Meditation
Predigt zum Fest Peter und Paul
im Paulusjahr

11.07.2007

Paulusikone Tarsus

Foto: Michael Stefan

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wenn wir uns hier zum Gottesdienst (oder auch zum stillen Gebet) einfinden, dann tun wir dies nicht im „luftleeren Raum“, sondern wir stehen in der Nachfolge der Apostel und auf ihren Schultern: „Ich glaube an die eine heilige katholische und apostolische Kirche“ – so bekennen wir im Credo. Daran erinnern uns auch die zwölf Kerzen an den Wänden unserer Kirche, die sog. Apostelleuchter. Jede Kerze trägt den Namen eines der zwölf Apostel, die mit Jesus in der Zeit seines öffentlichen Wirkens unterwegs waren und nach Ostern das Evangelium verkündet haben. die Kerze mit dem Namen des hl. Petrus ist direkt hinter dem Hochaltar. Petrus gehörte – zusammen mit Jakobus und Johannes - zum inneren Kreis der drei Jünger, die bei besonderen Ereignissen im Leben Jesu dabei waren, so etwa bei der Erweckung der Tochter des Jairus, der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor oder auch seiner Todesangst im Garten Getsemani. Petrus hat allerdings noch einmal eine Sonderstellung: er wird immer als erster genannt und war der Leiter/ Sprecher des Apostelkreises. Schließlich hat er das entscheidende Bekenntnis zu Jesus abgelegt: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ – und durfte das Wort Jesu hören, dass er, Simon, der Felsen (= Petrus) sei, auf dem Christus seine Kirche bauen wolle. Schließlich war Petrus aufgrund dieser Verheißung Jesu der erste Papst. Petrus steht somit für das Amt in der Kirche, dem die Vollmacht gegeben ist zu ordnen und zu leiten und für die Institution Kirche. Sie nimmt in ihm und den anderen zwölf von Jesus berufenen Aposteln ihren Anfang.

Wenn wir uns allerdings bei den zwölf Apostelleuchtern genauer umschauen, dann werden wir einen Namen nicht finden, der heute auch im Mittelpunkt steht: ich meine den des Apostels Paulus. Dass wir ihn nicht bei den 12 Aposteln finden, sagt schon aus, dass er seinen ganz eigenen Weg mit Jesus gegangen ist. Gestern hat Papst Benedikt XVI in St. Paul vor den Mauern in Rom das „Paulusjahr“ eröffnet, das die katholische Kirche in Gedenken an den 2000. Geburtstag des Völkerapostels feiert. Deswegen sei es erlaubt, am Patronatsfest von St. Peter einmal den hl. Paulus in den Mittelpunkt zu stellen, zumal beide „auf verschiedene Weise der einen Kirche dienten“, wie es die Präfation ausdrückt. Wer war also der hl. Paulus – und was hat er uns zu sagen? Betrachten wir einige Aspekte seines Lebens – und lassen wir ihn dabei selbst zu Wort kommen.

1. Paulus der von Christus Ergriffene

Paulus ist als Apostel (um es einmal modern zu sagen) ein echter „Quereinsteiger“. So unterscheidet er sich in vielen Punkten von Petrus und den anderen elf Aposteln: Paulus – mit jüdischem Namen Saulus – stammte gebürtig aus Tarsus, einer Stadt in Kleinasien, d.h. der heutigen Türkei. Er besaß das römische Bürgerrecht und war Zeltmacher von Beruf. Er wurde in Jerusalem von den besten Lehrern seiner Zeit in der Tora ausgebildet und gehörte zu der Gruppe der Pharisäer. Er nahm es mit der Befolgung der Tora sehr ernst.

Saulus hat Jesus zu dessen Lebzeiten nicht gekannt, hat dann aber später die Christen, die sich auf den gekreuzigten Messias beriefen, verfolgt. Ein gekreuzigter Messias – das war ein Widerspruch in sich – und der musste bekämpft werden. Der Apg zufolge war Saulus bei der Steinigung des Stephanus ebenso dabei, wie er später nach Damaskus ging, um die Christen ausfindig zu machen und zu verfolgen. Er selbst beschreibt sein früheres Leben so:

„Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe,
und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte.
In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein.“

Gal 1,13f

Auf dem Weg nach Damaskus geschieht die entscheidende Wende seines Lebens, die Paulus mit nur einem Satz beschreibt – er ist immer sehr schweigsam, wenn es um ihn persönlich geht:

„Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, (…) da zog ich keinen Menschen zu Rate;“

