Liebe Consorores et Confratres,
Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens!
Das Jahr 2008 ist von vielem geprägt. Für die einen von der Fußballeuropameisterschaft und den olympischen Spielen; für die anderen von den Bankenzusammenbrüchen in den USA; wieder andere sind nachdenklich angesichts der Turbulenzen in der SPD und des plötzlichen Rücktritts ihres Vorsitzenden. Für uns Katholiken erhält dieses Jahr ein ganz eigenes Gewicht durch eine Initiative Papst Benedikts: Das Paulusjahr. Am Vorabend des Festes Peter und Paul – an dem wir hier in Freiburg mit vielen Kirchenchören unseren Diözesantag feierten – hat Papst Benedikt das Paulusjahres eröffnet. Ich sage offen: Ich freue mich auf dieses Jahr mit dem Apostel Paulus! Es gibt uns Gelegenheit, diesen überaus dynamischen Apostel näher kennen zu lernen und mit ihm gemeinsam den Weg in die Zukunft zu gehen!
Vor 2000 Jahren führte er das Christentum aus der provinziellen Enge Palästinas heraus und trug entscheidend dazu bei, dass es eine Weltreligion wurde. Kein Weg war ihm zu weit, um die Frohe Botschaft Jesu Christi zu den Menschen zu bringen: Er blieb nicht in Kleinasien; ließ sich nach Europa rufen, predigte in Griechenland – und blickte aus nach Rom; sogar darüber hinaus: es drängte ihn nach Spanien! Geradezu einen Schatz von Briefen hinterließ uns der heilige Paulus, gelernter Zeltmacher und passionierter Briefeschreiber. Aber mehr als das: Paulus ist der Mann, der an Jesus Christus Feuer gefangen hat. Seine Dynamik und Kraft sind einzigartig im jungen Christentum! Sein Name ist nicht nur mit dem Aufbruch des Christentums von Palästina in den ganzen Mittelmeerraum verbunden. Er fasziniert bis heute viele Menschen, darunter nicht wenige große Persönlichkeiten und Theologen, die sich von Paulus inspirieren und anregen ließen, und seine Dynamik wirkt in so machen Umbrüchen in der Geschichte des Christentums mit: einen heiligen Augustinus hat er theologisch geprägt, sein Name ist eng verknüpft mit der Reformation in Deutschland. Noch heute lesen wir seine Schriften! Es lohnt sich, liebe Schwestern und Brüder, diesen Mann des inneren Feuers, nicht nur – aber auch – anlässlich des Paulusjahres, nach Impulsen für die Kirche des 21. Jahrhunderts zu befragen.
Wenn wir Impulse für unsere Zeit suchen, gilt es zunächst, nüchtern unsere Wirklichkeit in den Blick zu nehmen. Zu einer solchen Bestandsaufnahme unserer Zeit hat uns Herr Professor Ebertz mit seiner klaren Analyse und den markanten und engagierten Ausführungen zur Situation der Kirche, der Gemeinden und Seelsorgeeinheiten eben herangeführt. Dafür danke ich herzlich.
Wenn wir die Wirklichkeit erfassen wollen, müssen wir das unvoreingenommen und offen tun, doch tun wir es immer auch aus einem bestimmten Blickwinkel. Für uns Christen heißt das: Auch unsere Zeit ist Gottes Zeit. Auch in unserer Zeit, die wir uns nicht ausgesucht haben, sondern in die Gott uns hineingestellt hat, gilt es, auf Spurensuche nach Gott zu gehen. Gott zeigt seine Spuren auch dort, wo wir sie vielleicht am wenigsten vermuten! Spurensuche nach Gott heißt: aufmerksam und offen zu sein für Gottes Wirken in meiner Welt. Konkret heißt das:
Der heilige Paulus hört aufmerksam auf Gottes Wort und schaut genau: auch im Traum! Als er eine Vision hat, in der ihn ein Mazedonier bittet: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ (Apg 16,9) weiß er, dass Gott ihn ruft, in Mazedonien das Evangelium zu verkünden. Und als er in Ephesus mit seiner Mission Erfolg hat, begreift er: Hier hat Gott ihm weit und wirkmächtig eine Tür geöffnet (vgl. 1 Kor 16,9). Hier soll er „am Ball bleiben“. Der Apostel Paulus hat es erfahren und war in all seinem Tun davon getragen: Gott handelt. Gott greift in unser Leben ein. Je mehr wir miteinander still werden – beten, auf Gottes Wort hören, im Sakrament der Versöhnung uns stets nach ihm ausrichten – desto deutlicher werden wir Gottes Handeln an uns entdecken. Gott greift nicht nur in biblischen Zeugnissen oder in Heiligenviten in die Geschichte ein, sondern auch heute bei uns! Unsere Erzdiözese, jede Gemeinde und Seelsorgeeinheit darf sich auf die Kirchtürme schreiben: Hier wirkt Gott!
