Datum:23. Nov 2011
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Zur Krippe herkommet

Zeichen der Zeit

Krippe

Jesuskind in der Iglesia Santa Maria la Mayor (Ronda/Andalusien)
Foto: Makrodepecher – pixelio.de

Jesus wurde bekanntlich in einem Stall geboren und verbrachte die ersten Wochen in einer Krippe. Geschadet hat es ihm offenbar nicht: Er entwickelte eine sichere Bindung an seine Mutter Maria, und er kam in Kontakt mit der Welt durch die Werkstatt seines Vaters. Der erst 12-Jährige beeindruckte Jerusalemer Schriftgelehrten mit seiner Bibelauslegung. Offenbar konnte der aus einfachen Verhältnissen stammende Galiläer lesen und verfügte über herausragende intellektuelle Fähigkeiten.

Heutige Krippenkinder haben es scheinbar einfacher. Das Zauberwort heißt „Frühförderung“. So kommen in der Hamburger Kindertagesstätte der „Bucerius Law School“ schon 6 Monate alte Babys in den Genuss von „naturwissenschaftlicher, künstlerisch-ästhetischer und sprachlicher Bildung“. Das Angebot ist – natürlich – „auch schon für Kleinsten bilingual (deutsch-englisch)“. Bei der Kita-Eröffnung 2008 schwärmte die damalige Kita-Schirmherrin Loki Schmidt: „Ich finde das Konzept wunderbar – hier erfahren die Kleinen die Begegnung mit Sprache, Kunst und Natur“.

Kritisch äußerte sich dieser Tage die Journalistin und Vorsitzende der Organisation „Frau 2000plus“, Birgit Kelle. Die vierfache Mutter argumentiert, dass bis zum dritten Lebensjahr Liebe wichtiger sei, als Englisch zu lernen. Auch Lieselotte Ahnert, Professorin für Entwicklungspsychologie, zeigt sich skeptisch gegenüber dem Frühförderungs-Hype. Sie verweist auf „Jubelmeldungen über Intelligenzsteigerungen dank Mozart-Musik“ und die „reichlich skurrilen Versuche von Eltern, ihrem Nachwuchs in kürzester Zeit möglichst viel beibringen“ zu wollen. Stattdessen macht die international renommierte Expertin klar, worauf es in den ersten Lebensjahren wirklich ankommt: „Kinder lernen vor allem durch Menschen, in sozialen Interaktionen und durch emotionale Beziehungen. Deshalb hängt der Ertrag früher Bildungsprozesse von Beziehungs- und Bindungsprozessen ab“.

Für den schnellen Ausbau von Krippenplätzen sprach sich 2007 die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) aus. Das erklärte Ziel: Bis 2013 sollen 750.000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren geschaffen werden. Ein gewichtiges Argument dabei war und ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Es sei falsch, so von der Leyen, wenn man Frauen signalisiere, dass sie wegen der Kindererziehung jahrelang aus dem Beruf ausscheiden sollen. Klar, dass bei solchen Äußerungen auch Gegenwind aufkommt. Manche sehen schon eine Tendenz zur „Durchkapitalisierung der Familie“: Wirtschaft und Politik wollten die Familie an den Arbeitsmarkt anpassen, anstatt auf die Familie abgestimmte Arbeitszeitmodelle anzubieten.

Um aus dem „Glaubenskrieg um die Krippe“ auszusteigen, haben Pädagogen und Psychologen in den letzten Jahren begonnen, die „Perspektive des Kindes“ einzunehmen. Dabei beziehen sie sich auf empirische Untersuchungsergebnisse, die man in jahrzehntelanger Kleinarbeit gesammelt hat. Einigkeit besteht darüber, dass ein Kind in den ersten drei Lebensjahren im alltäglichen Umgang mit seiner Mutter Beziehungserfahrungen macht, die für sein ganzes Leben bedeutsam sind. Im günstigen Fall entwickelt ein Kind ein sicheres Bindungsmuster: Die Mutter wird als vertraute Heimatbasis angesehen, von der aus die weite Welt erobert werden kann. Wie beim kleinen Jesus spielt der Vater dabei eine wichtige Rolle: Von Natur aus ist der Mann eher ein Explorator, einer der neues Terrain erkundet und der seinen Kindern auch erlaubt, Risiken einzugehen.

Natürlich kann das Baby auch zu anderen Erwachsenen enge und gute Bindungen aufbauen. Das ist ja alltägliche Erfahrung. Aber die Eingewöhnung in eine Kinderkrippe muss sehr behutsam erfolgen. Hinweise der Erzieherin, die Trennung von der Mutter müsse kurz und schmerzlos erfolgen, „sind in keiner Weise bindungsorientiert und schaden dem Kind“, so Karl Heinz Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Das Baby sollte im Beisein seiner Mutter mit der Krippenerzieherin spielen und sich später wickeln und füttern lassen: „Je körpernäher die Pflege ist, umso sicherer muss sich das Baby fühlen“.

Neben der vorsichtigen Eingewöhnung spielt die Persönlichkeit der Erzieherin eine große Rolle. Sie sollte, wie der Theologe und Pädagoge Josef Kentenich zeitlebends betonte, eine „erzogene Erzieherin“ sein. Sie darf in „gar keiner Weise traumatisiert oder selbst emotional belastet sein“, betont Brisch. Bislang wird in der Praxis darauf kaum Wert gelegt. Die Psychologin Christiane Ludwig-Körner nimmt kein Blatt vor den Mund: „Während von Piloten selbstverständlich eine Prüfung ihrer Flugtauglichkeit verlangt wird, wozu auch eine Überprüfung ihrer Persönlichkeit gehört, gibt es keinen diesbezüglichen Eignungscheck bei Personen, denen wir unsere Kinder anvertrauen“.

Ein Qualitätsmerkmal einer guten Krippe ist auch der sog. Betreuungsschlüssel; er gibt an, wie viele Kleinkinder von einer Erzieherin betreut werden. Nach internationalen Studien ist es entwicklungsfördernd, wenn eine Krippenerzieherin nur drei Kinder in ihrer Verantwortung hat. Der real existierende Krippenalltag sieht aber ganz anders aus: Zwei Erzieherinnen haben in der Regel 12 und mehr Kinder unter ihren Fittichen. Wenn, wie in manchen Einrichtungen, darüber hinaus die Pflegekräfte häufig wechseln, ist das mit dem Kindeswohl nicht mehr vereinbar.

Kein Wunder, wenn bekannte Erziehungswissenschaftler, wie Jörg Maywald und Bernhard Schön, den Politikern die Leviten lesen: Sie würden in Kauf nehmen, dass vielerorts Einrichtungen „aus dem Boden gestampft“ werden – ohne dass „konzeptionell, personell und räumlich die notwendigen Voraussetzungen“ dafür bestünden. Und die Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scheerer fragt sich besorgt, „ob institutionelle kollektive Betreuung in der Zeit der frühesten Prägungen … besonders unter den unzureichenden gegenwärtigen Bedingungen, ein menschlicher Rückschritt sein könnte“.

Dass der kleine Jesus sich später so gut entwickelte, lag vielleicht auch daran, dass er nur wenige Wochen in der Krippe zubrachte…

 

Klaus Glas

 

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