erste Fastenpredigt in der österlichen Bußzeit 2009
Pfarrer Peter Lauer, Mittenheim
Sind sie bereit zur Veränderung? Zu einer radikalen Umwandlung ihres Lebens? Sind sie bereit, sich einer ganz neuen Realität zu stellen? Würden wir Saulus darüber befragen, den jungen Ge-setzesgelehrten aus Tarsus, hätte er die Frage grundsätzlich mit Ja beantwortet. Wer würde sich denn auch von vorneherein als unbeweglich und nicht zur Veränderung bereit darstellen wollen.
Paulus war zu Veränderungen bereit. Schließlich hatte er seine Heimatstadt verlassen, um in Jeru-salem zu den Wurzeln seiner Religion und seines Volkes zu gelangen. Auf jeden Fall war dies eine starke Veränderung: in Tarsus lebte man am Tor zur Welt, an der Kilikischen Pforte. Alle Feldherren und Kaufleute der Antike mussten Tarsus passieren, das Tor zwischen Ost und West. Heute in der Türkei liegend, ist es seiner weltgeschichtlichen Bedeutung beraubt. Damals war es Schauplatz eine großen Liebesgeschichte, Marcus Antonius und Kleopatra. Der große Alexander ließ fast sein Leben, als er in der Hitze im Eiskalten Fluss badete, dem Kydnos, der aus dem Taurusgebirge herabfließt. Zu Ehren Cäsars, der 47 v. Chr. nach Tarsus kam, legte sich die Stadt den Beinamen ‚Iuliopolis’ zu, Stadt des Juliers.
Ca. 200.000 Einwohner hatte Tarsus zur Zeit des Apostels Paulus. Schon zur Zeit des Marcus Antonius wurden der Stadt und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern Steuerbefreiung und lokale Selbstverwaltung verliehen. Gut möglich, dass auch die Großeltern des Saulus schon das Privileg des römischen Bürgerrechtes erhielten. In der Apostelgeschichte berichtet Paulus: ‚Ich bin sogar als Römer geboren’ (Apg 22,28). Andere mussten sich dieses Bürgerrecht mit einer hohen Summe erkaufen, Paulus besaß das Bürgerrecht von Geburt an.
Das Leben der Großstadt prägt Paulus zeitlebens. Er war urban, ein Kosmopolit. Die Gleichnisse und die Jünger Jesu entstammten dem Leben kleiner und einfacher Leute. Mit Paulus betritt eine ganz andere Welt die junge Bühne des Christentums. Seine Welt sind Literatur und Theater, Wettkampf in der Arena und Handel, Hafen, Sklavenmarkt. Seine Sprache ist griechisch, geschult, seine Ausbildung bringt ihn mit allen Strömungen seiner Zeit zusammen, er kennt die verschiedenen philosophischen Strömungen seiner Zeit, kann die Klassiker zitieren. Die liebenswerte Anekdote, die ihm einen Briefwechsel mit dem stoischen Philosophen Seneca, dem Erzie-her des Kaisers Nero unterstellt, zeigt deutlich seine geistige Weite.
Mit ziemlicher Sicherheit entstammt er der Oberschicht, dass er das Handwerk eines Zeltmachers ausübte, ist da kein Widerspruch. Zu den Pflichten des Vaters dem Sohn gegenüber, so steht es im Talmud, gehören: ihn zu beschneiden, im Gesetz zu unterweisen und ein Handwerk lernen zu lassen. Auch wenn sich der Sohn einem geistlichen Beruf zuwendete, musste er ein Handwerk beherrschen, denn auf keinen Fall sollte der er Gemeinde zur Last fallen. Paulus wird immer wie-der als Zeltmacher arbeiten, um genau diesem Prinzip zu folgen.
Über Jerusalem, den Ort, wo es Paulus hintreibt, wissen wir viel aus den Evangelien. Auch Jeru-salem ist eine griechische Polis, eine Kleinstadt. Doch dies ist nicht das, was Paulus sucht. Er sucht seine Wurzeln, das Judentum, besser gesagt die Schule der Pharisäer. Er verlässt die Weite der Welt, um in die Enge der jüdischen Traditionen einzutauchen. In einer vom Heidentum und vom Relativismus geprägten Umwelt sucht er die Nähe zum religiösen Zentrum. Übrigens genau im Gegensatz zu Jesus. Der flieht aus der Enge von Nazareth, lässt die Vorurteile und die etablierten Religiosität hinter sich und zieht in das weltoffenere Kapharnaum.