Paulus vertraut auf Gottes Handeln. Er blickt nach vorne und hält Ausschau, wo Gott neue Horizonte eröffnet und Wege aufzeigt, die er ihn führen möchte. Hochdramatisch berichtet die Apostelgeschichte, wie der unbekannte, von Natur aus eher schüchterne Mann, von dem seine Gegner sagen „sein persönliches Auftreten ist matt und seine Worte sind armselig“ (2 Kor 10,10), es wagt, in Athen auf dem Areopag das Wort zu ergreifen. Ein unbekannter Jude aus Kleinasien hat den Mut, dort, am Sitz des obersten Rates der Stadt, im philosophischen Zentrum der Welt, eine ganz andere Botschaft zu verkünden! Paulus scheut weder die Herausforderung noch den eventuell drohenden Spott. Er geht mutig mitten hinein in die Menge der Athener. Er sieht dort auf dem Areopag eine Statue mit der Inschrift „Dem unbekannten Gott“. Paulus greift diesen Aspekt auf und deutet ihn positiv: Um die Frohe Botschaft zu verbreiten, nutzt er auch manchmal die Captatio benevolentiae: Er lobt die Athener als besonders fromme Menschen und führt sie dann weiter: „Was ihr ehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich Euch.“ (Apg 17,16-34). Er will ihnen zeigen, dass der, den sie unbewusst verehren, der Gott Jesu Christi ist. Er setzt an, wo ihn die Athener, wie er hofft, verstehen können. In einer Formel, die mittlerweile zum Schlagwort der Pädagogik geworden ist: Er will sie dort abholen, wo sie stehen.
Der Apostel Paulus sieht sich einer religiös pluriformen Welt gegenüber. Er spricht in Synagogen, zu heidnischen Athenern, auch mit den Bewohnern von Malta. Die Apostelgeschichte erzählt uns amüsiert von Maltesern als den „Ostfriesen der Antike“: sie denken, Paulus sei der Gott! Doch auch die maltesische Einfältigkeit kann den Völkerapostel nicht bremsen, seine Botschaft zu verkünden – dadurch, dass er auf Malta Kranke heilt, vermittelt er den Menschen dort das Anbrechen des Gottesreiches (vgl. Apg 28,1-10).
Ein buntes Gemisch an Religionen und Weltanschauungen kennzeichnet unsere Zeit heute. Buddhismus und esoterische Angebote sind genauso „in“ wie synkretistische Weltanschauungen. Jüngst hat der Soziologe Ulrich Beck sein neues Buch „Der eigene Gott“ vorgestellt. Hier modifiziert er die klassische Säkularisierungsthese: Religion stirbt nicht aus, sondern wird individualisiert. Beck geht davon aus, dass Religion einen unverzichtbaren Wert auch für den homo religiosus des 21. Jahrhunderts hat – aber eben immer nur für den Einzelnen, der sich seinen individuellen, seinen eigenen Gott „bastelt“.
Dieser Diskussionsbeitrag bestätigt: Es gibt eine Wiederkehr des Religiösen. Menschen suchen; sie fragen. Diesen Fragenden unsere Botschaft zu präsentieren; ihnen die befreiende Botschaft des Evangeliums in einer Weise zu sagen, die sie verstehen; Dolmetscher der Frohen Botschaft zu sein, das ist unser Auftrag und unsere Chance. Je mehr wir selber von der Freude der Verheißung des Evangeliums und der Freiheit in Christus ergriffen sind, desto mehr werden wir zu Botschaftern durch unser eigenes Leben!
