Datum:19. Okt 2008

Literaturpapst schlägt zu

Kunst · Theater · Literatur

Skandal im ZDF

Auszug Rhein-Main-Presse, 16.10.2008, Seite Panorama
 

Wahrscheinlich war es für alle eine hervorragende Werbung.
Als Marcel Reich-Ranicki bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in seiner Redewut die ihm zugedachte Auszeichnung ablehnte, stelle er sich über die für ihn offensichtliche Banalität und Borniertheit der Sendung, des Fernsehens, der Kulturproduzenten.
Thomas Gottschalk erwies sich einmal mehr als der souveräne Entertainer, als er vor dem Millionenpublikum die höchst peinliche Situation zu klären versuchte: „Ein Vorschlag zur Güte. Passen Sie auf. Hier sitzen die Intendanten des ZDF, ARD, RTL. Wir setzen uns gemeinsam eine Stunde im Fernsehen hin, wir stellen diesen Preis in die Ecke und reden über alles, worüber man im Fernsehen nicht mehr redet. Über Bildung, über Lesen, über Erziehung, über Literatur zum Beispiel.“
Und der Fernsehpreis selbst bekam eine Popularität, die auch eine Woche nach dem Vorfall immer noch Zuschauer Leserbriefe schreiben lässt.
 

Eitelkeit auf der einen oder anderen oder auf allen Seiten?
Verteidigung eines gehobenen kulturellen Niveaus auf der einen Seite und schnöder Kommerz auf der anderen?
 

Vielleicht auch nur das Bedürfnis auf allen Seiten, gesehen, wahrgenommen und ernstgenommen zu werden.
Descartes „Cogito ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“ gilt heute wohl nur noch begrenzt. Das Fernsehen macht deutlich, dass die Identitätsaussage des modernen Menschen wohl eher lautet: „Ich werde gesehen, also bin ich.“
 

Zum Glück haben dabei – aufs Ganze gesehen – nicht nur die Stars und Sternchen eine Identitätschance. Denn viele Menschen gehen auch heute noch davon aus, dass es EINEN gibt, der ALLE anschaut und ihnen damit Wert und Ansehen schenkt.

Hubertus Brantzen