Datum:15. Dez 2010
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Daniel Stein – einer der die Höhle des Löwen überstand

Kunst · Theater · Literatur

Buchcover

 

„Daniel Stein“ heißt der bewegende Roman von Ljudmil a Ulitzkaja, in dessen Mittelpunkt der Mönch Pater Daniel steht. Ein Mann, der in keine Schublade passt, der zwischen allen Stühlen saß, dessen Schicksal mit menschlichen Maßstäben kaum begreifbar scheint.

In Form von Briefen, Erinnerungen und Gesprächen lässt die Autorin die vielschichtige Persönlichkeit dieses Mannes lebendig werden: Ein polnischer Jude, der als Dolmetscher für die Gestapo arbeitet. Ein Widerstandskämpfer in den russischen Wäldern, der zum Katholizismus konvertiert. Ein Karmelitermönch, der nach Israel emigriert. Das Buch fasziniert, nicht nur weil dieser Mann faszinierend ist. Ein Geschenk für alle, die angesichts des Ozeans von Elend, Grausamkeit und Ungerechtigkeit des Zweiten Weltkriegs nach Lichtgestalten Ausschau halten, die sich dem Bösen nicht gebeugt haben.

Wer nach der Lektüre des Romans in den Bann von Pater Daniel gezogen wurde – dem sei auch die Biographie des historischen Oswald Rufeisen In the lion‘s den – In der Höhle des Löwen empfohlen. Ebenso fesselnd und ergreifend, aber eher etwas für den, der es unbedingt historisch etwas genauer wissen möchte. In dieser Recherche von Nechama Tec wird zudem deutlich, mit welchen Schwierigkeiten Rufeisen bei seinem Wunsch nach Einbürgerung in Israel zu kämpfen hatte, warum man einem Mann misstraute, der nicht nur mit Nazis „zusammengearbeitet“ hatte, sondern auch noch seinen jüdischen Glauben „verriet“, indem er Christ wurde.

Eine der ergreifendsten Passagen ist seine Schilderung von den Tagen, in denen er sich im Karmel versteckte und beschloss, Christ zu werden:

„Im Kloster, ganz allein unter Fremden, schuf ich mir eine eigene künstliche Welt. Ich machte mir vor, dass die 2000 Jahre nie stattgefunden hätten. In dieser eigenen Phantasiewelt begegnete ich Jesus von Nazareth … Letztlich war meine Hinwendung zum Christentum keine Flucht vom Judentum, sondern im Gegenteil, ein Weg, der eine Antwort auf meine Probleme als Jude gab … Als ich realisierte, dass ich vor der Entscheidung stand, den Katholizismus zu umarmen, begann der psychologische Kampf. Ich selbst hatte all die Vorurteile gegenüber Juden, die zum Christentum konvertieren. Angesichts dieser Vorurteile fürchtete ich mich vor der Ablehnung meines eigenen jüdischen Volkes. … Dies war kein intellektueller Kampf. Intellektuell akzeptierte ich Jesus. Das ganze Problem bestand darin, was aus meiner Beziehung zum jüdischen Volk werden würde, zu meinem Bruder, meinen Eltern – falls diese noch lebten.“

 

Anne-Madeleine Plum