Paulus ist solch ein Dolmetscher der Frohen Botschaft. Er vermittelt den Glauben aus dem jüdisch-hebräischen Horizont in die griechisch-römische Welt. Es drängt ihn, die Frohe Botschaft zu allen Menschen zu tragen. Deshalb bemüht er sich, so zu reden, dass er verstanden wird. Er versetzt sich in die Situation der Juden, in die Lage der Schwachen, in die Fragen der Griechen, um ihnen das Evangelium auf Augenhöhe zu verkünden, „um auf jeden Fall einige zu retten.“ (vgl. 1 Kor 9,19-23.) Um den Athenern zu erklären, dass Gott Himmel und Erde und die Menschen erschaffen hat, geht er auf ihre Philosophie ein und sagt: „wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art.“ (Apg 17,28). Das Heil, das uns zuteil wird, weil wir Kinder Gottes sind, erschließt er den Griechen in Ephesus nicht anhand der alten hebräischen Verheißungsformel vom auserwählten Volk; sondern mit Worten die ihnen näher sind: Worten des römischen Rechts: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger des Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ (Eph 2,20)
Unsere Herausforderung ist nicht die Übersetzung in eine andere Umwelt; vielmehr erleben wir in unserer eigenen Welt tiefgreifende kulturelle Umbrüche: Eine Fronleichnamsprozession ist manch Jugendlichem heute fremder als die Lebenswelt amerikanischer Musiker; viele wissen mehr über die Kulturen des Fernen Ostens als über die eigene; grenzenloses Reisen und individuelle Freiheit suggerieren vielen Menschen, sie könnten nicht nur über ihr Leben, sondern auch über ihren Gott selbst bestimmen. Das kulturelle Umfeld Deutschlands hat sich rapide geändert, und uns Christen ist aufgetragen, auch in dieser neuen Kultur Glaubensprozesse zu anzustoßen und zu begleiten. Wie kann das gehen? Indem wir durchaus einmal Menschen ins Gesicht sagen: „Gott liebt Dich.“ Welch unglaubliche Zusage! „Du gehst nicht unter in 6 Milliarden Menschen, sondern sieh her, Gott hat dich bei deinem Namen gerufen, er hat dich in seine Hand eingeschrieben (vgl. Jes 49,16)!“ Freilich genügt es nicht, das nur zu sagen, sondern es heißt, es dem anderen vorzuleben; in unserer Nächstenliebe, das heißt in unserem christlichen und damit auch caritativen Handeln, Gottes Liebe aufscheinen zu lassen. Gerade den Individualisten; den Leistungsträgern, die sich permanent selbst überfordern auf der Suche nach Erfolg und die dabei oft auch auf der Suche nach der Erfüllung und dem Sinn sind; aber auch den Abgehängten der Gesellschaft, denen, die keine Träume mehr wagen: denen zu sagen und durch unser Leben aufscheinen zu lassen: Gott liebt Dich!
Denn: Alle sind zum Glauben berufen, verkündet der große Völkerapostel! Er öffnet das junge Christentum, das sich bis dahin als Religion exklusiv für Juden verstand für alle, auch für Heiden. Das war nicht weniger als eine Revolution! Aber: Paulus lässt sich nicht davon abhalten, in einer neuen Situation auch das notwendige Neues zu tun. Er ist so gepackt von der Verheißung des Evangeliums und der Freiheit, die Jesus Christus schenkt, dass er Menschen nicht in alte Formen pressen will und kann – niemand muss Jude werden, um der Zusage Jesu Christi zu glauben, um in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen zu werden. Mit Herzblut und Einsatz ringt er daher mit den Galatern, als sie in Gefahr sind, zurückzufallen und die Beschneidung wieder einführen wollen. „Seid ihr so unvernünftig?“(Gal 3,3) fragt er sie. Das Gesetz, die Gabe Gottes an sein Volk Israel, gilt es in Jesus Christus neu zu verstehen und die alte Bundesweisung freizumachen von Enge und Bedrohung. Denn: „Käme die Gerechtigkeit durch das Gesetz, so wäre Christus vergeblich gestorben,“(Gal 2,21) sagt er den Christen in Galatien. Durch Jesus Christus ist eine neue Zeit angebrochen, deshalb können wir nicht mehr so leben wie zuvor!
Und auch in Alltagssituationen tut Paulus etwas Neues: Als erster Christ der Geschichte nutzt er die Medien: er schreibt! So haben wir es nicht unwesentlich ihm zu verdanken, dass das Evangelium, die Frohbotschaft Jesu Christi, auch in unseren Breitengraden angekommen ist, so dass wir aus ihm leben dürfen. Paulus ist von dem Geschenk der Hoffnung und der Erlösung in Jesus Christus so erfüllt und ergriffen, dass er möglichst viele daran teilhaben lassen möchte. Die Zuversicht aus dem Glauben weitet seine Perspektive. Der Glaube schenkt die Erfahrung: Hoffen macht offen und weit. Daher drängt es ihn, das Evangelium bis an die Grenzen der Erde zu verkünden. Dank seiner Begeisterung, seiner Einsatzbereitschaft und Dynamik konnten wir das Geschenk des Evangeliums empfangen – nun ist es an uns heute, dieses Geschenk weiterzuschenken.