Vielleicht dürfen wir uns den Platzwechsel des Paulus so vorstellen, dass da einer sich sein Leben lang vorbereitet hat, als ein religiöser Mensch zu leben, entsprechend der Traditionen der Vorfahren. Dass er sich zeitlebens anstrengte, um die Gesetze der jüdischen Religion zu erfüllen. Dass er sich bewusst vom Treiben seiner heidnischen Zeitgenossen fernhielt, vielleicht auch von dem, was manche seiner jüdischen Glaubensbrüder und -schwestern noch so durchgehen ließen, wer weiß. Mit Paulus betritt jedenfalls ein ganz Eifriger und Überzeugter die Jerusalemer Bühne.
Aber ach, was muss er da erleben. Er setzt sich zu Füßen des großen Gamaliël, hört seine Wei-sung und ist mit ihr in entscheidenden Fragen nicht einverstanden. Muss es diesem Greis nicht auffallen, dass diese Lehre von Jesus als dem Messias den Traditionen den Boden unter den Fü-ßen wegzieht, dass mit dem, was die Jünger verkündeten, alle Gewissheiten in Frage stehen? Wir dürfen diesem Vorgang nachspüren: der die Festigkeit gesucht hat, findet Nachgiebigkeit. Der den Ernst suchte, findet vermeintlich Beliebigkeit. Schlimmeres konnte man Paulus nicht antun.
Und so betritt Paulus als ein Monster die welthistorische Bühne. Die erste Tat, die sie von ihm berichtet, ist seine aktive Rolle als Autorität bei der Steinigung des Stephanus.
Wohlgemerkt, nicht als ein fanatisierter Teilnehmer der Steinigung wird er hier in der Apostelge-schichte beschrieben, sondern als einer, der kaltlächelnd dem Treiben des Mob zuschaut. Wir wissen wohl, nicht nur aus der Tagesschau am Abend, wie das ist, wenn fanatisierte Massen zusammen kommen. Emotionsüberschüssige Orientalen heben leicht einmal Steine auf, und das ist noch angenehmer, wenn der religiöse Segen darauf liegt. Frauen, die beim Ehebruch ertappt wer-den, religiöse Abweichler, vielleicht kann man auch die ein oder andere private Rechnung abma-chen. Bitte beschränke sie derlei Abrechnungen nicht auf Orientalen.
Aber Paulus will keine private Rechnung abmachen. Der da vom Mob hinausgetrieben wird, der sie alle zum Schwitzen bringt und die äußere Erregung bis zum Äußersten steigert, ist sein innerer Aufreger. Stephanus spricht Dinge aus, die Paulus nicht hören will, weil sie in ihm eine tiefe Sehnsucht wecken. Das kann und will er nicht zulassen, denn schließlich ist er hier in Jerusalem, um ein anständiger Jude zu werden. Auf keinen Fall ein Abweichler. Später, in seiner eigenen Reflexion im Galaterbrief, wird Paulus für seine Bekehrung das Wort ‚apokalyptein’ (Gal 1, 15) verwenden, enthüllen. Es enthüllt sich etwas, was schon da war, aber mühsam unterdrückt wur-de. Stephanus ‚bekehrt’ Paulus, ohne dass beide etwas ahnen.
Bisher war Paulus der Versuchung einer jeden Religion erlegen. Die Versuchung: Wenn ich ge-nug arbeite, wenn ich immer brav meine Verpflichtungen erfülle und darüber hinaus, kann ich mir das Wohlwollen Gottes verdienen. ‚Offensichtlich trieb die Angst vor dem Neuen, das die Christen verkündeten, Paulus dazu, sie zu verfolgen. Es war die Angst, sein eigenes Lebensge-bäude würde zusammenbrechen, wenn er sich von den Christen in ihrer Gesetzesfreiheit anste-cken ließe’ (Grün, 28) So versucht P. Anselm Grün eine Deutung.
