Datum:07. Dez 2008
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Wie religiöse Praxis das Gehirn unserer Kinder verändert

Zeichen der Zeit

Nuss-Gehirn

Foto: Klaus Glas

Mit Kindern den Glauben leben und erleben – das macht Spaß und prägt sie ein Leben lang.

In jedem Kopf steckt ein kluges Gehirn. Es wiegt gerade mal anderthalb Kilo, verbraucht aber bei voller Konzentration mehr als 20 Prozent der Körperenergie. Jedes Gehirn besteht aus einem einmaligen Netzwerk von 100 Milliarden Nervenzellen. Diese werden auch Neuronen genannt. Sie sind darauf spezialisiert, Informationen zu speichern und zu verarbeiten. Die Neuronen haben bei einem Säugling kurz nach der Geburt kaum Kontakt untereinander. Die Verschaltungen im Gehirn, die letztlich unsere Persönlichkeit ausmachen, entwickeln sich vor allem durch das, was wir in den ersten zwanzig Lebensjahren erleben und tun. Am Ende dieses langen Prozesses hat jedes Neuron Kontakt mit bis zu 10.000 anderen Neuronen. Das Gehirn folgt dabei dem Kairos-Prinzip: Es gibt Zeiten, in denen bestimmte Dinge besonders leicht gelernt werden können. Lässt man diese günstigen Gelegenheiten verstreichen, kann man das zwar auch später nachholen – aber es fällt einem viel schwerer.

„Bahnung“ im Gehirn

Kurz nach der Geburt lernt das Kind besonders gut, Gesichter zu unterscheiden. Die Start-Software für diesen Vorgang hat der Schöpfer in das Gehirn schon einprogrammiert. Man muss sie nur anwenden. Das geschieht im menschlichen Leben auf natürlichem Weg: Mutter und Vater nehmen das Kind in den Arm, schauen es an und lächeln. Bei solchen sozialen Begegnungen werden im Kopf immer mehr Neuronen miteinander verbunden. Es entsteht ein richtiges Nerven-Netzwerk, das bei jeder zwischenmenschlichen Begegnung erneut aktiviert wird. Am Anfang glichen die Verbindungen zwischen den Neuronen eher schmalen Landstraßen. Bei häufiger Benutzung werden die Nervenfasern und ihre Endköpfe, die so genannten Synapsen, dicker. Das Gehirn verändert sich also in seiner Feinstruktur. Man nennt diesen Lebensvorgang „Bahnung.“

Das Kind braucht religiöse Angebote

Schon in den ersten Lebensjahren sollte damit begonnen werden, Gottes Liebe ein menschliches Antlitz zu geben. Vater und Mutter können mit dem Kind beten, ihm aus dem Bibel-Bilderbuch vorlesen und es auf Familientagungen mitnehmen. Dabei kann es viele religiöse Erlebnisse machen. Die sensible Periode für religiöse Erfahrungen beginnt meines Erachtens mit der Geburt und endet mit der Pubertät. Deshalb ist es unklug, wenn Eltern sagen: Wir lassen unser Kind nicht taufen, es soll später selbst entscheiden, ob es zur Kirche gehören will. Den religiösen Glauben kann man nicht einfach wie eine Software auf das Gehirn aufspielen. Es braucht dafür eine Hardware von fest verbundenen Neuronen. Glaube, Liebe und Hoffnung müssen in Kindheit und Jugend erlebt und getan werden, sonst kann kein stabiles religiöses Nerven-Netzwerk im Kopf entstehen. Gott hat das Gehirn so geschaffen, dass es diese Aufgabe ganz alleine bewerkstelligen kann, vorausgesetzt, das Kind bekommt entsprechende Angebote von Familie und Kirche. „Man kann nur etwas lernen, von dem man schon etwas weiß!“, formulierte schon die bekannte Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori (1870 – 1952).

Beten lernt man durch beten

Bei allem gilt: Das Gehirn braucht tausende von spezifischen Erfahrungen. Laufen lernt man am besten durch Laufen, und nicht durch Reden über Laufen. Beten lernt man am besten durch Beten, und nicht durch den Religionsunterricht. Das Gehirn lernt aus wiederholten Erfahrungen. Das geschieht vollautomatisch und unbewusst. Wer als Kleinkind mit seinen Eltern regelmäßig die Sonntagsmesse mitfeiert, lernt Sprechen und Singen. Durch das Zusammensein mit anderen erlebt es Gemeinschaft, die gut tut. Kindergottesdienste, in denen gemacht und gelacht werden darf, sind anregend für das Gehirn. Die Kleinen lernen die Glaubenswahrheiten durch Herz und Hand. Sie erfreuen sich an schönen Jesus-Geschichten in ihrem Bilderbuch, und sie singen begeistert im Chor das „Kindermutmachlied“.

Miteinander singen

Dass Kinder und Jugendliche den Glauben singend und in Gemeinschaft lernen, ist aus Sicht von Hirnforschern dreimal wunderbar:

1. Zuallererst macht das Singen mit anderen Spaß. Das Belohnungszentrum im Gehirn ist aktiviert. Hochspezialisierte Nervenzellen produzieren Opioide und schütten sie aus. Diese opiumähnlichen Stoffe bewirken angenehme Empfindungen: Man bekommt Gänsehaut oder es kommen einem vor Rührung die Tränen.

2. Beim Singen wird die Angstzentrale im Kopf blockiert. Angst wird aktiv unterdrückt. Das ist wichtig, weil das Gehirn im angstfreien Zustand sehr viel besser Dinge behalten und im Langzeitgedächtnis abspeichern kann. Das Kind lernt: In der Gemeinschaft der Kirche ist Wohlsein, hier werde ich geliebt, so wie ich bin.

3. Angstfreiheit und Freude führen schließlich dazu, dass die Kinder das nächste Mal wieder mit den Eltern zur Kirche oder zur Familientagung gehen. Die Nerven-Netzwerke werden dabei immer besser miteinander verbunden. Das Kind kann zum Beispiel Lieder auswendig singen und fühlt sich schon beim Anblick seiner Freunde wohl. Beten und Singen tragen dazu bei, den Glauben im Gemüt zu verankern.

„Was man täglich tut, das formt!“

Tägliche Abendgebete, religiöse Tagungen und Zeltlager haben unauslöschliche Spuren im Gehirn hinterlassen. Es ist eingetreten, was der frühere Bischof von Mainz, Hermann Kardinal Volk (1903 – 1988), einmal so ausdrückte: „Was man täglich tut, das formt!“ Wenn nach der Firmung dann viele Jugendliche die Kirche meiden wie der Teufel das Weihwasser, ist das für Eltern schmerzhaft. Soll denn alle religiöse Erziehung umsonst gewesen sein? Nein! Zwar wird im Kopf die vormalige religiöse Datenautobahn zurückgebaut auf die Ausmaße einer Landstraße. Aber die Nervenverbindungen bleiben als stille Spuren erhalten. Der religiös erzogene Mensch bleibt zeitlebens empfänglich für Gottes Spuren im Leben. Das ist einer der Gründe, warum erwachsene Kinder sich der Kirche wieder annähern, wenn sie einen gläubigen Freund finden und heiraten wollen.

Klaus Glas

in: „unser weg – das schönstatt familienmagazin“, 4/ 2008