Dieses Geschenk weiterzugeben, ist notwendig, denn: „Deutschland ist Missionsland.“ Mit dieser Aussage sorgte Pater Ivo Zeiger 1948 auf dem Katholikentag in Mainz für großen Aufruhr. „Wir sind keine Heiden wie in Afrika,“ musste er sich entgegnen lassen. Doch hinter seiner Aussage steckt mehr. Michael Herbst, evangelischer Theologieprofessor an der Universität Greifswald, fügt heute, 60 Jahre später, einige bedenkenswerte Gedanken hinzu: „Mission bedeutet: Gott sucht uns. (...)Es ist eine verheißungsvolle Zeitansage, wenn wir Missionsland sind: Gott hat etwas vor mit uns! Neues wird wachsen, auch wenn vieles Alte sterben muss. Sind wir Missionsland, dann haben wir Zukunft!“ Dies halte ich im wahrsten Sinne für äußerst bedenkenswert. Missio – das bedeutet Sendung und „gesandt sein“. Gesandt sind wir nach jedem Gottesdienst. Er schließt mit den Worten: „Ite, missa est.“ – Geht, ihr seid gesendet. Wir sind gesandt in die Welt, aber wir gehen nicht allein: Gottes Segen geht mit uns! Die Feier in der Gemeinschaft des Glaubens sammelt und öffnet uns jeden Sonntag von Neuem! Gott stärkt uns mit seinem Wort und ist unter uns im Sakrament der Eucharistie gegenwärtig – er gibt uns die Kraft und seinen Segen, um in der Welt etwas zu bewegen. Voll Zuversicht und in der Freude des Herrn können wir Zeugen sein, Gesandte an Christi statt, (2 Kor 5,20) wie der Apostel Paulus es formuliert.
Der heilige Paulus geht von den Fragen aus, die sich aus der Situation den Gemeinden stellen. Seine Theologie, die das Christentum seither prägt, ist nicht am Schreibtisch reflektierte Theorie, sie kommt mitten aus dem Leben.
Bei allem, was an ihn herantritt – und es sind viele Fragen, Probleme und Lebensaufbrüche, die ihn aus den Gemeinden erreichen – befragt er die Geschichte Gottes mit seinem Volk, seine eigene Glaubenserfahrung als Christ und hört auf das Wort der Offenbarung Jesu Christi. Er vertraut, dass Gott den Weg weist. Paulus geht in die Welt und deutet jede Situation des Alltags im Licht seines Glaubens.
Wir, liebe Consorores et Confratres, leben und arbeiten in verschiedenen Berufen mitten in der Welt. Dort können wir Zeugnis geben. Wir brauchen gar nicht wie Paulus auf Missionsreise zu gehen. Wir dürfen in unserem Alltag zeigen, dass die Botschaft Jesu Christi gerade für Menschen heute relevant ist und Kraft gibt. Mit unserem eigenen Leben, unserem Engagement und unseren Werten, die wir leben und vertreten, werden wir zu Zeugen für die Menschen heute.
Aus dem Verfolger der Christen ist der Apostel Jesu Christi, der Künder der Frohbotschaft geworden. Paulus erinnert sich Zeit seines Lebens an seine Berufung: Auf dem Weg nach Damaskus stürzt er geblendet zu Boden – eine Stimme ruft ihn: „Saul, Saul, warum verfolgst Du mich?“ (vgl. Apg 9). Von jetzt an ist nichts mehr wie zuvor. Aus Saulus wird Paulus – er erkennt Jesus Christus als den Herrn, als den Sohn Gottes. Er erfährt, dass Gott wirkmächtig in seinem Leben handelt. Es ist die persönliche existentielle Begegnung mit Christus, die Paulus zum Christen macht. Gott greift in sein Leben ein, er ändert seine Wege. Paulus wird geblendet und muss erst wieder lernen, neu zu sehen. Ihm wird „Jesus Christus als der Gekreuzigte vor Augen gestellt“ (Gal 3,1), wie er selbst es den Christen in Galatien gegenüber formuliert – und dadurch erkennt er, dass wir durch die Hingabe Jesu Christi erlöst sind. Jesus Christus hat sich aus Liebe zu uns, zu jedem und jeder einzelnen von uns, in den Tod gegeben, damit wir das Leben haben. Davon ist Paulus fasziniert. Er sieht neu: Er sieht mit den Augen Christi.
