Datum:05. Dez 2013

Die Ankunft Gottes heute

Zeichen der Zeit

Labyrinth Chartres- Foto: Hubertus Brantzen

Foto: Hubertus Brantzen

Ankunft Gottes in unserer Zeit  – Zeitzeichen Religion

Weihnachten ist die hohe Zeit der „Wasserstandsmeldungen“ betreffs Religion. Da haben wir aus der Vergangenheit manches Schräge und Ungereimte im Gedächtnis. Welche Akzeptanz oder gar Verbreitung hat Religion? Bewusst sage ich „Religion“ und nicht „kirchlicher Glaube oder Praxis“ Die Beobachtung: Entgegen unserer allgemeinen Klage über den Bedeutungsverlust von Kirchlichkeit und Religion kann gesagt werden: Religion lässt die Menschen (privat und öffentlich) nicht los. Zwei wichtige Einschnitte im Prozess des Umgehens mit Religion in den letzten Jahrzehnten können genannt werden:

*Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wird mehr und mehr klar, dass Religion und Bildung sich nicht ausschließen. Dass Religion nicht nur – schwerpunktmäßig – etwas für Ungebildete ist. So „Die Zeit“ in einem ihrer Beiträge zu Weihnachten in den neunziger Jahren.

*Die zweite Phase, letztes Jahr: Religion erscheint als Kraftquelle (so z.B. sehr ausführlich und positiv in „Der Spiegel“. Und die Zeitschrift „ZeitWissen“ (Dezember/Weihnachten 2012) hat als Hauptthema: Können wir ohne Religion leben? Warum religiöse Gefühle soviel Kraft verleihen und wie selbst Atheisten sie nützen können?

Dann die Ausstellung im ehemaligen DDR-Gebiet Dresden: „Kraftwerk Religion“. Ich habe sie besucht. Hochinteressant ist vor allem, dass Religion nicht in ihren negativen Wirkungen dargestellt wird, sondern eben als mögliche Kraftquelle. Die Ausstellung setzt also positive Sicht von Religion voraus.

Viele andere Phänomene können genannt werden. Sie kommen nur selten aus den Kirchen. So ist der Auswertungsband des Bestsellers „Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott“ wieder ein Bestseller. Sein Titel: Gott begegnen. Es wird nicht nur gesucht. Gerade hier gilt: Wer sucht, der findet auch. Natürlich nicht immer und gleich die Fülle.   So schreibt das City-Blatt von Berlin zu Weihnachten 2011 auf ihr Cover: „Hunger nach Gott“. „Die Kirchen am Prenzlauer Berg sind überfüllt“ (frühere DDR, wichtiger Ort für Geist der Zeit/Zeitgeist-Forschende). Und das Frankfurter City-Blatt, ebenfalls groß auf seinem Cover: „Immer mehr Menschen beten“.

Zentrale Stichworte heutiger „fortschrittlicher“ Kultur sind Spiritualität, Mystik.

Die Theologen unserer fast vierzig theologischen Fakultäten an Staatsuniversitäten reden da oft/meistens von „vagabundierender“ Religiosität. Sie haben keine so richtigen Kategorien, um mit diesem Phänomen, mit „Religion“, umzugehen. Da ist der, vor allem im Protestantismus besonders betonte Gegensatz von Religion und Glaube wirksam.

Es käme darauf an, eine Sichtweise und Pädagogik zu entwickeln, die an diesen Phänomenen ansetzt, sie wertschätzend aufgreift und weiterführt. Unsere übliche „theologisch verantwortete“ und ethisch enggeführte christliche Spiritualität müsste mehr „Humus“, mehr Wurzelgeflecht von Vorstellungen, Bildern, und theologisch unzensierten Erfahrungen zulassen, ja aufnehmen, und aus der (eigenen) christlich-katholischen Tradition manches verlebendigen (auch neu begründen), wie Umgehen mit Engeln und Verstorbenen, Bedeutung heiliger Orte, Sinn für Symbole, für Marien- und Heiligenverehrung.

Gott sei Dank geschieht an Weihnachten solches noch am ehesten, weswegen hier Christliches am meisten und tiefsten im Leben der Menschen von heute verankert ist. Doch theologisch gesehen „schmeckt“ dies vielen bewussten und engagierten Christen oft nicht so richtig gut. Wir brauchen uns nicht zu wundern, dass in unserer theologisch verdünnten christlichen Spiritualität die Menschen sich nicht zu Hause fühlen und lieber bei der Esoterik vor Anker gehen. Und es liegt nahe eine Überzeugung aus den ersten Jahrhunderten des Christentums zu zitieren. Was nicht aufgenommen ist, ist auch nicht erlöst.

Herbert King