Datum:09. Nov 2016

Martinus hat mich mit diesem Mantel bekleidet

Man kann die Geschichte von Sankt Martin als eine rührende, herzerwärmende Szene lesen, die alle zum Mitleid und Teilen bewegen soll. So hat sie ihren Platz in der schönen Tradition unserer Martinsumzüge für Kindergarten- und Grundschulkinder. Sicher nicht zufällig. Man kann die Szene aber auch auf dem Hintergrund der hier gewählten biblischen Lesungen als eine recht ungemütliche Erinnerung daran lesen, dass wir alle einmal Rechenschaft ablegen müssen, wie wir es mit dem Teilen, mit Gerechtigkeit und der tätigen Nächstenliebe gehalten haben.


„Was immer ihr

einem meiner Geringsten getan,

habt ihr mir getan.“

(Mt 25,40)

Esra -Detail
        Bild: Utopia, armarium codicum bibliophilorum, Cod. 105; Pergament • 172 ff. • 13.2 x 8.8 cm • Poitiers, 1450-60, Stundenbuch für den Gebrauch von Rom  f. 47r Universität Freiburg, Schweiz Quelle: httpp://www.e-codices.unifr.ch
Utopia, armarium-codicum-bibliophilorum-St-Martin-Detail1
Hjob
 
Esra

Alttestamentliche Lesung: Sirach 35, 11-13.16-22

Bei all deinen guten Werken zeig ein frohes Gesicht und weihe deinen Zehnten mit Freude! Wie Gott dir gegeben hat, so gib auch ihm, freigebig und so gut, wie du kannst. Denn er ist ein Gott, der vergilt, siebenfach wird er es dir erstatten. Er ist nicht parteiisch gegen den Armen, das Flehen des Bedrängten hört er. Er missachtet nicht das Schreien der Waise und der Witwe, die viel zu klagen hat. Rinnt nicht die Träne über die Wange und klagt nicht Seufzen gegen den, der sie verursacht? Denn von der Wange steigt sie zum Himmel empor; der Herr achtet darauf und es missfällt ihm. Die Nöte des Unterdrückten nehmen ein Ende, das Schreien des Elenden verstummt. Das Flehen des Armen dringt durch die Wolken, es ruht nicht, bis es am Ziel ist. Es weicht nicht, bis Gott eingreift und Recht schafft als gerechter Richter.  

Kehrvers:

Richter der Erde, Fels meiner Zuflucht, erscheine! (Psalm 94,1.2.22)

Psalm 94,3-19.14-15

Wie lange noch dürfen die Frevler, o Herr, wie lange noch dürfen die Frevler frohlocken? Sie führen freche Reden, alle, die Unrecht tun, brüsten sich. Herr, sie zertreten dein Volk, sie unterdrücken dein Erbteil. Sie bringen die Witwen und Waisen um und morden die Fremden. Sie denken: Der Herr sieht es ja nicht, der Gott Jakobs merkt es nicht. Begreift doch, ihr Toren im Volk! Ihr Unvernünftigen, wann werdet ihr klug? Sollte der nicht hören, der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht sehen, der das Auge geformt hat? Sollte der nicht strafen, der die Völker erzieht, er, der die Menschen Erkenntnis lehrt? Ja, der Herr wird sein Volk nicht verstoßen und niemals sein Erbe verlassen. Nun spricht man wieder Recht nach Gerechtigkeit; ihr folgen alle Menschen mit redlichem Herzen.


Neutestamentliche Lesung:

1. Johannesbrief 3, 14-18

Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder und ihr wisst: Kein Mörder hat ewiges Leben, das in ihm bleibt. Daran haben wir die Liebe erkannt, dass Er sein Leben für uns hingegeben hat. So müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben. Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben? Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.             Literaturhinweis: Bibel und Kirche 4 (2008): Das Jüngste Gericht.