Das Besondere ist: Paulus war zuvor ja durchaus kein Gottloser, ganz im Gegenteil: Er war ein Eiferer für Gott (Gal 1,14), ein durch und durch überzeugter Jude und Pharisäer. Doch die Begegnung mit Jesus Christus wird zur radikalen Kehrtwende in seinem Leben. Paulus erfährt, dass nicht das Gesetz ihn erlösen kann, sondern dass Jesus Christus ihn persönlich anspricht, dass er seine Freundschaft will! Welch unglaubliches Angebot! Gott redet Paulus als Freund an! Diese Erfahrung lässt Paulus ein Leben dankbar staunen und dreht das Leben des Pharisäers um. Er ändert seinen Weg, geht in die Wüste. Der rastlose Verfolger, der „mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn gewütet hat,“ (vgl. Apg 9,1) wie die Apostelgeschichte berichtet, geht in die Wüste, um auf Gott zu hören; um im stillen Verweilen bei Gott neu hören und sehen zu lernen. Er lässt sich unterweisen und vertieft sich in Gott, bis Barnabas zu ihm kommt und ihn ruft und mitnimmt (vgl. Apg 11,25). Sein ganzes Leben bestimmt sich neu aufgrund der Begegnung mit Jesus Christus. Diese Erfahrung mit dem lebendigen Gott trägt ihn sein Leben lang. Paulus ist ein Mann, der sich rufen lässt; ein Mann, der sich in Dienst nehmen lässt. Ein Mann, in dessen Leben Gott eingreift. Einer, der – was leider allzu wenige fertig bringen – umkehrt und zu Neuem aufbricht. Kaum ein Mensch hat sich von Gott so in die Weite führen lassen wie Paulus.
Er erfährt sich durch die Erlösung durch Jesus Christus und seine Berufung zum Apostel als derart beschenkt, dass alles andere dahinter weit zurücktritt: Verfolgung und Flucht, Steinigung und Auspeitschung, Anklage und Ablehnung, ja sogar Schiffbruch zählen nichts im Vergleich dazu, dass er von Christus erwählt ist und aus der Verbindung mit ihm leben darf. In dieser Haltung fragt er sich und die Gläubigen von Korinth und damit auch uns: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4,7). Es ist für uns Christen entscheidend, aus dem Bewusstsein zu leben, dass wir von Gott Beschenkte sind – so sehr, dass wir ganz und gar davon leben. Paulus ist berührt von Christus, ja „von Christus Jesus ergriffen,“(Phil 3,12) wie er den Gläubigen seiner Lieblingsgemeinde in Philippi schreibt.
Dieses Geschenk, das er umsonst empfangen hat, umsonst weiter zu geben, sieht Paulus als seine Lebensaufgabe an. Die Liebe Christi drängt ihn, seinen Mitmenschen, ob Juden oder Griechen, ob Männern und Frauen, die gleiche tiefe Freude, die reich geschenkte Liebe, die erlösende Gnade Gottes weiterzugeben. Er möchte, dass auch sie hören, lieben, glauben. Das Große, das er erfahren hat, kann er nicht für sich behalten. Dass er, wie Jesus Christus und mit ihm, Gott „Abba, lieber Vater!“ nennen darf, möchte er seinen Schwestern und Brüdern vermitteln: Sie sollen erfreut und froh erkennen, dass sie Kinder Gottes sind! Gott ruft uns an, jeden und jede bei unserem Namen. Er sagt uns: „Sieh her, ich habe dich eingezeichnet in meine Hände.“ (Jes 49,16) Aus diesem persönlichen Ruf heraus sind wir ermächtigt, ihm zu antworten. Mit Gott sprechen zu dürfen, zu ihm beten, mit ihm in unserem Leben „rechnen“ – das meint: Beziehung zu Gott. Gott ist – und das gehört zum Zentrum der Botschaft Jesu – unser „Du“, unser Gegenüber. Je mehr wir ihn in unser Leben einbeziehen, desto tiefer ergreift uns seine Liebe! Gott will mit uns in Beziehung treten, er will mit uns in liebender Beziehung stehen! Dafür dürfen wir uns öffnen.