Zurück also zur dunklen Stunde des Paulus. Die Schilderung aus dem 7. Kapitel der Apostelge-schichte: ‚Als sie das hörten, waren sie aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen. Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Men-schensohn zur Rechten Gottes stehen. Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er. Saulus aber war mit dem Mord einverstanden.’ Das Dabeistehen des Paulus bildet einen ‚schönen’ Rahmen um die Erzählung der grausamen Tat.
‚Was treibt einen Schriftsteller dazu, seinen künftigen Protagonisten so schlimm einzuführen; was denkt er sich dabei, seinen eigentlichen Sympathieträger, den er doch auf seinem Lebensweg berichtend begleiten will, so schlecht zu machen, dass den Leser das Entsetzen packt, ja der schiere Brechreiz vor diesem Menschen, der ein Unmensch ist?’ (Hildebrandt, 40). Lukas schickt sich an, die sensationellste Wandlung im Leben eines Menschen zu beschreiben, die es je gegeben hat. Je tiefer er Paulus sinken lässt, umso mehr kann Christus ihn erhöhen.
Darf Lukas das, Paulus schlechtmachen? Darf man einen Menschen so runterreden, dass von ihm nichts mehr übrig bleibt? Heute ist es Mode, bei Politikern und auch bei anderen öffentli-chen Personen die Fehler der Vergangenheit aufzudecken, um seine weitere Karriere zu verhindern.
Offensichtlich ist das bei den Christen der ersten Generationen nicht nötig. Vielmehr ist es ein besonderes Qualitätszeichen, dass Paulus durch eine überaus große Krise hindurchgehen muss, um zu dem zu werden, was er ist. Für was lohnt es sich denn sonst, ein Jünger Christi zu werden, wenn man nicht am eigenen Leibe seine rettende Tat erfahren kann? ‚Ihr blinden Narren’, so ruft Jesus den Pharisäern zu (Mt 23, 17). Als hätte er es dem Paulus zugerufen, als riefe er es mir zu.
Man hört vielfach reden vom blinden Fleck, den jeder Mensch hat. Die Anderen sehen ihn ganz genau, selbst nimmt man ihn nicht wahr. Manchmal kommt eine Gnadenstunde, in der die Blindheit ein Ende findet und erhellt wird.
Lichtvolle Gnadenstunde
Paulus ist unterwegs zu seiner lichtvollen Gnadenstunde. Er hat sich bei den religiösen Autoritä-ten Legitimation verschafft, um auch den Anhängern Jesu in anderen Städten Beine zu machen. Vielleicht sind sie auch froh, den wohl eifrigen, aber auch unruhigen Kerl los zu werden, denn Jerusalem als religiöses Zentrum ist schon aufgeheizt genug, ein Fanatiker weniger ist mehr. Zu-mal, wenn es ein schlauer Fanatiker ist.
Seinem Treiben Einhalt zu gebieten, ist offensichtlich für keinen mehr möglich. Seinem Lehrer Gamaliël nicht, der damals zur Mäßigung rät, auch sonst niemandem. Unheilvolles Zusammenwirken der Autoritäten, die sich blinden und ungezügelten Hass zu Nutze machen, nur ein Beispiel, wie es in der Welt funktioniert, wenn man die eigene Macht bedroht sieht. ‚Welt’, muss man sagen, denn mit Gott hat das nichts zu tun.
Gott ist wohl auch der Einzige, der Paulus jetzt noch aufhalten kann. Wie es jedoch geschieht, kann niemand sagen. Paulus selbst ist zurückhaltend. Er schreibt an die Galater: ‚Ihr habt doch gehört, wie ich früher als gesetzestreuer Jude gelebt habe, und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte. In der Treue zum jüdischen Gesetz übertraf ich die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein. Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte …’ (Gal 1,13-16). Die Apostelgeschichte ist ausführlicher, sie schildert dreimal die Bekehrung des Apostels, die Begegnung mit Jesus. ‚Lukas hat diese Vision mit den Stilmitteln griechischer Rhetorik dreimal be-schrieben’ (Grün, 30). Mir scheint der Verdacht unbegründet, dass Lukas hier Dichtung vor Wahrheit setze. Er versucht, das Unsagbare zu sagen. Der Galaterbrief, in dem Paulus seine Bekehrung andeutet, ist in einer ganz anderen Motivation geschrieben, es geht hier um einen An-griff auf sein apostolisches Amt. Da ist Paulus tief innerlich gefragt, seine Erregung und sein Ärger sind spürbar, schließlich ist ja aus dem Löwen kein Schaf geworden. Außerdem finde ich es ganz sympathisch, dass Paulus zurückhaltend spricht. Zu viel wird heute in Talkshows über unwichtige Details groß geschrieen, als dass man die Diskretion nicht würdigen könnte.
