Als die Berliner Mauer gefallen war, war bald das Wort "Wahnsinn" "Wort des Jahres 1989". Kaum jemand hatte sich solch einen Einigungsvorgang vorstellen können, ohne dass auch nur ein Tropfen Blut geflossen wäre. Die Freude darüber war groß. Einfach "Wahnsinn". Natürlich sind nach dem Fall der Mauer viele vorher ungeahnte Probleme aufgetaucht, die heute noch nicht alle gelöst sind. Aber ein gemeinsamer Weg in Freiheit hat für Ost und West begonnen. "Gott hat seine Hand im Spiel gehabt haben, als die Berliner Mauer fiel." So habe viele im Rückblick kommentiert. Manche schlagen vor, den 3. Oktober, den neuen Nationalfeiertag in Deutschland, auch ein religiöses Fest zu feiern. Dem Gott unserer Geschichte können wir danken.
Jemand aus der Bistumsleitung in Berlin reagierte sehr kritisch auf die Bemerkung, dass beim Fall der Mauer Gott mitgewirkt habe: "Und wo war dann Gott beim Bau der Mauer?" Und bei all dem, was an Unterdrückung, Angst und Elend danach gekommen sei. "Wo ist Gott, wenn Katastrophen uns heimsuchen, wenn Krieg herrscht und Unrecht an der Tagesordnung ist?" Für viele klingt es zu glatt und zu einfach, fast naiv, wenn man behauptet, Gott sei ein Gott der Geschichte, aller Geschichte. Es gibt nicht nur das Licht im Leben, sondern zur Genüge auch das Dunkel.
P. Kentenich sprach oft über dieses Thema. Häufig fügte er noch als "Weltgrundgesetz" hinzu, dieser Gott der Geschichte tue alles, was er tue, "aus Liebe, durch Liebe, für Liebe". Aber wie lässt sich mit diesem Weltgrundgesetz Hass und Elend vereinbaren? Die alte "Theodizeefrage" ist neu gestellt: Wenn Gott Liebe ist, woher kommen dann Leid und Tod?
Ganz ehrlich will ich es zugeben: Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand auf diese Fragen eine zufrieden stellende Antwort weiß. Gott ist und bleibt für uns Menschen ein Geheimnis. Sein Wesen und sein Wirken ist - auch bei aller Offenbarung, die in der Heiligen Schrift und in der Glaubenstradition gegeben ist, - letztlich nicht durchschaubar. Wir Geschöpfe Gottes können unseren Schöpfer nicht fassen, nicht be-greifen. Oft genug mögen wir ihn als unverständlich, bisweilen als Zumutung erleben.
Vieles lässt sich im Licht der Bibel aber doch einordnen. Jesus erzählt seinen Jüngern zum Beispiel ein Gleichnis, in dem er das Unverstehbare verständlich machen will. Er geht davon aus, dass es im Himmelreich nicht nur "guten Samen" gibt, sondern auch "Unkraut", das der Feind des Himmelreiches sät; dass es also in der Geschichte nicht nur das Handeln Gottes gibt, sondern auch das seines Widersachers:
"Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während nun die Leute schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging wieder weg. Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein. Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut? Er antwortete: Das hat ein Feind von mir getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen? Er entgegnete: Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus. Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Wenn dann die Zeit der Ernte da ist, werde ich den Arbeitern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune" (Mt 13,24-30)
Es geht also ums Fruchtbringen. Zugunsten der guten Früchte, aus Liebe zum Weizen ist der Herr im Himmelreich-Gleichnis sehr langmütig. Die gute Frucht ist ihm so wertvoll, dass er selbst das Unkraut lange schont, um ja keinen Weizenhalm zu Unrecht auszureißen. Er klärt zuerst einmal nicht; er will von seinen Mitarbeitern Nachsicht und Geduld; jedenfalls will er nicht, dass sie das Unkraut ausreißen, im Gegenteil. Er will alles wachsen lassen bis zur Ernte. Die Ernte findet später statt und ist seine Sache.
Ob Gott handelt oder sein Widersacher, kann man an den Früchten erkennen. Was gute oder schlechte Früchte sind, beschreibt der Apostel Paulus zum Beispiel in seinem Brief an die Galater (5,19-23):
"Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unsittlichkeit, ausschweifendes Leben, Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid und Missgunst, Trink- und Essgelage und ähnliches mehr...
Die Frucht des Geistes aber Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung."
Unter "Fleisch" in diesem Text meint Paulus wohl alles, was nicht mit Gott zu tun hat, sondern von ihm gelöst ist, in Gegensatz zu ihm ist und wirkt. Mit "Geist" ist wohl alles "Gott-volle" zu verstehen, all das, was Gott in der Geschichte, im Herzen jedes Menschen wirken kann.
Das also scheint das Ziel des geschichtlichen Handelns Gottes zu sein, das zutiefst in der Seele des Menschen - und nicht zuerst in äußeren Vorgängen - wahrnehmbar ist: die Frucht des Geistes, die beim einen Menschen zur Liebe und beim anderen zur Freude, zum Frieden oder zur Langmut... reift.
Der Fall der Mauer 1989 mag für die Menschen, die dadurch mehr Freiheit, Lebendigkeit oder Freude geschenkt bekommen haben, ein Vorgang des Handelns Gottes sein. Andere, die durch das gleiche Ereignis etwa ins soziale Abseits und in Verzweiflung geraten sind, können es als ein Handeln des Widersachers verstehen.
Schlüsselwort 1, Schlüsselwort 2, ...