Weil er von Jesus Christus ergriffen und fasziniert ist, sagt Paulus in fast erschreckender Weise: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“(1 Kor 9,16) Doch kennen wir das nicht selber? Wenn wir etwas Unfassbares, etwas unglaublich Schönes erlebt haben und es sprudelt geradezu aus uns heraus? Nicht, weil wir uns dessen rühmen wollen, was wir erlebt haben, sondern weil es uns drängt, auch unsere Mitmenschen an unserer Freude teilhaben zu lassen. Damit sie die Freude teilen, die in uns ist.
Es ist diese tiefe Freude, die Paulus bewegt. Eine Freude, die darin wurzelt, von Gott erwählt zu sein. Seine Briefe, seine Worte, sein eindringliches Werben bleiben aktuell. Gott macht uns zu seinen Söhnen und Töchtern! Die Botschaft „Ihr seid Gottes auserwählte Heilige!“ (Kol 3,12) gilt es, zu verbreiten! Damals in Damaskus wie heute in Tauberbischofsheim, damals in Galiläa wie heute im Schwarzwald, damals in Korinth wie heute in Sigmaringen! Es ist Gott selbst, der unser Freund sein will. Je mehr wir unsere Freundschaft mit Gott pflegen, desto mehr sind auch wir gedrängt, der Welt davon zu erzählen und die Freude zu teilen.
Söhne und Töchter Gottes sind wir – nicht jeder und jede für sich allein, sondern in geschwisterlicher Gemeinschaft. Gemeinschaft des Glaubens bedeutet, den Glauben zu erfahren, ihn miteinander zu teilen, Anteil zu geben und getragen zu werden: Dazu ermutigt Paulus die Männer und Frauen in seinen Gemeinden. Unsere Gemeinden sind „echt paulinisch“, wenn wir uns zusammenfinden, um – wie der Apostel sagt – „miteinander Zuspruch zu erfahren durch meinen und euren Glauben.“ (Röm 1,12) Gemeinden, christliche Gemeinschaften, sind Erfahrungsfelder des Glaubens. In den Gemeinden, in den christlichen Gruppen und Kreisen, können wir Glaube, Gemeinschaft und das Vertrauen in Jesus Christus erfahren. Die paulinischen Gemeinden tun dies, indem sie gemeinsam Mahl halten (1 Kor 11,33), sich um diejenigen kümmern, die krank und schwach sind (Gal 4,14), indem sie untereinander Verbindung halten und sich austauschen, indem sie Gäste aufnehmen (Phil 2,29), kurzum: indem sie ihrem Glauben Alltag geben (2 Kor 7,16). In der Schrift „Zeit zur Aussaat – Missionarisch Kirche sein“ sprechen wir Bischöfe von „Biotopen des Glaubens“. Ein Biotop ist ein „Ort des Lebens“. Ein Ort, an dem gemeinschaftlich Leben ermöglicht wird und sprudelt; an dem wir den Glauben erfahren, vertiefen und auftanken können; ein Ort, an dem man sich, wie Paulus seinen Brüdern und Schwestern, den Frieden Christi wünscht; an dem der Glaube geteilt wird. Können unsere Seelsorgeeinheiten, mit ihren zahlreichen Gruppen, Vernetzungen und persönlichen Kontakten, eine schönere Perspektive haben, als danach zu streben, Orte, Biotope, lebendigen Glaubens zu werden?!
In sie können alle Gemeindemitglieder im Sinn des Apostels Paulus ihre Charismen, ihre Gaben und Fähigkeiten einbringen. Die eine ist begabt als Lehrerin in der Erwachsenenkatechese; der andere ist in der Organisation der Pfarraktivitäten talentiert; wieder andere begeistern Jugendliche; andere sind berufen zum liturgischen Dienst; andere geben durch ihre Besuche Kranken Hilfe und Linderung (vgl. 1 Kor 12,4-11.28-30).
