, dass „er nicht in ein neues Land gelangen noch mehr wissen kann, als er vorher wußte, wenn er sich nicht auf neue, noch unbekannte Wege begibt und die bekannten verläßt.“ Dieser geistliche Weg, der „im Dunkeln und sicher“ gegangen wird, weil Gott „Lehrmeister und Führer dieses Blinden, nämlich des Menschen ist“, hat sein Ziel in Gott selbst: „Den Weg zu betreten heißt, auf diesem Weg: den eigenen Weg zu lassen oder besser gesagt: ans Ziel kommen. Und die eigene Weise zu lassen heißt: in das einzutreten, was keine Weise hat, d.h. in Gott.“ In den „Gesängen der Seele“ besingt Johannes vom Kreuz diesen Aufbruch zu Gott so:

3. In der Nacht, glücklich,
insgeheim, daß niemand mich sah
und ich auf nichts schaute,
ohn‘ anderes Licht und Führen,
als das im Herzen brannte.

4. Dies führte mich
Sicherer als das Licht des Mittags,
wo auf mich wartete,
den ich gut kannte,
dorthin, wo niemand sich zeigte.

 

Zitate aus: Ulrich Dobhan (Hrsg.) Johannes vom Kreuz. Die dunkle Nacht. Sämtliche Werke Bd. Vollständige Neuübertragung; hrsg. und übers. von Ulrich Dobhan ,Freiburg, 2007, 2.Buch, 16,7-8.

 

Zusammenstellung: Hans-Jakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  6 Pen C in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur- , in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH.

Liste der Wort-Gottes-Feiern „Patmos“

Informationen zur Gottesdienst-Reihe „Patmos“

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