"Wenn ich am Hauptbahnhof in der Ecke einen Obdachlosen mit einer Schnapsflasche in der Hand liegen sehe, mache ich mir immer wieder klar: Bevor ich zu ihm komme und mich ihm zuwenden kann, ist Gott schon lange bei ihm."
Diese Überzeugung vertrat ein Diakon, der in einer City-Pfarrei arbeitet. Er hatte an einem Gespräch teilgenommen, in dem es darum ging, Spuren des Wirkens Gottes im eigenen Leben zu entdecken und mitzuteilen. Diese Geschichte ermutigte die anderen in der Runde, in sich nachzuspüren und dann davon zu erzählen, wo sie Gottes Anwesenheit und Wirksamkeit vermuten.
Seit Jahrtausenden erzählen Menschen in jüdisch-christlicher Tradition von Begegnungen und Begebenheiten in ihrem Lebens, in denen sie Gott entdeckt haben. Gott wurde stets deutlich bezeugt als der Gott konkreter Geschichte, als Gott menschlicher Erlebnisse, seelischer Prozesse. Gott wurde und wird verkündigt als Jahwe, als Gott mit uns, als Gott für uns, als Gott des Bundes.
Beim höchsten jüdischen Fest, beim Passahmahl, fragt der Jüngste am Tisch, warum heute ein so großes Fest und alles anders als sonst sei. Der Hausvater antwortet mit dem Nacherzählen - und seit die Geschichte des Volkes mit seinem Gott aufgeschrieben und zur Bibel geworden ist - mit dem Vorlesen der Geschichte der Kinder Israels: Sie sind unter der Führung des Mose aus Ägypten ausgezogen, haben ihre oft dramatischen Erfahrungen auf ihrem Weg durch die Wüste gemacht, am Gottesberg Horeb mit dem Gott ihrer bisherigen Geschichte einen Bund geschlossen und immer neu auf seine Treue gehofft.
Erzählgemeinschaft. Ein Lebensvorgang, bei dem die Erfahrungen konkreter Menschen mit Gott aufgeschrieben worden und zur Bibel geworden sind. Ein Vorgang, dem die Bibel des ersten und des zweiten Testamentes dienen möchte. Die Texte erzählen von Ereignissen, Erlebnissen und Geschichten, in denen bezeugt wird, dass Gott die Hand im Spiel hatte und hat. Damals bei Abraham, Isaak und Jakob, bei Maria und Elisabeth, bei Josef und Joachim, bei Petrus und Paulus. Dies ist biblische Überzeugung: Gott ist erfahrbar als der, der mit konkreten Menschen Geschichte gestaltet. Oft wird seine Geschichte mit einzelnen Menschen wichtig für sein Handeln zugunsten vieler.
Dies soll heute noch so sein? Heute soll Gott mit mir und mit den Leuten meiner Gemeinde, mit meinen Verwandten, meiner Gruppe, meiner Gemeinschaft handeln und Geschichte gestalten? Genau diese Fragen machen vielen Menschen Schwierigkeiten: Soll ich mich wirklich trauen, meine persönliche Lebensgeschichte, die banalen Alltäglichkeiten darin, meine kleinen und großen inneren und äußeren Erlebnisse, meine persönlichen Eindrücke, Meinungen und Empfindungen mit Gott in Zusammenhang zu sehen? Soll ich den Mut haben, mich und die Vorgänge und die Erlebnisse meiner Seele als Ort des mit mir handelnden Gottes zu deuten und sie so zu dramatisieren? Und soll ich dann noch die Stirn haben, diese meine subjektiven Erfahrungen mit anderen zu teilen und sie als Gotteserfahrungen zu bezeugen? Da kann es einem schon "warm und kalt den Rücken herauf und hinab laufen": Ist dies nicht überzogener Prophetismus, der Wurzelgrund übersteigerten Selbstbewusstseins?
Aber wo sonst als in meiner Seele und in den Seelen der anderen Menschen kann ich Gottes Handeln vermuten? Wo sonst den Ruf Gottes an mich besser hören als in meiner Seele, dem Ort meines Glaubens, meiner persönlichen Antwort auf das Wort des mich persönlich in die Nachfolge rufenden Gottes. Gott zielt auf mein Herz, das er immer wieder zur inneren Umkehr bewegen will; er zielt auf meine Mitte, auf meine subjektiv-persönliche Liebe, die er immer tiefer gewinnen möchte.