Ruf vor dem Evangelium

(Matthäus 25,40)

Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Evangelium: Matthäus 25, 31-46

Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. Er wird die Schafe zu seiner Rechten versammeln, die Böcke aber zur Linken. Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben, oder durstig und dir zu trinken gegeben? Und wann haben wir dich fremd und obdachlos gesehen und aufgenommen, oder nackt und dir Kleidung gegeben? Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Dann wird er sich auch an die auf der linken Seite wenden und zu ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder obdachlos oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben.

Lied: Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind Erfreulicherweise findet sich im neuen Gotteslob das bekannte und beliebte Martinslied, das für viele Menschen mit Erinnerungen an Martinsumzüge, Martinsfeuer und Laternen verbunden ist: Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Roß das trug ihn fort geschwind. Sankt Martin ritt mit leichtem Mut: sein Mantel deckt' ihn warm und gut. Im Schnee saß, im Schnee saß, im Schnee da saß ein armer Mann, hatt' Kleider nicht, hatt' Lumpen an. „O helft mir doch in meiner Not, sonst ist der bittre Frost mein Tod!“ Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin zog die Zügel an, sein Roß stand still beim armen Mann, Sankt Martin mit dem Schwerte teilt den warmen Mantel unverweilt. Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin gab den halben still, der Bettler rasch ihm danken will. Sankt Martin aber ritt in Eil hinweg mit seinem Mantelteil. Die ersten vier Strophen sind bekanntes Liedgut, Strophen 5 bis 8 findet man in unterschiedlichen Versionen. Im dem „Liederschatz für katholische Vereinigungen aller Art“ von 1904 stehen die für das Gotteslob ausgewählten Strophen unter insgesamt 20 Strophen. Die Begegnung mit Jesus Christus im Traum wird zur Erfüllung der Worte des Evangeliums: Sankt Martin, Sankt Martin, Sankt Martin bald sein Ziel erreicht und schnell von seinem Rösslein steigt, ermüdet legt er sich zur Ruh, die Augen fallen ihm gleich zu. Im Traum schaut, im Traum schaut, im Traum schaut er ein glänzend Licht und eine milde Stimme spricht: „Hab Dank, du braver Rittersmann, für das, was du an mir getan!“ „Wer bist du?“, „Wer bist du?“, „Wer bist du?“ fragt Sankt Martin schnell, da wird’s in seiner Seele hell, er sieht’s es ist der Herr der Welt, der mit der Hand den Mantel hält. Und huldvoll, und huldvoll, Und huldvoll schaut er Martin an und spricht: „Was heute du getan, am Bettler, der am Wege saß, ich nahm’s für mich, an mir geschah’s. Kritische Stimmen sehen in diesen Strophen eine Entzauberung Martins, die ausdrückliche Schilderung der Gottesbegegnung entschlüssele die schöne Legende unnötigerweise, sie plaudere aus, was man sich eigentlich selbst denken könne. Unabhängig davon, wie man diesen Einwand beurteilt, kann man aber ganz sachlich fragen, warum im katholischen Gesangbuch ausgerechnet die Strophen fehlen, in denen der Wunsch Martins, ein Jünger Jesu zu sein, seine Entscheidung für das Priestertum und seine Wahl zum Bischof thematisiert wird. So bleibt der beliebte Heilige ein „Rittersmann“, seine wichtige Lebensentscheidung unerwähnt. Damit erzählt das so oft gesungene Lied tatsächlich nur den halben Martinus. Gotteslob 545, 1-8, Text und Melodie: Rheinland, um 1500.  

