Weihbischof Ludger Schepers

Foto: PRI Graz

Ein Liebesbrief am Ende des Jahres

20.12.2017

Alljährlich werden die Worte des Jahres bekanntgegeben. Von einer unabhängigen Jury ausgewählt, bringen sie noch einmal in Erinnerung, was das vergangene Jahr mehr oder weniger inhaltlich prägte. Manche Worte beschreiben recht deutlich, wie es z. B. politisch, gesellschaftlich oder kulturell in unserer Gesellschaft aussieht. Andere beschreiben eher Inhalte von weniger wichtigen Ereignissen, die aber auf großes Interesse zu stoßen scheinen. Ein einziges kleines Wort und so viel Geschichte dahinter.

2015 war das Wort des Jahres „Flüchtlinge“. Auf dem zweiten und dritten Platz „Je suis Charlie“ bzw. „grexit“. Im letzten Jahr war es das Wort „postfaktisch“ und Platz zwei und drei „brexit“ und „Silvesternacht“ (Köln). In diesem Jahr war es das Wort „Jamaika aus“, auf dem zweiten und dritten Platz „Ehe für alle“, # Me too. Hinter all den Wörtern stecken ganz bestimmte Bilder und Hintergründe, ja, man könnte auch sagen, da stehen Geschichten hinter. Verkürzt zwar, aber man kann das mit diesem Wort gut beschreiben.

Um das Wort geht es auch im Evangelium am 1. Weihnachtstag. „Im Anfang war das Wort.“ So beginnt der Prolog des Johannes. Er endet: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Warum lesen wir an Weihnachten einen solchen Text in dieser Zeit, in der man doch eher empfänglich wäre für Sentimentalitäten und die sonst übliche weihnachtliche heile Welt?

Vielleicht liegt gerade darin die Spannung des Weihnachtsfestes. Dem einerseits so Normalen, Alltäglichen und andererseits so Unvorstellbaren und fast nicht Nachvollziehbaren. Gott ist Mensch geworden. Er spricht sein Wort, und „durch dieses Wort ist alles geworden“.

Das ist mehr als das Wort des Jahres. Gottes zeitloses, einmal ausgesprochenes Wort ist es, in dem und durch das Leben geworden ist. Wir haben einen Gott, den wir beim Wort nehmen dürfen, dessen Wort zählt, dessen Wort wirkt und dessen Wort Geschichte war, ist und wird. Wenn Gott uns dieses Wort zuspricht, sich selbst zusagt, dann ist es an uns, eine Antwort zu geben. Das Wort Gottes ist dann nicht einzureihen in die Fülle der Worte. Gott ist dann das Wort des Lebens. „Im Anfang war das Wort“, nicht irgendein Wort, sondern das Wort.

Wir kennen die Wortinflation, die uns täglich – gesprochen oder geschrieben – überfällt. Was wird uns nicht alles ins Haus geschickt an nichtssagender Post. In diesen Tagen gibt es dazu Weihnachtskarten, von denen viele geschrieben sind, weil man das so macht. Auf einmal ist ein anderer Brief dabei. Die schöne Schrift, die Auswahl der Briefmarken zeigen: Es muss ein besonderer Brief sein. Und erst der Inhalt. Ja, es ist ein Liebesbrief! Wer ihn liest, spürt, das sind nicht bloß Worte. In diesen Worten drückt ein Mensch aus, was er denkt und fühlt. Er spricht sein Wesen aus. Er bringt sich zur Sprache.

Genau das ist Weihnachten: Gottes Liebesbrief an uns Menschen, an jeden Einzelnen von uns, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Fleisch und Blut seines Sohnes. Die heilige Hildegard von Bingen sagt uns: „In der Herabkunft des Wortes Gottes hat uns die mütterliche Liebe Gottes umarmt.“

 

Weihbischof Ludger Schepers, Essen

 

 



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