Gal 1,15-16

Gott selbst – und keiner sonst - führt die entscheidende Wende seines Lebens herbei, krempelt den Saulus komplett um – von einem auf den anderen Moment. Ihm geht der „göttliche Glanz auf dem Antlitz Christi“ auf (2 Kor 4,6). Gott schenkt ihm also die Erkenntnis, dass ER im Gekreuzigten den Menschen auf unsagbare Weise nahe gekommen ist, so nahe, dass Gott in diesem Menschen Jesus von Nazaret zu finden ist, weil dieser wirklich der Sohn Gottes ist. In der Kunst wird man später die Bekehrung des Saulus so darstellen, dass er vom Pferd (besser: vom hohen Ross) fällt, als ihn die Stimme Christi trifft und ihn anruft. In diesem Moment wird alles unwichtig, was Saulus/Paulus bisher viel bedeutete:

„Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin,
ein Hebräer von Hebräern, lebte als Pharisäer nach dem Gesetz, verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig in der Gerechtigkeit, wie sie das Gesetz vorschreibt.

Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft.
Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein.“

Phil 3,5-9

Paulus – von jetzt an nennt er sich nur noch mit seinem römischen Namen – weiß sich zutiefst von Gott gerufen und begnadet: Er, Gott, hat ausgerechnet den zum Apostel Christi berufen, der Christus (und die Christen) ganz tief gehasst hat. Diese Wende, diese bis an die Wurzel der Existenz gehende Bekehrung prägt von nun an das Leben des Neubekehrten – und auch seine Theologie. Wenn wir also in einem ersten Schritt Paulus charakterisieren sollen, dann können wir ihn als einen von Christus ergriffenen Menschen beschreiben: er ist von Gott ergriffen worden, der ihm einen neuen Blick auf Jesus von Nazaret gelehrt hat: in dem sich Gott wirklich offenbart hat – Jesus ist nicht ein am Kreuz gescheiterter Wanderprediger, sondern der letzte und höchste Repräsentant Gottes in der Welt, mehr noch: Gottes Sohn.

Paulus – der von Christus ergriffene Mensch – lässt uns innehalten und fragen, wie es denn um unsere persönliche Glaubensgeschichte steht: ob und wie wir von Christus ergriffen sind, wie wir zum Glauben gekommen sind.

Ich glaube, dass wir vieles an der Theologie des hl. Paulus nicht verstehen können, wenn nicht diese persönliche Ergriffenheit des Apostels bedenken. Von jetzt an wird Paulus nämlich verkünden, dass Gott alle Menschen (gerade auch die Sünder) zum Heil ruft, weil in Christus alle dazu erwählt sind, gerettet zu werden. Es ist deshalb nur konsequent, dass er sich speziell an Nichtjuden („Heiden“) wendet, weil er davon überzeugt ist, dass es keinerlei Voraussetzungen braucht, um Christ zu werden – außer dem Glauben. Das Heil wird dem Menschen durch Christus geschenkt ohne allen Verdienst, sondern allein aus der freien, liebevollen Zuwendung Gottes zum Menschen und zur Welt. Rechtfertigung aus Glauben allein nennt Paulus das in der Fachsprache der Theologie.

2. Paulus der Missionar

Gottes Heilsruf gilt allen Menschen, das müssen deshalb auch alle erfahren. Deswegen ist es nur konsequent, dass Paulus sich als Missionar auf den Weg macht. Insgesamt drei Mal bereist er den östlichen Mittelmeerraum, kommt auch nach Europa, gründet Gemeinden, verkündet unermüdlich das Evangelium, steht viele Konflikte mit der judenchristlich geprägten Kirche aus. Der Grundkonflikt heißt: Muss jemand, der Christ werden will, erst Jude werden - und damit die gesamte Tora übernehmen? Paulus verneint vehement (weil sonst die Liebe Gottes nicht mehr bedingungslos gälte) und macht sich weiter auf den Weg, um möglichst vielen die Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes zu verkünden. Er findet darin seine Lebensaufgabe:

"Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, kann ich mich deswegen nicht rühmen;
denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!
Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn.
Wenn es mir aber nicht freisteht,
so ist es ein Auftrag, der mir anvertraut wurde. (…)
Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen (…); Den Gesetzlosen war ich sozusagen ein Gesetzloser (…). Den Schwachen wurde ich ein Schwacher, um die Schwachen zu gewinnen.
Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten."

1 Kor 9,16-22

Paulus stellt uns Heutigen die Frage, wie ernst wir es eigentlich mit der Verkündigung des Glaubens nehmen: Sitzen wir nur selbstzufrieden in der Kirche oder unserem Wohnzimmer – oder haben wir auch ein Interesse, die Heilsbotschaft weiterzusagen? Wie und wo missionieren wir heute – nicht aufdringlich wie die Sekten, sondern durch eine Lebensführung, die deutlich macht, dass wir zu Christus gehören und auch durch das persönliche Glaubenszeugnis dort, wo es gefordert ist?