Wichtig ist, dass jeder erfahren kann: mit Paulus ist eine ungeheure Wandlung vor sich gegangen. ‚Als Paulus nichts mehr sah, da sah er Gott’, so deuteten es die frühen Mönche. Alle selbstgefertigten Gottesbilder wurden in ihm zerbrochen. Im Zerbrechen der Bilder wurde er offen für den wahren Gott. Der Rückgriff auf Stephanus mag erlaubt sein, denn in seinem Verhör war der eigentlich Aufreger der offene Himmel. Staunen sie bitte mit mir über die heitere Gelassenheit aus dem Glauben, denn der offene Himmel des Stephanus wurde zum Himmelsöffner für Paulus.
P. Anselm schreibt: ‚Saulus machte vor Damaskus die entscheidende Erfahrung seines Lebens. Da erkannte er, wie sein ganzes Streben, das Gesetz zu halten, und sein Eifer für den wahren Glauben durchaus gut gemeint war, aber in die falsche Richtung lief’ (Grün, 30).
Sie dürfen jetzt keinen Schrecken bekommen, wenn sie noch kein Damaskuserlebnis erfahren haben. Paulus ist nicht jedermann, er hat seine eigene Berufungsgeschichte, Petrus erlebt seine eigene und die andern Jüngerinnen und Jünger, alle sind sie Ergebnis der Begegnung mit der Liebe selbst, Christus, dem gekreuzigt Auferstandenen. Jede Kurskorrektur um der frohen Botschaft willen ist ein Bekehrungserlebnis, jede ausgestandene Krise eröffnet einen neuen Blick in den Himmel. Schätzen sie die Dunkelheit, ihre durchwachten Nächte, ihre Sorgen und Nöte, nicht zu gering ein. Hinter allem steht Gott, der sie ruft!
‚Für Saulus aus Tarsus markierte der Augenblick der Begegnung mit dem auferstandenen Christus auf dem Weg nach Damaskus die entscheidende Wendung seines Lebens. Da vollzog sich seine vollkommene Verwandlung … Der unerbittliche Verfolger der Kirche war in diesem Augenblick zu einem im Dunkeln herumtappenden Blinden geworden, aber mit einem großen Licht im Herzen, das ihn schon bald dahin bringen würde, ein glühender Apostel des Evangeliums zu werden’, so sagt es Papst Benedikt XVI. (Vespergottesdienst 25.01.2008). Hier ist die Sendung des Apostels ausgesprochen. Denn ohne Paulus wäre das Christentum nicht das Christentum. Reimarus schreibt: ‚Wenn wir die Wahrheit sagen wollen, so ist das ganze Christentum hauptsächlich Pauli System und Betrieb’ (zit. nach Hildebrandt, 20f). Erstaunt es sie nicht, dass die Altapostel noch immer in Jerusalem sitzen, während der glutentfachte himmelsoffene Paulus die ganze Welt erobert? Weiter Reimarus: ‚Das war eine Einteilung der Welt unter diesen geistlichen Conqueranten, als wenn eine europäische Macht sich ganz Amerika ausbedungen und den übrigen die Insel Tobago zugestanden hätte’ (zit. nach Hildebrandt, 20).
Für die heilsgeschichtliche Aufgabe des Paulus war diese ungewöhnliche Bekehrungsgeschichte nötig. Gott weist jeder und jedem die Bekehrungen zu, die für ihre und seine heilsgeschichtliche Aufgabe nötig sind. Lassen sie sich auf die Anfragen Jesu ein, der sie aus dem Altgewohnten und Festgefahrenen zur Freiheit ruft, der sie sendet!
Amen.
Paulus, Paulusjahr, ...