Datum:04. Nov 2009
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Die Erinnerung an den Herbst 1989 und den Herbst 1990 als Zeitzeichen

Zeichen der Zeit

Stern über der Stadt

 

„Und fangen auf der Mauer befreit zu tanzen an“. So singt es in einem Lied. Es drückt aus, was die Menschen am 9. November 1989 erlebten, an dem Tag, an dem die Mauer fiel. Es kam wie aus heiterem Himmel. Das Wunder von Berlin, wie es selbstverständlich genannt wird. Noch immer ist nicht völlig geklärt, wie es eigentlich dazu kam. Durch ein Versehen, eine eigenartige Inaktivität aller in Berlin und in Moskau, die rechtzeitig anders hätten handeln können, ja müssen. Es schien, als ob Gott selbst, höchstpersönlich, sie alle gelähmt hätte.

„Wahnsinn“ und immer wieder „Wahnsinn“ war das Wort jener Nacht und Tage. Man tanzte buchstäblich auf der Mauer. Man brauchte allerdings technisches Gerät, um aus ihr ein noch so kleines Teilchen auszubrechen. Sie sollte ja auch noch hundert Jahre und länger bestehen. Eine große Verbrüderung aller mit allen fand statt. Innerhalb von wenigen Stunden erreichen noch in der Nacht eine unglaubliche große Zahl von Trabis und Wartburgs den Westteil der Stadt und fuhren da ihre Ehrenrunde. Das ging auch an den nächsten Tagen so weiter. Es war alles so irreal, eben ein Wunder. Eine weithin sichtbare Spur Gottes. „Mauern werden weich und fließen“.

Ich habe alles in besonderer Weise miterlebt. Und hier schreibe ich als Zeitzeuge über Selbsterlebtes. Die Nacht des Mauerfalls hatte ich allerdings „verpennt“, was mir bis heute ein wenig leid tut. Am Tag nach dem Mauerfall reiste ich nach Polen. Bei meiner Ankunft saßen die Studenten, denen ich Vorlesungen zu halten hatte, vor dem Fernseher und sahen gemeinsam den Gottesdienst in Kreisau an, den der west-deutsche Bundeskanzler mit dem polnischen Ministerpräsidenten als wichtigen Vorgang auf dem Weg der Verständigung zwischen den beiden Völkern gemeinsam feierten. Alles, was nachher kam, sah ich, nicht ganz unbefangen, im polnischen Fernsehen mit Hilfe der Übersetzung polnischer Studenten. Und irgendwie auch durch ihre Brille.

Vorausgegangen waren die Bemühungen der Solidarnos in Polen, die starke Wirkung Papst Johannes Pauls II., die Ausreisebemühungen vieler DDR-Bürger, das Tauwetter unter Gorbatschow mit den beiden „magischen“ Worten Glasnost und Perestroika. Die Feier des 40-jährigen DDR-Jubiläums, das zum Abgesang der DDR wurde. Die Öffnung des Grenzzauns zwischen Ungarn und Österreich. Es ging ja insgesamt um die Niederlegung des Eisernen Vorhangs, nicht nur um die Mauer in Berlin. Das Herausholen der in die bundesdeutsche Botschaft in Prag Geflüchteten und die dortige Ankündigung Gentschers. Bei der Ankunft auf bundesdeutschem Gebiet, in Hof, wurden sie von der Musikkapelle mit dem Choral empfangen: „Nun danket alle Gott.“

Und dann geht alles äußerst schnell. Es war jetzt einfach an der Zeit. Zu nennen ist das Zehn-Punkte-Programm Kohls vom 28. November 1989, in dem er die Wiedervereinigung als einen der Punkte nennt. Der gemeinsame Auftritt von Modrow und Kohl in Dresden. Auch dort auf Wunsch Kohls wieder das „Nun danket alle Gott“. Der gemeinsame Gang von Modrow und Kohl durch das Brandenburger-Tor, am 22. Dezember, zwei Tage vor Weihnachten in der weihnachtlich geschmückten Stadt. Die Begegnung Kohl-Gorbatschow im Kaukasus (einer Gegend schlimmster Kriegsgräuel im Zweiten Weltkrieg), die Zwei-plus-vier-Verhandlungen. Und die Feier der Wiedervereinigung um Mitternacht vom 2. zum 3. Oktober vor dem „Reichstag“. Ich konnte dabei sein. Da ich kein Quartier hatte, auch keines zu finden war, bin ich die ganze Nacht durch Berlin gegangen, zuerst bis zum Alexanderplatz inmitten einer großen Menge und habe sehr intensiv gefühlt: Wir sind das Volk. Ich gehöre dazu.

Ich hatte die Tage zuvor noch eine kleine Reise gemacht über Wien, Budapest, Prag. Und habe auf diese Weise die Wiedervereinigung Europas begangen. Am Morgen fuhr ich dann wieder weiter, nach Berlin. Gegen Abend erreichten wir die Grenze. Der DDR-Grenzbeamte wollte schon nicht mehr den Pass stempeln. Aber ich bat ihn, er solle es tun. So habe ich wohl einen der letzten Stempel der ehemaligen DDR in meinem Pass. Ich empfand diesen Abend im Zug, wie sonst den Heiligen Abend vor Weihnachten.

An dieser Stelle will ich dem Theologen Ernst Biser danken, der damals im Zusammenhang mit dem Fall der Mauer wohl als einziger aus der Zunft der Theologen von einem speziellen Eingreifen Gottes spricht und schreibt und es nicht bei ethischen Erwägungen und Ermahnungen belässt.

Zur Würdigung des Vorgangs sei darauf hingewiesen, dass am Beginn der neueren Geschichte Deutschlands als Grunderlebnis und Grundsymbol das Fest steht. Mit Festen, dem Wartburgfest 1817 und dem Hambacher Fest 1832, hat die deutsche Demokratie-Bewegung begonnen. Am Anfang des neuen Deutschland, und es ist ein neues Deutschland, steht wieder das Fest, steht die Friedensbewegung, stehen auch die Friedensgebete. Nicht eine blutige Revolution wird den Grundmythos der neuen Republik bilden, sondern ein langes und buntes Fest voller tiefer Gefühle. (Ausführlicher in Regnum 43 (2009), 107-122)

 

Herbert King