Jesus hat bei seinen Kontakten mit den Menschen immer wieder nach deren Sehnsüchten und Wünschen gefragt. Er hat zum Beispiel nachgehört, ob sie gesund werden wollen:
"In diesen Hallen (beim Schaftor in Jerusalem) lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte. Dort lag auch ein Mann, der schon 38 Jahre krank war. Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden? Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein. Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Bahre und geht." (Joh 5,3-8)
Jesus hat nachgefragt, ob sie ihm folgen und alles verlassen wollen, was ihnen bisher wichtig war. Beim je eigenen Namen hat er die Leute seiner Umgebung angesprochen und sie sehr persönlich behandelt. Ganz individuell gestalteten sich in Jesu Umfeld "Gottesbegegnungen".
Und bei uns? Wie seine Jünger vor 2000 Jahren dürfen wir auch heute Jesu Zusage glauben: "Wer euch hört, hört mich". Er ermutigt uns, dasselbe zu tun, was er getan hat: bei der Fußwaschung, beim Einsetzungsbericht und vermutlich während seines ganzen Lebens.
Gott der Geschichte, Gott jeder Geschichte, Gott meiner Geschichte. Diese Überzeugung gehört zum Tiefsten, wovon P. Kentenich für sich und bei der Gründung der Schönstatt-Bewegung ausgegangen ist. Vom aktiven-praktischen Vorsehungsglauben hat er oft gesprochen, wenn er seine "Weltanschauung", sein Geschichtsverständnis, sein Menschenbild und sein Selbstverständnis dargestellt hat.
Der mittlerweile selig gesprochener Rechtsanwalt Bartolo Longo baute aus eigenen Mitteln Ende des 19. Jahrhunderts in Valle di Pompei eine große Basilika zu Ehren Mariens. Er war sich im Klaren: er konnte "nur" das Bauwerk erstellen; Gott musste seinen Segen dazu tun, wenn diese Kirche das Ziel einer Wallfahrtsbewegung werden sollte. Um diesen Segen betete Bartolo Longo: Gott und die Fürbitte der Gottesmutter sollen hier besonders mächtig erfahren werden. Von der Erhörung dieser Bitte berichtete am 18. Juli 1914 die Tageszeitung "Kölner Rundschau" in einem ganzseitigen Artikel.
Viele haben diesen Artikel wohl gelesen; der Text machte aber einen Leser besonders unruhig, P. Kentenich: Könnte Gott nicht etwas Ähnliches auch von mir erwarten? Könnte die kleine Friedhofskapelle im Tal Schönstatt in ähnlicher Weise zu einem Wallfahrts-, zu einem Gnadenort der Gottesmutter werden? Am 18. Oktober 1914 sprach P. Kentenich vor den Pallottiner-Schülern, bei denen er als Spiritual arbeitete, über diese Idee. Die Jugendlichen ließen sich auf die Überlegungen ihres geistlichen Begleiters ein. So entstand Schönstatt.
50 Jahre später stand der Jesuit P. Leppich, der Gründer der "Aktion 365", unzählige Male auf dem Dach seines Kleinbusses vor dem Mikrofon und begeisterte Tausende seiner Zuhörerinnen und Zuhörer in großen Hallen und auf Plätzen vieler Städte in Deutschland. Bei fast allen Reden hielt er in seiner Rechten die Bibel und in seiner Linken die örtliche Tageszeitung: In beiden Texten spreche Gott. Die Frage, was Gott heute wolle, solle sich jeder selbst stellen.
Genau genommen haben beide, P. Kentenich und P. Leppich, ähnliches geglaubt: Gott spricht zu uns nicht nur im formellen Wort Gottes, in der Heiligen Schrift. Er kann zu uns auch sprechen durch jeden Zeitungsartikel, durch alle Menschen, Ereignisse und Dinge, die uns über den Weg laufen. So gestaltet er mit uns Geschichte.
Will man diese Aussage aber genauer fassen, muss man präzisieren: Nicht primär in dem, was auf mich zukommt, spricht Gott, sondern in dem Echo, das ich in meiner Seele wahrnehme. Also genauer: Gott spricht in der Mitte meiner Seele, in den inneren Reaktionen, die durch Menschen, Dinge und Ereignisse in mir als "Anregung Gottes" wachgerufen werden.
Nahezu 90 Jahre nach der Gründung Schönstatts kann diese in ihrer Umgebung andere Geistliche Bewegungen entdecken, die von einem ähnlichen Gottes-, Geschichts- und Menschenbild geprägt sind. Es scheint, dass der gleiche Gottesgeist hüben und drüben immer wieder am Werk war und ist und Verwandtschaften zwischen den Geistlichen Bewegungen begründet. Nach und nach entdecken sie sich und das Gemeinsame, das zum Segen der Kirche und ihres Evangelisierungsauftrags werden könnte. Seit dem Pfingstfest 1998, zu dem Papst Johannes Paul II. die Geistlichen Bewegungen nach Rom eingeladen hatte, sind Solidarisierungsprozesse unter diesen Bewegungen in Gang gekommen.
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