3. Paulus – der schwache und in Christus starke Apostel

Gott liebt die Menschen bedingungslos und nimmt sie an – das hat Paulus erfahren. Für ihn hatte das noch eine weitere wichtige Konsequenz, die auch uns angeht: er wusste, dass er vor Gott schwach sein darf, gerade weil Gott sich im Gekreuzigten offenbart:

„Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen.“

1 Kor 1,22-25

Für Paulus ist die Rede vom gekreuzigten Christus nicht nur ein erbauliches Gedankenspiel, sondern auch die Kraft, mit der eigenen Schwäche und Unzulänglichkeit zurecht zu kommen:

„Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt.“

2 Kor 12,9

„Ich will mich meiner Schwachheit rühmen“ – dieser Satz will recht verstanden werden: es geht Paulus nämlich nicht um ein Lob auf alles Lebensuntaugliche oder die Verherrlichung des Leidens an sich. Für ihn geht es vielmehr darum, dass er sich auch und gerade in den schwachen Momenten in seinem Leben von Gottes Liebe getragen weiß. Sie wirkt auch dann, wenn er versagt in den Augen der Menschen, wenn er etwa nicht mit großen und kraftvollen Worten redet oder keine Wunder wirkt wie andere Apostel. Das hat man ihm tatsächlich in Korinth zum Vorwurf gemacht. Paulus zählt stattdessen seine Leiden auf, die ihn mit Christus verbinden und auch sicherstellen, dass die Neubekehrten wirklich durch die Kraft Gottes glauben, und nicht etwa deswegen, weil Paulus das eine oder andere (rhetorische) Zauberkunststück vollbracht hätte:

„Ich ertrug (…) Mühsal, war häufiger im Gefängnis, wurde mehr geschlagen, war oft in Todesgefahr. Fünfmal erhielt ich von Juden die neununddreißig Hiebe; dreimal wurde ich ausgepeitscht, einmal gesteinigt,
dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden,
gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, durchwachte viele Nächte, ertrug Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Blöße.“

2 Kor 11,23b-27

Doch gibt ihm der Glaube an Christus die Kraft, mit alldem fertig zu werden:

„Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert? Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.
Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

Röm 8,35.37-39

„Ich will mich meiner Schwachheit rühmen!“ – ist dieser (und andere Sätze) nicht eine ungeheure Herausforderung für unsere Zeit, in der nur noch zählt, was „super“ ist? Uns wird doch dauernd einredet, wir müssten immer und überall super sein, damit wir etwas wert sind: seien es die Supermodels oder die Superstars oder andere Superlative. Was ist aber mit denen, die solche Ideale nicht erfüllen können? Paulus weist uns einen anderen Weg: Ich will mich meiner Schwachheit rühmen – weil sie mich in Verbindung mit dem Gott bringt, der mich auch dann noch trägt, wenn mich alle anderen fallen lassen. Das hat er in der Auferstehung des von den Menschen verworfenen Gekreuzigten gezeigt.

Heute beginnt das Paulusjahr – ich hoffe, Ihnen ein wenig Appetit gemacht zu haben sich mit dem zweiten großen Apostelfürsten zu beschäftigen, weil er uns m.E. auch heute noch viel zu sagen hat.

Zuletzt noch ein Gedanke: Petrus und Paulus, die beiden Apostelfürsten. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch gibt es nicht auch etwas, das sie über alle Unterschiede miteinander verbindet? – Ich glaube, es ist die Erfahrung der Gnade Gottes: es gab Momente, in denen sich beide wenig „fürstlich“ verhalten haben: der eine hat seine Freundschaft mit Jesus in der Nacht der Passion aus Angst verleugnet, der andere hat Jesus gehasst und die junge Kirche massiv bedrängt und verfolgt. Beide haben aber die Erfahrung gemacht, dass Gott in ihr Leben eingegriffen hat – und zwar zum Guten: er hat ihnen ihre Schuld verziehen und ihnen einen Neuanfang geschenkt. Und so sind die beiden Apostel Petrus und Paulus mit ihren ganz unterschiedlichen Lebens- und Glaubenswegen (auch Temperamenten) für uns ein Spiegel der Gnade Gottes: Gott lässt uns nicht fallen trotz unserer Schuld und liebt uns mit allen unseren Ecken und Kanten. So stehen Petrus und Paulus heute vor uns und bezeugen uns die grenzenlose Liebe Gottes, die stärker ist als alle Schuld der Menschen. Damit werden die beiden heute für uns zum Trost für den eigenen Lebensweg und verkünden uns als echte Apostel nicht nur mit Worten, sondern mit ihrem ganzen Leben das froh machende Evangelium. Amen



Pfr. Markus Lerchl

 

Festpredigt zum Patronatsfest am 29.06.2008 –
gehalten in der Kath. Pfarrkirche St. Peter in 64646 Heppenheim.

 

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