Datum:11. Dez 2013

Wieviel Liebe braucht ein Kind?

Hingeschaut

Baby - Foto: Bernd Kasper

Foto: Bernd Kasper

Der kleine Mogli wuchs die ersten Jahre bei einer Wolfsfamilie auf. So jedenfalls steht’s im „Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling. Aber es gab und gibt sie wirklich: „Wolfskinder“. Von ihren Eltern verstoßen, wachsen sie ohne menschliche Zuneigung in der Wildnis auf. Sie werden von Tieren adoptiert und von ihnen genährt und beschützt. Bekannt wurde das Schicksal der Geschwister Amala und Kamala, die 1920 im indischen Dschungel entdeckt wurden. Die neun und zwei Jahre alten Mädchen wurden von einer Wölfin verteidigt, die bei der Rettungsaktion getötet werden musste.

Das Leben von Kamala, der Älteren der beiden Findelkinder, wurde wissenschaftlich begleitet. Kamala hatte einen ausgeprägten Geruchssinn. Am liebsten aß sie rohes Fleisch oder Aas, das sie aufgrund ihres ausgeprägten Geruchssinnes von weitem roch. Sie bewegte sich wie ein Hund auf allen Vieren fort. Anfangs ließ sie niemanden an sich heran und kratzte und biss die Betreuer. Es war nicht möglich, sich mit ihr zu verständigen: Sie war buchstäblich sprachlos! Man versuchte, ihr das Sprechen beizubringen. Aber nach sechs Jahren kannte sie gerade Mal 30 Wörter nur so lala aussprechen. Über ihre Zeit in der Wildnis konnte sie niemals etwas erzählen –  Erinnerungen sind an Sprache gebunden. Für Kamala war es schwer, überhaupt menschliches Verhalten zu lernen: so war der Schlaf-Wach-Rhythmus dauerhaft gestört, der aufrechte Gang konnte nicht mehr eingeübt werden, man sah sie niemals lächeln und als ihre jüngere Schwester mit nicht einmal drei Jahren starb, suchte sie die körperliche Nähe von Ziegen – von einem Menschen ließ sie sich dagegen nicht umarmen und trösten. Sie verstarb mit 17 Jahren.

Mangelnde menschliche Zuwendung bringt nicht den „Naturmenschen“ hervor, den sich manche Philosophen erträumten. Stattdessen entwickelt sich ein „dauerhaft behindertes und verstörtes Wesen“, ist Lieselotte Ahnert überzeugt. Die renommierte Entwicklungs-Psychologin zieht aus den Berichten über Wolfskinder das Fazit: „Die Entbehrung menschlichen Umgangs bringt nicht den Naturmenschen hervor, sondern ein tief und dauerhaft gestörtes Wesen. Ohne Betreuung und soziale Kontakte durch andere Menschen wird aus dem Säugling offenbar kein richtiger Mensch.“

Klaus Glas

Literatur-Tipp
Lieselotte Ahnert (2010). Wieviel Mutter braucht ein Kind? Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.