Paulusjahr - Texte

08.04.2009

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Zeitenstimme Paulus-Jahr

Kleine Bestandsaufnahme

 

Im April 2009 befinden wir uns immer noch in dem, was gar nicht so wenige das Paulus-Jahr nennen. Von den vielen Initiativen, die von Rom ausgehen und versuchen, den Jahren ein entsprechendes Gepräge zu geben, ist das Paulus-Jahr besonders gut in Deutschland angekommen. Das liegt sicher daran, dass die theologisch Einflussreichen es von Anfang an begrüßt haben. Was nicht durch das Sieb von diesen gegangen ist, führt ja in unserem Land meistens dann doch eher ein Nischendasein und das vor allem bei den mehr "konservativen" Kräften.

Von Anfang an wurde das Paulusjahr von den Seelsorgeämtern der Diözesen ins Programm aufgenommen. Man beachte z. B. die vielen Web-Sites im Internet mit ihrem sehr, sehr reichen Inhalt. Auch sind sehr zahlreiche wissenschaftliche Werke über Paulus in diesem Jahr entstanden. Und nicht nur von katholischer Seite hat dieses Jahr Beachtung gefunden. Es lag in vieler Hinsicht auch ökumenisch sehr gut. Zwei Beobachtungen will ich kurz etwas nennen und kommentieren.

Erste Beobachtung

Paulus bedeutet in unserer westlichen Kirche und speziell bei uns in Deutschland immer auch und zentralst "Rechtfertigungslehre". Mit der Zentrierung auf die Thematik, die wir im Römerbrief vor uns haben. Viele (vor allem protestantische) Exegeten wollten/wollen von der Rechtfertigungslehre aus sogar einen "Kanon im Kanon" erstellen, d.h. von dieser aus alle Inhalte des Neuen Testamentes entsprechend bewerten. Die Betonung der Rechtfertigungslehre geht vor allem auf Augustinus zurück, dem überragenden Lehrer des Abendlandes, und in seinem Gefolge dann auf Luther. Aber auch die konziliare und nachkonziliare katholische Theologie ist, nicht zuletzt aus ökumenischen Gründen, stark augustinisch geprägt. Auch Papst Benedikt XVI. selbst ist da ein wichtiger Vertreter.

Die östlichen Kirchen werfen der westlichen Kirche immer wieder vor, dass das Thema Rechtfertigung einen zu bestimmenden Platz in ihrer Theologie und Spiritualität einnimmt. Diese Lehre betont die totale Verderbtheit des Menschen durch die Sünde und die umso leuchtendere Gnade durch Jesus Christus. Die paulinischen Schriften mit den beglückenden Aussagen, dass wir in Christus sind und Christus in uns, werden dann oft und manchmal sehr entschieden einem nachpaulinischen Autor zugewiesen. Sie passen nicht so recht in das Schema der eben skizzierten Rechtfertigungslehre. Oder sie werden ebenfalls von dieser her entsprechend gelesen. Wie pessimistisch oder wie optimistisch ist unser christliches Menschenbild? Dazu eine Antwort des Theologen Hans Urs von Balthasar in einer Darstellung von Werner Löser S.J.:

"Die Größe des Irenäus liegt vor allem in der unplatonischen Haltung, die sein Werk prägt. Bald nach ihm drangen platonisierende, spiritualisierende Elemente ins christliche Denken und Handeln ein und gefährdeten es. (...) Die Grundentscheidung des Irenäus aufgreifend , formuliert er [von Balthasar]: Das Christentum...erweist seine Plausibilität nicht zuletzt dadurch, dass es, in voller Anerkennung der Gutheit der Schöpfung, den von Schicksal, Sünde und Tod bedrohten Menschen mutig und freudig mit Gott zusammen bejaht. Und er wird sein theologisches Konzept auf den durch Irenäus eingeschlagenen Wegen entfalten." (Löser: Kleine Hinführung zu Hans Urs von Balthasar, Herder 2005, 18 f.)

Im Hohen Mittelalter wird Thomas von Aquin diesen Weg besonders entschieden gehen. (Vgl. meinen Beitrag "Der ganze Paulus" in www.herbert-king.de (dort vor allem das lange Zitat von Josef Pieper). Ebenso wird Pater Kentenich gerade die Aspekte der grundsätzlichen Gutheit der Schöpfung und des ganzen Menschen (mit Leib, Seele und Geist) hervorheben und sie mit seiner Erlösungsbedürftigkeit und Erlöstheit in Christus zusammensehen und zusammendenken, ohne keinem der beiden Pole etwas zu nehmen.

Zweite Beobachtung

Mit besonderer Freude wird vielfach und mit Recht die Lehre des Paulus vernommen: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Denn meine Gnade genügt dir. Die Erfahrung der Begrenztheit, des Fehlens, ja des Sündigens gehört nun einmal zum menschlichen Leben. Insofern ist die Botschaft der paulinischen Antwort auf diese besonders erfreulich, eine echt "gute Nachricht" (euangélion). Wer in der Schule Pater Kentenichs sich bewegt, hat bei ihm gerade dieses Thema besonders stark und nachhaltig aufgenommen (vergl. Herbert King: Lebensvorgang Schuld, Schwäche und Erlösung, in: ders: Gott des Lebens. Patris Verlag 2001, 86-126).

Doch soll auch hier auf den Gesamtzusammenhang hingewiesen sein. Die beiden markantesten Stellen zu diesem Thema bringt Paulus im Zusammenhang mit der Hervorhebung seiner "Verdienste". So in 2 Kor 11, 16-33. Dort "prahlt" er über das von ihm Geleistete. Dann 2 Kor 12, 1-10: Die Entrückung bis in den siebenten Himmel.

"Was mich selbst angeht, will ich mich nicht rühmen, höchstens meiner Schwachheit. Wenn ich mich dennoch rühmen wollte, wäre ich zwar kein Narr, sondern würde die Wahrheit sagen."

Und dann die Schwachheit:

"Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe, wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen, ein Bote Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse. Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir, denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit. Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark."

Die Annahme seiner Schwachheit kann leicht bedeuten, dass man seine Stärken nicht genügend sieht. Dass das Selbstwertgefühl bei Christen dadurch geschwächt oder nicht genügend aufgebaut wird, weil diese von ihrer Religion her zu sehr die Anerkennung von Grenzen und Schwächen und der entsprechendenden (unverdienten) Gnade als die "wahrere" Religion ansehen könnten. Auch da will ich noch einmal Joseph Kentenich zitieren. In diesem Fall handelt es sich um ein ihm besonders wichtiges Anliegen. Oft hat er es erfahren, dass die christliche Tugend der Demut verwechselt wird mit Miderwertigkeitsgefühlen. Deswegen war er an dieser Stelle besonders sensibilisiert. (Vergl. dazu auch das Kapitel "Lebensvorgang Selbstwert", in: Gott des Lebens, 127-149)

Die Beschäftigung mit Paulus in diesem Jahr könnte es mit sich bringen, dass jemand zu sehr beim "Glück" des Schwach- und Kleinseins stehen bleiben könnte.

Das also ein kleiner Beitrag zu einer Bestandsaufnahme dessen, was im Paulus-Jahr auch schief laufen könnte.

 

 

Herbert King

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