Geistlicher Text: Martin von Tours - nach Sulpicius Severus (um 420)

Die Geschichte der Mantelteilung ist bekannter als der Rest der interessanten Lebensgeschichte des in Ungarn geborenen „Sankt Martin“. Dass die Begegnung mit Jesus Christus aus dem Offizier der kaiserlichen Kavallerie einen Christen macht, der sich mit 18 Jahren taufen lässt, dass der Sohn eines römischen Tribuns als Kriegsdienstverweigerer seinem Kaiser dennoch zum Sieg bei Worms, noch dazu ohne jedes Blutvergießen, verhilft, dass der in einer Bretterbude lebende Einsiedler Missionar, Priester, Bischof und Klostergründer wird, davon berichtet sein Freund und Biograph Sulpicius Severus. „Einmal, er besaß schon nichts mehr als seine Waffen und ein einziges Soldatengewand, da begegnete ihm im Winter, der ungewöhnlich rauh war, so daß viele der eisigen Kälte erlagen, am Stadttor von Amiens ein notdürftig bekleideter Armer. Der flehte die Vorübergehenden um Erbarmen an. Aber alle gingen an dem Unglücklichen vorbei. Da erkannte der Mann voll des Geistes Gottes, daß jener für ihn vorbehalten sei, weil die andern kein Erbarmen übten. Doch was tun? Er trug nichts als den Soldatenmantel, den er umgeworfen, alles Übrige hatte er ja für ähnliche Zwecke verwendet. Er zog also das Schwert, mit dem er umgürtet war, schnitt den Mantel mitten durch und gab die eine Hälfte dem Armen, die andere legte er sich selbst wieder um. Da fingen manche der Umstehenden an zu lachen, weil er im halben Mantel ihnen verunstaltet vorkam. Viele aber, die mehr Einsicht besaßen, seufzten tief, daß sie es ihm nicht gleich getan und den Armen nicht bekleidet hatten, zumal sie bei ihrem Reichtum keine Blöße befürchten mußten. In der folgenden Nacht nun erschien Christus mit jenem Mantelstück, womit der Heilige den Armen bekleidet hatte, dem Martinus im Schlafe. Er wurde aufgefordert, den Herrn genau zu betrachten und das Gewand, das er verschenkt hatte, wieder zu erkennen. Dann hörte er Jesus laut zu der Engelschar, die ihn umgab, sagen: "Martinus, obwohl erst Katechumen, hat mich mit diesem Mantel bekleidet". Eingedenk der Worte, die er einst gesprochen: "Was immer ihr einem meiner Geringsten getan, habt ihr mir getan", erklärte der Herr, daß er im Armen das Gewand bekommen habe. Um das Zeugnis eines so guten Werkes zu bekräftigen, würdigte er sich in dem Gewände, das der Arme empfangen hatte, zu erscheinen. Trotz dieser Erscheinung verfiel der selige Mann doch nicht menschlicher Ruhmsucht, vielmehr erkannte er in seiner Tat das gütige Walten Gottes und beeilte sich, achtzehnjährig, die Taufe zu empfangen. Er entsagte jedoch dem Heeresdienst noch nicht sogleich, da er den Bitten seines Tribuns nachgab, mit dem er in vertrauter Kameradschaft zusammenlebte. Denn jener versprach, nach Ablauf seiner Dienstzeit als Tribun der Welt den Rücken zu kehren. Durch diese Zusage ließ sich Martinus bestimmen, noch ungefähr zwei Jahre lang nach seiner Taufe, freilich nur dem Namen nach, zu dienen.“ Sulpicius Severus, Leben des heiligen Martinus, in: Bibliothek der Kirchenväter 20,22f Leben des hl. Bekennerbischofs Martinus von Tours (Vita sancti Martini), Kapitel 3: https://www.unifr.ch/bkv/kapitel2033-3.htm    

Zusammenstellung: Hans-Jakob Becker / Anne-Madeleine Plum Dieser Gottesdienst:  0 Adv D in Patmos Vgl. dazu ausführlich: Hansjakob Becker, „Dies große Wort, geschrieben weiß auf schwarz“. Patmos: Begegnungen mit der Bibel im Kontext von Kultur – Liturgie  – Spiritualität, in: Pietas Liturgica 16, Tübingen 2015.

* Texte aus der Heiligen Schrift sind entnommen aus der Einheitsübersetzung © 1980, Katholische Bibelanstalt GmbH. Liste der Wort-Gottes-Feiern "Patmos" Informationen zur Gottesdienst-Reihe "Patmos"

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