Datum:05. Okt 2008
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„Kirche der Angst“

Kunst · Theater · Literatur

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Website DIE Zeit ONLINE über „Kirche der Angst“
 

In DIE ZEIT habe ich einen Artikel von Peter Kümmel über die „Kirche der Angst“, installiert von Christoph Schlingensief, gefunden. Hier einige für mich interessantesten Textstellen:

„Im Stück ‚Kirche der Angst’ heißt es, als Verneigung vor Beuys: »Ja, zeig mal deine Wunde. Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt. Wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.« Das Verbergen ist auch unter Künstlern das Übliche. Einer stirbt, und die anderen halten still. Von Krankheiten wird raunend erzählt, Berichte kursieren über den bedauernswerten Zustand von diesem oder jenem, aber wenn der Tod umgeht, herrscht auch in der Kunstszene das Vorort- und Stadtrand-Schweigen. Die meisten Künstler verfahren mit eigener Krankheit wie alle anderen auch: Sie reden nicht darüber, sie lassen es geschehen, dass man sie abschiebt aus der Öffentlichkeit, dass man sie entlässt in jene Sackgasse aus Fürsorge und Vergessen.

Dass das mit Schlingensief nicht zu machen sein würde, war klar. Es war abzusehen, dass er die Krankheit in sein System einbeziehen und sich von ihr nicht willenlos abschleppen lassen würde. Dass Krankheit mit Schmach, Schande, Kapitulation gleichzusetzen sei, akzeptiert er nicht.
[…]

Er baut sich also seine eigene Kirche und funkt von dort aus Gott an. »Denn der Organismus«, so sagt er, »besteht auch aus Stammhirn, und das Stammhirn arbeitet auch dann noch weiter, wenn der andere bereits geschossen hat. Halleluja!«
Der andere aber, der geschossen und die Krankheit auf ihn losgelassen hat, ist Gott. Was Schlingensief da formuliert, ist der Plan zu einem Gegenschlag.

Die Kirche der Angst ist ein Spiel mit dem Tod, aber kein trockenes, schwarzhumoriges, […] sondern ein barockes, überbordendes, verrücktes.

Das ist der Weg, den unser Glauben uns verheißt, und Schlingensief inszeniert ihn mit den Mitteln des Theaters, der Kirche und der Geisterbahn: einmal sterben – und auferstehen. Und wenn am Ende die beiden Chöre des Abends, der Gospelchor Angels Voices und der Kinderchor des Aalto-Theaters, miteinander konkurrieren und schließlich miteinander verschmelzen, tiefe Nacht und fröhliche Morgenfrühe, dann ist etwas spürbar wie Einverstandensein mit dem, was so gern beschrieben wird als »Kreislauf von Werden und Vergehen«.“

Zu finden im Internet unter www.kirche-der-angst.de
Weitere Informationen sind erhältlich unter www.christoph-schlingensief.de

 

gefunden von Thomas Jochheim ISch