Bibel

Mt 10,29-31

Der Text ist eingebettet in eine Rede Jesu an seine Jünger. Jesus selbst musste wegen des Unverständnisses der Menschen oft in einer verhüllten Sprache reden. Doch seine Botschaft wird enthüllt werden. Die Jünger ermutigt er, "am hellen Tag" die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden. Selbst wenn die Jünger wegen der Botschaft getötet würden, letztlich kann ihnen niemand etwas anhaben (10,26-28). Wer sich, auch unter Schwierigkeiten, zu Jesus Christus bekennt, zu dem wird dieser sich auch beim Vater bekennen (10,32-33). Für die jungen Christengemeinden und für alle Christen, die in ihrer Umwelt unter Druck stehen, bekommen diese Worte einen eigenen Klang und einen besonderen "Sitz im Leben". Sie werden zur Verheißung der unerschütterlichen Freundschaft ihres Herrn. Zu dieser Verheißung gehören auch die Verse 28 bis 31. "Fürchtet euch nicht!" lautet der Aufruf und die Einladung, denn nichts passiert, ohne dass es im Willen Gottes geborgen wäre:

Vers 29

Verkauft man nicht zwei Spatzen für ein paar Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. (ein paar Pfennig, wörtlich: ein As. Das As war die zweitkleinste römische Münze)

Vers 30

Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.

Vers 31

Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.

Ein Mensch, der sich in die Nachfolge Jesu gestellt hat und dessen Botschaft in Wort und Tat weitergeben möchte, darf in einem unerschütterlichen Vertrauen leben. Wenn er sein Leben betrachtet, wird er immer wieder Spuren Gottes entdecken, die auf die Nähe und Fürsorge Gottes hinweisen. Diese Spuren werden ihn ermutigen, sein Leben aus dem Glauben zu gestalten.

Exegetische Kommentare zu Mt 10,29-31

1. Aus: Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 8-17) (Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament I/2), Zürich/Braunschweig/Neukirchen-Vluyn, 128-129 (ohne Anmerkungen)

"Der Gedanke an die Macht Gottes wird aber sogleich vertieft. Der mächtige Gott ist "euer Vater", der sich sogar um die Sperlinge kümmert. Sperlinge waren ein geläufiger Artikel auf dem Markt, mit Abstand der billigste Vogel, der Geflügelbraten der kleinen Leute. Der römische As ist gängige Münze; für zwei As kann man sich eine Tagesration Brot kaufen. Der Text formuliert also bewusst überspitzt: Kein einziger Sperling wird zur Jagdbeute ohne den Willen Gottes. Die Macht Gottes über seine Geschöpfe wird von der Gemeinde ähnlich intensiv und konkret erfahren wie seine Fürsorge im Zuspruch Mt 6,26. Der Schluss von den Sperlingen auf die Menschen ist fast humorvoll: Um den Wert eines Menschen aufzuwiegen, braucht es schon viele Sperlinge! Der Zwischengedanke V 30 formuliert ähnliches mit dem Beispiel der Haare, die auch in jüdischen Texten Gottes Fürsorge illustrieren: Ein einziges Haar ist ein ganz geringfügiger Teil des ganzen Menschen. Gott, der Herr über Leib und Seele, ist liebender Vater. Die Gemeinde ist in ihrem Leiden von ihm getragen, ähnlich wie 10,20 von seinem Geist und 28,20 vom Herrn. Gottes Macht und Gottes Liebe gehören eng zusammen: Sie stiften Gottesfurcht und machen frei von Menschenfurcht.