Auch der heilige Paulus ist nicht der solitäre Apostel und Einzelkämpfer, er ist ein Teamplayer. Er denkt groß von seinen Schwestern und Brüdern. Denn er weiß genau, dass er seine Mitarbeiter, die vielen Menschen, die er namentlich in seinen Briefen grüßt – 40 sind es insgesamt! – braucht; er weiß, dass er der aufopferungsvollen Tätigkeit von Titus, Timotheus und Barnabas und der Männer und Frauen in den Gemeinden bedarf, um lebendige Ortskirchen zu errichten. Der große Apostel bezieht stets andere mit ein und verlässt sich auf sie! Uns mit unseren Charismen gegenseitig zu ergänzen, die Stärken und Schwächen zu einem Chor zusammenzufügen – das ist unsere Aufgabe als neues Volk Gottes – nicht als Notlösung in finanziellen Engpässen, sondern berufen von Gott selbst! „Wenn ihr zusammenkommt, trägt jeder etwas bei,“ (1 Kor 14,26) versichert Paulus der Gemeinde in Korinth. Jeder trägt bei, was er am besten kann, denn – so fragt Paulus: „Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe das Gehör?“ (1 Kor 12,17) Der Leib braucht alle Glieder und Organe!
Es ist der Geist Gottes, der dieses Biotop der Charismen führt. Werte Damen und Herren, in der vergangenen Woche haben uns die Nachrichten von dem großen Experiment beim CERN in Genf berichtet. Nicht nur dort wird experimentiert! Wir selbst leben in unseren Gemeinden – recht verstanden – in einem „Laboratorium des Geistes Gottes“! Gott hat Neues vor und bereitet es mit uns vor! Wir dürfen neugierig sein; uns einlassen darauf, wohin uns der Geist führen will! Ein Laboratorium ist der Ort für Neuerungen, für Aufbrüche und Wagemut.
Mit Paulus in die Zukunft gehen heißt, sich vom Heiligen Geist führen zu lassen! Paulus ist ergriffen vom Feuer des Heiligen Geistes, er ist eine geradezu pfingstliche Existenz, die voller Kraft und Feuer, so möchte man meinen, fast explodiert. Der große Humanist Erasmus von Rotterdam, der beträchtliche Zeit hier in Freiburg lebte, ist von ihm so angetan, dass er ihn dementsprechend charakterisiert, wenn er über ihn schreibt: „Tonat, fulgurat, meras flammas loquitur Paulus.“ – Paulus redet wie einer mit Blitz und Donner, ja mit wahren Feuerflammen. Aus den Briefen des Paulus lodern die Feuerzungen, die an Pfingsten herabkommen!
Der Mann des Feuers erinnert seine Brüder und Schwestern: „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen! Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld.“ (Kol 3,12). Er stellt seinen Christen gewordenen Schwestern und Brüder vor Augen, wozu sie berufen sind, damit sie sich ihrer Berufung entsprechend verhalten (vgl. Kol 3,12; Phil 1,27). Er duldet nicht, wenn sich seine Gemeinden von Irrlehrern verwirren lassen. Er ist erbost, wenn sich einer über den anderen aufspielt: „Wie kannst du den Diener eines anderen richten?“ (Röm 14,4) fragt er die römischen Christen. Er verteidigt die christliche Freiheit und fordert Achtung vor der Haltung der anderen. Wer Fleisch isst oder nicht, wer Wochentage achtet oder nicht – so lange es zur Ehre des Herrn geschieht, sollen sich die anderen kein Urteil darüber erlauben. Jeder und jede in der Gemeinschaft soll sich so verhalten, dass er seinem Bruder keinen Anstoß gibt (vgl. 1 Kor 8,13). Das sind die Grenzen, die Paulus der Freiheit im gemeinsamen Laboratorium setzt. Denn: Toleranz und geschwisterlicher Umgang kennzeichnen ein Laboratorium, das ein „Laboratorium des Heiligen Geistes“ ist.
Mit Gott uns auf den Weg zu machen und dabei auch neue Wege gehen – auf diese Einladung dürfen wir uns einlassen! Jugendgruppen, Familienkreise, Liturgiegruppen, Seniorenkreise, Verbände aus unterschiedlichen Wurzeln – ich erlebe in unseren Gemeinden und Seelsorgeeinheiten eine unglaubliche spirituelle Weite. Ein „Laboratorium des Heiligen Geistes“ will genau das sein. Wir stehen in unserer Erzdiözese an einem Punkt, an dem sich Gemeindegröße und -zusammensetzung deutlich geändert haben. Die Seelsorgeeinheiten sind großflächiger als früher – und bieten den Raum für vielfältige Möglichkeiten, uns persönlich zu vernetzen und einzubringen. Persönlicher Kontakt – das hat sich seit den paulinischen Hausgemeinden nicht geändert – sind der Kern jeder Gemeinschaft des Glaubens.