Wirkungsgeschichte der Verse 28-31

Unser Text ist außerordentlich wirkungsmächtig geworden, und zwar als klassische Belegstelle des dogmatischen "locus de providentia" (Vorsehung). Er taucht normalerweise im Zusammenhang mit den Ausführungen über die providentia Dei specialis (besonderen Vorsehung Gottes) auf, also jener Fürsorge Gottes, die sich über die Ordnungen und Naturgesetze hinaus auf jeden einzelnen Akt eines Menschen und jede Begebenheit bezieht. "Nichts geschieht uns aus Zufall und ohne den Willen unseres allerbesten himmlischen Vaters". Natürlich sind solche Sätze an sich spekulativ und geeignet, alles als gottgewollt zu rechtfertigen. Versteht man die Fürsorge Gottes als Theorem, so ist sie von jedem Todesfall und jedem Krieg, ja von jedem in eine Falle gegangenen Sperling her zu hinterfragen. Aber die Tradition wußte in der Regel genau, daß nicht das der Sinn solcher Providenzaussagen ist. Zwingli formuliert, nachdem er die Frage gestellt hat, ob Räuberei und Verrat gemäß dem Willen Gottes geschehen: Eine solche Frage "ist das sicherste Argument dafür, daß ich Gott noch nicht kenne. Denn ich möchte ... Gott mit meinem Fuß ausmessen, nämlich dem Gesetz, unter dem ich lebe". Und die Confessio Belgica meint zu demselben Problem: "Es genügt uns, Christi Jünger zu sein, um nur das zu lernen, was er selbst durch sein Wort uns lehrt". Für den ganzen locus von der speziellen Providenz Gottes gilt, was in seiner klassischen neutestamentlichen Belegstelle Mt 10,29-31 exemplarisch zu fassen ist: Der rechte "Gebrauch der göttlichen Providenz" ist, "uns in größten Gefahren zu trösten", daß nämlich "jener Gott wahrhaftig unser Vater ist", aber nicht, über die Weltordnung zu spekulieren.
Damit ist der "Gebrauch" auch unserer Verse klar umschrieben: Sie wollen von Christus her Gottes Treue in eine Notsituation hinein zusprechen. Löst man sie von Christus und von konkreter gelebter Not, so werden sie zu religiöser Schönfärberei, die darum der Wirklichkeit der Welt nicht gerecht wird, weil sie die Grenzen des Geheimnisses Gottes übersteigt."

2. Aus: Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium. Erster Teil: 1,1-13.58 (Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament) Freiburg/Basel/Wien 2000 (Sonderausgabe), 388-389 (ohne Anmerkungen)

"Der Ausblick auf das göttliche Gericht ist aber nur ein Argument, das dem bedrohten Jünger die Menschenfurcht nehmen soll. Ein zweites, freundliches tritt hinzu. Es ist die Gewißheit, daß der göttliche Vater sorgt. In weisheitlicher Manier wird dies mit Gottes Sorge um seine Schöpfung verdeutlicht. Der Sperling fällt nicht ohne den Vater - sein Wollen? sein Wissen ? - auf die Erde. Der Trost liegt nicht in der Aufhebung des Schmerzes - der Spatz fällt tot zum Boden! -, sondern in der Umsorgung, die der Vater gewährt (vgl. Ps 102,7). Die Feststellung des geringfügigen Wertes bereitet den Schluß a minori ad maius vor. Das As ist die gewöhnlichste Kupfermünze (altlateinisch: assarius); par Lk 12,6 spricht vom Zwei-As-Stück, mit dem der häufig erwähnte dupondius gemeint ist. Der Jünger, der weit mehr vor Gott bedeutet als ein kleiner Spatz, soll sich darum in der Gefahr nicht fürchten.
Dazwischen geschaltet ist der Satz von den Haaren des Hauptes. Die Rede von den Haaren, die nicht gekrümmt werden sollen, scheint sprichwörtlich gewesen zu sein (I Sm 14,45; 2 Sm 14,11; LXX wandelt um: "Keine Haare seines Hauptes sollen zu Boden fallen"). Nach einem rabbinischen Spruch hat Jahve für jedes einzelne Haar ein Grübchen geschaffen, und er ver-wechselt keines. Es ist bezeichnend, daß sich dieses Wort in bBB 16a als Kommentarwort zu Job 38 findet, wie die beiden Gottesreden Job 38 f und 40,6- 41,26 das vielleicht eindrücklichste biblische Plädoyer für die Sorge Gottes um seine Schöpfung darstellen Der Rahmen der Martyriumsparänese stellt sicher, daß das Bild vom sorgenden Vater keine niedliche Idylle ist."

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