Der vielbeschäftigte und weitgereiste Apostel Paulus hält den persönlichen Kontakt. Er sorgt sich um den Einzelnen wie um das Wohl der ganzen Gemeinde. Er behält die Gemeinden, die er gegründet hat, in liebevoller Umarmung; er besucht sie und schreibt Briefe. Viele seiner Freunde und Mitstreiter reisen und besuchen die verschiedenen Gemeinden. Mehr als das: Paulus vernetzt seine Gemeinden, bittet sie, seine Briefe untereinander auszutauschen (vgl. Kol 4,16), motiviert sie zur Liebesgabe für die Christen in Jerusalem.
Bei den größer werdenden Strukturen in den Seelsorgeeinheiten, die heute das Gesicht unserer Erzdiözese prägen, fragen manche, ob das christliche Netzwerk Kirche zu groß werden könnte, um auch Einzelne zu tragen und aufzufangen. Und auch ich habe mich immer wieder gefragt, was in aller Umstrukturierung der Fingerzeig und der Wille Gottes sein könnte. Ohne dies erschöpfend beantworten zu können, wird doch eines deutlich: Durch diese neue Situation wird unser Blick in starker und kraftvoller Weise darauf gelenkt, dass Seelsorge nicht Sache eines einzigen Dienstes, nicht Aufgabe der Priester allein ist, sondern Auftrag verschiedener Dienste und Berufe, die zusammen arbeiten, einander ergänzen und sich gegenseitig stützen; die durch ihre Vielfalt auch Menschen in ihrer Verschiedenheit ansprechen. Damit schaffen wir zugleich Voraussetzungen und Räume, in denen möglichst viele sich ehrenamtlich einbringen und Kirche in innerer Vernetzung tragen und verlebendigen können. Noch nie gab es in unserer Kirche so viele, die sich in ihr engagieren und ehrenamtlich betätigen wie heute.
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Schließen möchte ich mit dem „Cantus firmus“ des Paulus: „Freut Euch im Herrn zu aller Zeit! Noch einmal sage ich: Freuet Euch!“ (Phil 4,4) Paulus macht die großartige Erfahrung, dass das Wissen um die Berufung durch Gott und die Dankbarkeit dafür froh machen und Freude schenken. So kann er selbst noch aus dem Gefängnis schreiben: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit!“ (Phil 4,4). Er ruft seine Gemeinden, ruft uns auf zu Vertrauen, uns dessen bewusst zu sein, dass wir erlöst sind, er ruft uns auf zur Freude! Dieser Aufruf ist eine Einladung: „Der Apostel kann sagen: ’gaudete’, denn der Herr ist jedem von uns nahe. Deshalb ist diese Weisung in Wirklichkeit eine Einladung, dass wir uns der Gegenwart des Herrn, der uns nahe ist, bewusst werden. Sie ist eine Sensibilisierung für die Gegenwart des Herrn. Der hl. Paulus will uns aufmerksam machen auf diese verborgene Präsenz Christi, der jedem von uns nahe ist,“ so führt Papst Benedikt den Gedanken aus.
Consorores et Confratres, werte Damen und Herren,
paulinische Impulse für die Kirche der Zukunft – der Apostel selbst ist so faszinierend, dass er mit Leichtigkeit mehrere Abende, ja ein ganzes Jahr, füllen kann. Ich habe versucht, „paulinische Leuchttürme“ zu setzen. Je mehr wir unserer eigenen Berufung und dem Anruf Gottes an uns im eigenen Leben nachspüren, desto mehr werden wir zu überzeugten Zeugen; zu Missionaren des Alltags. Je mehr wir uns von Christus Jesus ergreifen lassen, desto mehr greift unsere Begeisterung auch auf andere über. Und nicht zuletzt: die Vernetzung und das Miteinander in der Gemeinschaft des Glaubens, die uns Halt und Heimat geben.
Der Apostel Paulus hat uns die Bandbreite seines Vertrauens aufgedeckt. Feurig und voller Dynamik geht er in die Zukunft. Mit ihm dürfen wir besonders in diesem Jahr Ausschau halten nach dem Spalt der „offenen Tür“ – wir dürfen die Lichtkegel wahrnehmen, die Gott in unser Leben wirft, gleich der offenen Tür, durch die sein Licht einfällt.
Paulus, Paulusjahr, ...